Tagesspiegel: Von Katastrophe bis Katastrophe

Der Checkpoint Newsletter des Tagesspiegels ist so erfolgreich, weil er süffisant kommentiert, was in der  Stadt Berlin passiert. Dabei darf und muss zugespitzt werden, Ausgewogenheit ist nicht das oberste Ziel. Für die Journalistik dürfte das recht ergiebig werden, wenn sich mal jemand an die detaillierte Auswertung machen wird. Denn vom Querlesen her ist zu vermuten, dass sich trotz der verschiedenen Autoren des morgendlichen Newsletters eindeutige Meinungstendenzen feststellen lassen, was für Presseprodukte auch nicht unüblich wäre.

Eine Qualitätsgrenze ist jedoch stets erreicht, wenn Journalisten skandalisieren. Denn damit verfolgen sie ausschließlich kommerzielle Eigeninteressen: statt zu informieren, damit Orientierung zu geben und die individuelle Meinungsbildung der Kunden zu ermöglichen, gibt es klassische Schwarz-Weiß-Geschichten, Gut und Böse, und die selbst geschaffene Erregung lässt sich preisgünstig für immer weitere Berichte und Kommentare nutzen.

So macht es der Checkpoint in seiner heutigen Ausgabe wieder:

Seit dem Wochenende ist ordentlich Dampf unterm Mietendeckel, versuchen wir doch mal, die Temperatur etwas herunterzudrehen. Die Reaktionen auf das, was Lompschers linke Stadtentwicklungsexperten offenbar ausarbeiten (max 7,97 € für alles außer Neubau) reichen ungefähr von Katastrophe bis Katastrophe. Kurze, unvollständige Zusammenfassung:

schreibt Anke Myrrhe und listet dann einzelne Statements auf, die eben allesamt den Diskussionsentwurf zur Mietpreisbegrenzung der Linken-Senatorin Katrin Lompscher verreißen. Doch für die Bandbreite hat sich die Autorin auf Politiker konkurrierender Parteien und Wirtschaftsvertreter beschränkt. Hätte man da etwas anderes erwarten sollen? Kann man ein Thema überhaupt darstellen, wenn man sich nur auf Lobbyisten stützt, selbst wenn sie “vielfältig” ausgewählt wären?  Weiterlesen

Kluger Kopf komm’n’ziert nicht gern (Korinthe 92)

Während Spiegel-Online auf einen Fehler unterhalb der Eklat-Schwelle, immens beschäftigt mit der Qualitätssicherung am Beginn der Post-Relotius-Ära, erst gar nicht reagiert, nehmen Kollegen der FAZ doch schon am Folgetag das Gelächter über einen Bockschuss des Hauses zur Kenntnis. Was zum Social-Media-Sendungskonzept aber auch dort nicht gehört: irgendwie mit der Community zu kommunizieren, die man sich dort an die Hacken gebunden hat.

Auf 20:42 Uhr am Samstag (3. August 2019) ist ein FAZ-Plus-Artikel datiert, der Alexander Dobrindt als Verkehrsminister ausgibt.

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Negativpreis “Verschlossene Auster” für den SPIEGEL

Juan Moreno erhält den “Leuchtturmpreis” des “Netzwerk Recherche” 2019. Der Verein “würdigt damit die Aufdeckung der Relotius-Manipulationen durch den freien Spiegel-Reporter. ‘Juan Moreno hat seinen journalistischen Kompass und seine Unabhängigkeit beispielhaft bewiesen. Er hat hartnäckig und mutig gegen Widerstände im eigenen Haus recherchiert und dabei viel riskiert – um schließlich zu enthüllen, was lange niemand wahrhaben wollte’, so Julia Stein, Vorsitzende von Netzwerk Recherche.” (NR-Mitteilung)

Juan Moreno hat den Preis ohne Zweifel verdient. Denn während viele journalistische Klugscheißer im Nachhinein polterten, die Fehler in Claas Relotius’ Texten hätten doch jedem Praktikanten auffallen müssen und sie hätten in ihrem Hintertupfinger Dorfanzeiger selbstverständlich ein entlarvendes Fact Checking betrieben, hat Moreno tatsächlich und auf eigene Faust recherchiert und den großen Skandal zu Tage gefördert.  Weiterlesen

Fliegenschissjournalismus

Der Drang vieler Journalisten und fast aller ihrer Medienbetriebe zur Skandalisierung ist wirklich in gesundheitsgefährdendem Ausmaß eklig. Obwohl es ja zur Routine von uns Medienkonsumenten gehören müsste, diese billigen Inszenierungen rein um des eigenen publizistischen Vorteils willen zu ignorieren, treibt mir jede dieser Schwachsinnsaktionen den Puls in die Höhe. Weil es so billig  ist. Weil es so unjournalistisch ist. Weil es desinformiert anstatt aufzuklären. Und weil ich mich mit den Menschen, die Medienskandale vorantreiben, nicht gemein machen möchte.

Nun wäre mir das Ignorieren heute fast gelungen, ich hatte nach dem ersten Kontakt mit dem Stichwort “sieben Plagen” alle Spam-Filter gesetzt, – aber  dann penetrierte mich ausgerechnete Deutschlandfunk Kultur mit dieser Aufmachung:

Ein eigener Beitrag. Mit einem Zitat der CDU-Vorsitzenden. Aber nicht, um das Gesagte zu vermitteln, nämlich dass Annegret Kramp-Karrenbauer die Union für Dinge verantwortlich gemacht sieht, die sie sich nicht zurechnen lassen möchte. Sondern um aus dem Klugscheißermodus heraus einen “Sturm der Entrüstung” im Netz zu erzeugen, über den man dann als “Shitstorm” berichten kann.   Weiterlesen

Korinthe (90): Verbotene Messer werden verboten

Illustrationen zu journalistischen Artikeln werden redaktionell oft als Füllstoff gegen Textödnis gesehen, Insbesondere, wenn ihnen der Hinweis “Symbolbild” angepinnt wird, ist der Informationswert meist null – es sei denn, das Symbolbild verrät, dass da jemand gar keine Ahnung hat von dem Thema, das gerade publiziert wird. Glyphosat ist immer wieder ein Paradebeispiel dafür.
Oder aktuell die medienweite Bebilderung zur Mutmaßung, die Bundesländer wollten das Waffengesetz verschärfen und örtlichen Behörden die Möglichkeit geben, das Mitführen von Messern an bestimmten Orten komplett zu verbieten.   Weiterlesen

Korinthe (89): Europa wählt nicht

“Europa wählt”, bekommen wir derzeit allenthalben zu hören und zu lesen. Dabei wäre der Totum-pro-parte-Spaß doch größer, käme er der Realität näher: “Europa wählt nicht” muss es eigentlich heißen. Weil nicht nur etwa ein Fünftel der Einwohner gar nicht wählen dürfen, sondern von den Wahlberechtigten in der Vergangenheit weniger als die Hälfte etwas aus dem Angebot genommen haben.

Wer allerdings mit konkreten Zahlen kommt, hat die Wahl zwischen wählen und nicht-wählen nicht mehr. Bei “Ze.tt” steht:

Dass 500 Millionen Menschen wählen werden, ist nicht nur unwahrscheinlich, sondern ausgeschlossen – andernfalls hätte sich der Artikel, unter dem diese Info steht, überraschend erledig. Denn sein Thema ist ja gerade der Wahlrechtsausschluss Unter-18-Jähriger.

Derdiedas meiste (Korinthe 88)

Unter anderem “Übermedien” hat vor zwei Wochen auf eine arg schräge Medienrezeption der Antwort auf eine belanglosen Anfrage der AfD im Landtag Saarland hingewiesen. U.a. unser Liebling Spiegel.de hatte per Überschrift behauptet: “Die meisten Messerangreifer heißen Michael“. Die vor allem in Reduktionsdiensten wie Twitter,  aber etwa auch bei der Saarbrücker Zeitung vermittelte Botschaft lautete, politisch hoch motiviert:  “Keine arabischen Namen unter den Top 10”.

Was dabei gelegentlich unterging oder unterschlagen wurde: Es ging bei dieser Auswertung   von Vornamen zur “Messerkriminalität” im Saarland zwischen Januar 2016 bis April 2018 nicht um alle mutmaßlichen Straftaten, die mit einem Messer begangen worden waren, sondern nur um diejenigen, bei denen als Tatverdächtiger ein deutscher Staatsbürger registriert worden war.

Soweit, so verdienstvoll. Doch nun legt Boris Rosenkranz im Übermedien-Newsletter nochmal nach und schreibt, mit Bezug auf nicht korrigierte falsche bzw. irreführende Überschriften,  dass “eben nicht die meisten aller Messerstecher im Saarland Michael heißen, sondern die meisten aller deutschen Messerstecher.”

Und das ist eben auch falsch. Denn “die meisten” bedeutet: der größte Teil, die größte Menge von etwas, die Mehrzahl. Dass dies nicht zutrifft, kann jedes Milchmädchen im Kopf überschlagen: Bei 842 ermittelten deutschen Tatverdächtigen brauchts halt schon 421 gleiche Vornamensträger. Illusorisch. Und auch die Addition der “TOP 10” bleibt  davon weit entfernt.

Was gemeint ist: Der Vorname Michael kommt am häufigsten vor – nämlich 24 Mal. Damit heißen aber noch lange nicht “die meisten aller deutschen Messerstecher”: Michael. DAS nämlich wäre wohl nicht mehr nur für die AfD ein Kopfkratzer.

“Aber, gut, wer differenziert heute schon noch? Und die Kollegen werden sicher irgendeinen Grund haben ,an dem Fehler festzuhalten. Ob wir noch mal nachfragen?”

Satire ist kein Fake

Es war ja klar, dass seit dem 19. Dezember 2018 alles mögliche “Fake” und “Relotius”  ist. Dass der Skandal zu diversen Grundsatzdiskussionen führt, ist ein schöner Nebeneffekt. Was dabei aber alles durcheinander gerät, ist unschön.

So haben diverse Professoren die Gelegenheit genutzt, ihr Credo zu beten, es gebe keine Objektivität im Journalismus, keine Wahrheit, keine Richtigkeit, weil ja alle Wahrnehmung nur Konstruktion von Wirklichkeit sei. Michael Meyen: schreibt:

Objektivität, Trennung von Nachricht und Meinung, Neutralität, Unabhängigkeit, Vielfalt, Ausgewogenheit: Solche Kriterienkataloge sind verräterisch, weil sie etwas versprechen, was niemals einzulösen ist, und so die Selektivität verdecken, die jede Berichterstattung ausmacht (vgl. Lippmann 2018: 293).

All diese Kriterien bestreiten keineswegs Selektivität der Berichterstattung, sie sollen sie viel mehr begründen helfen. So wie “Transparenz”, die Meyen (mit vielen anderen) als Ersatz für den Objektivitätsmythos empfiehlt. Aber das wird ein anderes Mal genauer zu verhandeln sein, das Thema läuft uns bestimmt nicht weg, zu viele universitäre Jobs hängen davon ab, dass diese Debatte nicht endet.

Problematischer, weil ohnehin selten betrachtet, ist die Ausdehnung des Fake-Begriffs auf die Satire. Oder eben: das Verkennen von Satire als Fake.  Weiterlesen

Dauerbrenner Silvesterfeuerwerk und kein Ende in Sicht

Natürlich auch in diesem Jahr kurz vor Silvester: die Debatte ums Feuerwerk und die private Knallerei. Jedes Jahr dasselbe Thema, nur die Argumentationsmoden wechseln ein wenig. Letztlich ein Paradebeispiel für nutzlosen Journalismus, denn: Klarheit schafft keine dieser Debatten. Jeder darf sich in seiner Pose gefallen und sozialmedial dafür Applaus sammeln.

Dabei ist die Sache m.E. recht einfach. Da es stets um die Frage eines Verbots geht, spielt die persönliche Vorliebe oder Abneigung gar keine Rolle – denn dann ließen sich alle Grundsatzfragen mit einer Stimmungsabfrage klären, was aber gerade nicht demokratisch ist, sondern nur Willkür einer artikulierten bzw. potenten Mehrheit.  Weiterlesen

Meinung muss auf Recherche gründen

Journalismus muss nicht neutral sein. Journalistinnen und Journalisten haben die Aufgabe, über Ereignisse, Entwicklungen und Zustände fair, sachgerecht und mit der nötigen Distanz zu berichten, aber das Berichtete auch zu interpretieren und zu kommentieren. Genau dazu wurden drei Typen von Darstellungsformen erfunden […]

Roger Blum, Ombudsmann des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der Schweiz (SRF) und früher Professor für Medienwissenschaft in Bern, hat sich in der Aargauer Zeitung für Meinungsjournalismus ausgesprochen – und dafür in Journalistenkreisen erwartebaren Applaus bekommen.

Seine Darstellung der journalistischen Rolle ist präzise und in ihrer Kürze bestechend. Allerdings sollten seine Kernaussagen auch völlig unstrittig sein. Blum endet:  Weiterlesen