Vorsätzliche Unvollständigkeit

“Die am weitesten verbreitete Manipulation ist im Übrigen nicht das Hinzuerfinden, sondern das Weglassen.” Das sagte Brigitte Fehrle, Mitglied der Relotius-Untersuchungskommission des SPIEGEL, letztes Jahr in einem Interview (journalist 7/2019, S. 36-40) und bestätigt damit, was Watchblogs wohl seit Jahren dokumentieren. Eine Unvollständigkeit, die wir hier immer wieder anprangern müssen, ist das Fehlen von Updates. Beiträge, die sich zumindest im Nachhinein als falsch, fragwürdig oder verzerrt darstellen, bleiben meist unverändert online, bis irgendwann vielleicht ein erlösender Relaunch alle alten Beiträge aus dem Web oder zumindest aus den Suchmaschinen verbannt. Aktuelles Beispiel: die ZEIT von gestern.

Darin schreibt Karoline Preisler, Mitglied der FDP in Mecklenburg-Vorpommern, wie sie einen mutmaßlichen politischen Anschlag auf sich erlebt hat: “Am vergangenen Samstag, 8. Februar, verließen meine jüngste Tochter und ich das Haus. […]  Direkt vor der Tür wurden wir angegriffen: Eine Gruppe junger Erwachsener bewarf die 9-Jährige und mich mit Feuerwerk. Wir kamen mit dem Schrecken davon. Geweint habe ich trotzdem. Die Erfahrung der Verwundbarkeit hat meine Familie verändert. […] Mein Lebenspartner, Bundestagsabgeordneter der Liberalen, hatte kurz vor der Attacke auf uns dem Parteikollegen Thomas Kemmerich zur Ministerpräsidentenwahl in Thüringen gratuliert. Ebenfalls kurz zuvor war die Geschäftsstelle der FDP in Schwerin beschmiert worden: “Fight Nazis! Fck FDP!” Ob das alles etwas miteinander zu tun hat, ist fraglich. Sicher ist nur so viel: Nach der Wahl in Thüringen ist nichts mehr, wie es war.”

Preisler hatte darüber am Tag des Erlebnisses kurz getwittert, darauf sehr viel mitfühlende Resonanz erhalten – und die Aufmerksamkeit der ZEIT. Doch prompt am Tag der Veröffentlichung in der ZEIT berichtet die Regionalzeitung Nordkurier, dass der Böllerwurf keine politische Tat war, sondern das, was jeder Unvoreingenommene für die nächstliegende Möglichkeit gehalten hat: ein Blödsinn (zu dem die Polizei weiter als versuchte gefährliche Körperverletzung ermittelt).  Preisler selbst hat dieses Update mehrfach geteilt – doch ZEIT-online verzichtet trotz expliziter Hinweise auf diese keineswegs unwichtige Information.

Aus unserem recht umfangreichen Archiv vorsätzlicher Unvollständigkeit im Journalismus sei exemplarisch auf den “Fall Sophienhof” verwiesen: Ausgehend von Berichten der Kieler Nachrichten hatten im Februar 2016 bundesweit Medien kolportiert, “20 bis 30 Männer mit Migrationshintergrund” hätten “drei junge Frauen in dem Einkaufszentrum massiv belästigt”. Die Darstellung erwies sich als falsch.  Die Kieler Nachrichten halten ihre Beiträge dazu jedoch nicht nur ohne notwendiges Update online, Ende 2016 listeten sie einen Artikel davon ohne weiteren Kommentar als den am zweithäufigsten gelesenen.

Wie es zur Medienkarriere dieser erfundenen Geschichte kam und an wie vielen Stellen dabei Journalisten versagt haben lässt sich unter anderem in einem schönen Podcast nachhören, aus der Reihe “Geschichten gegen den Hass“. Autor: ZEIT-Journalist Bastian Berbner.

Siehe zum Thema auch: Sorgenkind Fairness (zur fehlenden Verknüpfung mit Gegendarstellungen) und
Ein Jahr nach Hitzacker – Das Schweigen über ein journalistisches Versagen

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