Negativpreis “Verschlossene Auster” für den SPIEGEL

Juan Moreno erhält den “Leuchtturmpreis” des “Netzwerk Recherche” 2019. Der Verein “würdigt damit die Aufdeckung der Relotius-Manipulationen durch den freien Spiegel-Reporter. ‘Juan Moreno hat seinen journalistischen Kompass und seine Unabhängigkeit beispielhaft bewiesen. Er hat hartnäckig und mutig gegen Widerstände im eigenen Haus recherchiert und dabei viel riskiert – um schließlich zu enthüllen, was lange niemand wahrhaben wollte’, so Julia Stein, Vorsitzende von Netzwerk Recherche.” (NR-Mitteilung)

Juan Moreno hat den Preis ohne Zweifel verdient. Denn während viele journalistische Klugscheißer im Nachhinein polterten, die Fehler in Claas Relotius’ Texten hätten doch jedem Praktikanten auffallen müssen und sie hätten in ihrem Hintertupfinger Dorfanzeiger selbstverständlich ein entlarvendes Fact Checking betrieben, hat Moreno tatsächlich und auf eigene Faust recherchiert und den großen Skandal zu Tage gefördert.  Weiterlesen

Korinthe (90): Verbotene Messer werden verboten

Illustrationen zu journalistischen Artikeln werden redaktionell oft als Füllstoff gegen Textödnis gesehen, Insbesondere, wenn ihnen der Hinweis “Symbolbild” angepinnt wird, ist der Informationswert meist null – es sei denn, das Symbolbild verrät, dass da jemand gar keine Ahnung hat von dem Thema, das gerade publiziert wird. Glyphosat ist immer wieder ein Paradebeispiel dafür.
Oder aktuell die medienweite Bebilderung zur Mutmaßung, die Bundesländer wollten das Waffengesetz verschärfen und örtlichen Behörden die Möglichkeit geben, das Mitführen von Messern an bestimmten Orten komplett zu verbieten.   Weiterlesen

Was Kühnert sagt, ist egal

Die deutschen Medien lamentieren immer noch über Kevin Kühnert – obwohl sein Angebot doch war, über “den Anspruch, dass eine bessere Welt nicht nur denkbar, sondern auch realisierbar ist” zu reden. Eine Medienkritik ist dazu gerade bei Telepolis erschienen: Journalismus für die Mächtigen.

Wenn aber tatsächlich mal von Kevin Kühnert zu reden ist anstatt über ein von ihm vorgeschlagenes Großthema, dann haben die deutschen Medien große Mühe, ihn überhaupt nur wahrzunehmen.   Weiterlesen

Grönemeyer schlägt Presse gaga

Im Dezember 2014 echauffierten sich zahlreiche Medien und deren Protagonisten, Herbert Grönemeyer habe auf zwei Pressefotografen eingeschlagen, als diese ihn in  der Öffentlichkeit fotografieren wollten. Durchgängig war von “Ausraster” und “Angriff” die Rede.
Weil Journalisten notorisch unfähig zur Selbstkritik sind und bis auf wenige, klar benennbare Ausnahmen einen der Polizei nicht unähnlichen Korpsgeist zelebrieren, hatten wir schon damals an der “Berichterstattung” erhebliche Zweifel, die – zugegeben – von einer grundlegenden Sympathie zu dem angeblichen Schläger gestützt wurde. Aber die meisten Berichte servierten zu sehr als Fakten, was zu diesem Zeitpunkt allenfalls Annahmen und Interpretationen sein konnte.  Weiterlesen

Lesebeute: Statistik

Auf zwei aufschlussreiche medienkritische Beiträge zur Statistik wollen wir hier verweisen, weil sie über den Tag hinaus lehrreich sein können:

* Zur Aussagekraft von Befragungen und dem Mut zur Kristallkugel: Wie die Leute vom Stern Unsinn in eine britische Studie hineininterpretierten (Der Graslutscher, 17. Januar 2019)

* Warum Besuche und Besucher zwei völlig verschiedene Größen sind: Zur Kenntnis … vom Nutzen der Zahlen (Peter Grabowski, der kulturpolitische reporter, 16. Januar 2019)

Siehe hierzu auch bei uns: 
* Statistik für Angstfreie (Korinthe 85)
Die ewig falsch verstandene “Polizeiliche Kriminalstatistik” (von Prof. Henning Ernst Müller)
* und ein paar andere Beiträge

Claas Relotius – Linksammlung zu einem Medienskandal

Der SPIEGEL und zig andere Medien haben unwahre Geschichten des Reporters Claas Relotius veröffentlicht. Gerade für den SPIEGEL mit seiner berühmten “Dokumentationsabteilung”, die angeblich penibel jedes Detail in einem Beitrag vor Veröffentlichung prüft, ist das extrem peinlich. Redakteur Claas Relotius hat zugegeben, in seinen Reportagen  kleine und große Dinge schlicht erfunden zu haben. Weil der Skandal für die gesamte Branche relevant ist, dokumentieren wir hier einige Veröffentlichungen dazu (wird fortlaufend aktualisiert). Zunächst die wichtigsten Neuerungen, dann Beiträge in betroffenen Medien selbst, danach einige besonders interessante Resonanzen. Besonders wichtige/ lesenswerte Beiträge kennzeichnen wir (vorübergehend) rot. Für Hinweise, insbesonders zu als falsch identifizierten Texten, sind wir dankbar. 

+ Die Offenbarung: SPIEGEL legt Betrugsfall im eigenen Haus offen (Ullrich Fichtner, 19.12.2018)
Kritik an diesem reportagenhaft geschriebenen Stück (der wir uns völlig anschließen können): “Fühlen, was sein könnte” (Salonkolumnisten, 19.12.2018). Auszug:

>>[…]   ein Text, der für einen Außenstehenden völlig unerklärlich ist und Insider fassungslos machen muss. „Kurz vor dem Ende seiner Karriere kommen sich Glanz und Elend im Leben des Claas Relotius einmal ganz nah“, steht da. Ein sehr schöner Satz. Ein Romansatz. Der passende Einstieg in eine Reportergeschichte, in der wir die Büronummer von Claas Relotius erfahren und nach einer 40.000 Anschläge oder 20 Din-A4-Seiten langen Reise durch Relotius‘ beste Fake-Reportagen wiederum mit einem schönen Satz verabschiedet werden.<<

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Sorgenkind Fairness

Warum sich Redaktionen so schwer tun, Gegendarstellungen zu veröffentlichen, weiß der Kuckuck (dass es die Redaktionen selbst wissen ist zu bezweifeln, jedenfalls gab es da noch keine Erkenntnis bringende Erklärung).
Noch unverständlicher ist allerdings, weshalb sie auch mit gerichtlich erstrittenen Gegendarstellungen so hadern.
Bereits vor neun Jahren haben wir den Spiegel gefragt, warum im Online-Archiv nicht von Artikeln auf zugehörige Gegendarstellungen verwiesen wird. Sie erscheinen zwar Wochen bis Monate später, müssten also ggf. einfach manuell verlinkt werden. Aber nennenswert Arbeit kann das erst machen, wenn es sehr, sehr viele Gegendarstellungen gibt – und dann ist das Problem wohl in Wahrheit ein anderes.

Vor neun Jahren teilte der Redaktionssprecher mit, man arbeite daran. Das Anliegen wurde also gar nicht negiert – was im Sinne vollständiger Berichterstattung auch schwer zu begründen wäre. Doch bis heute zeigt der Spiegel (wie wohl die allermeisten Medien) noch keine Bereitschaft, das gesetzliche Gegendarstellungsrecht so anzuwenden, dass man bei Recherchen neben alten Artikeln auch alte Gegendarstellungen findet.

Besonders drollig ist dies in einem Fall, den der Spiegel bis vors Bundesverfassungsgericht gebracht hat:  Weiterlesen

Medienkritik – eine empirische Sammlung

In unserem kleinen Blog Spiegelkritik beschäftigen wir uns seit März 2006 letztlich immer mit Qualität im Journalismus. “Richtigkeit” war dabei stets nur eines von vielen Kriterien, ebenso haben wir Fragen der Relevanz, der Vollständigkeit, Unabhängigkeit, Transparenz, Rechtmäßigkeit und vielem mehr nachgespürt und Überlegungen zur Diskussion gestellt.
Derzeit versuchen wir uns an einem neuen Projekt, mit dem Medienkritik systematischer gelingen soll. Details können wir noch nicht verraten, aber die Grundlage soll reine Empirie bilden, nämlich die Dokumentation journalistischer Leistungen. Es soll gerade nicht um Dogmatik gehen, wie so oft in “Watchblogs”.  Weiterlesen

Medienereignis Özil – Le fait est moi

Das Sommerloch wird mal wieder mit Fußball gefüllt. Allerdings nicht dem Spiel an sich, sondern dem Drumrum, Stichwort: Mesut Özils Rückzug aus der Fußballnationalmannschaft, begründet u.a. mit Rassismuserfahrungen.
Zu einem solchen Thema kann jeder etwas sagen, ohne große Mühe. Der Journalismus sollte, wenn er sich dessen annimmt und nicht davon ausgeht, dass auch ohne ihn alle hinreichend vom Ereignis und diversen Kommentierungen erfahren, etwas Ordnung in die Publikationsflut bringen, Wichtiges von Unwichtigem scheiden, Fakten zur Verfügung stellen. Doch das misslingt oft. Einige Spotlights:  Weiterlesen

Ihre Einschätzung: Ist das parteiisch?

Ihre Mithilfe ist erbeten: enthält eine Schlagzeile wie die folgende für Sie schon eine Aussage über den Unfallverursacher?

Es gibt bei dieser (üblichen) Form der Unfallschilderung jedenfalls einen aktiven und einen passiven Part: der Bus fährt in den Rettungswagen, nicht umgekehrt. Schwingt für Sie dabei auch die Aussage mit: Bus verursacht schweren Unfall (weil er ja in den Rettungswagen “kracht” und nicht umgekehrt Opfer eines schnell fahrenden RTW wurde)?

Und wie sieht es bei folgender Formulierung aus?

Der Bus der Gruppe war am Sonnabend zwischen Lensahn und Cismar mit einem Rettungswagen zusammengestoßen.

Ist “zusammenstoßen” neutral oder auch aktiv?
Hintergrund: die Unfallursache ist bisher laut Polizei unbekannt.

Für Ihre Einschätzungen wären wir dankbar, z.b. über die Kommentare (Sie müssen in diesem Fall hier nicht Ihre tatsächliche E-Mail-Adresse angeben!).