Autopsie: Die harsche Kritik an Relotius-Enthüller Juan Moreno

Die ZEIT hat mit einem kritischen Beitrag über das Buch “1000 Zeilen Lüge” von Juan Moreno die Relotius-Story neu auf die Tagesordnung gesetzt, der Medienjournalismus ist gut damit beschäftigt. Es geht um den hehren Anspruch des “Qualitätsjournalismus”, aufgehängt an verschiedenen Aspekten der “Richtigkeit”. Da bietet es sich an, den Ausgangsartikel selbst auf seine journalistische Akkuratesse hin zu untersuchen. Diese hier lose erscheinenden Autopsien sind als Fragestellung und Einladung zum Gespräch zu verstehen, nicht als Besserwisserei. Aus Gründen des Urheberrechts sind aus dem ZEIT-Artikel natürlich nur die notwendigen Passagen zitiert.

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Ein Jahr nach Hitzacker – Das Schweigen über ein journalistisches Versagen

Zur Vollständigkeit einer Nachricht gehört, spätere Erkenntnisse, die für die Beurteilung  des Sachverhalts wichtig sind, deutlich als Ergänzung,  Follow up, oder Korrektur zu vermelden – und auf  solche  wichtigen Veränderungen in Online-Medien auch direkt vom Ursprungseintrag aus zu verlinken. Denn andernfalls bleiben unvollständige bzw. unrichtige  “Nachrichten” über Jahre verfügbar. Dies ist jedoch keine “Orientierungsleistung”, was als Grundaufgabe des Journalismus gesehen wird.

Diese wichtigen Folgeberichte gibt es zwar in vielen Fällen – schon aus ökonomischem Eigeninteresse bringen Medien gerne zahlreiche Beiträge zu einem einzigen Ereignis und den entsprechenden Reaktionen darauf. Doch zum einen ist das  längst nicht immer der Fall: Häufig wird ein Verdacht, eine Beschuldigung, eine Vermutung groß vermeldet, die weitere Entwicklung und vor allem das wirklich aufklärende Ergebnis jedoch nicht mehr.

Ein Paradebeispiel dafür, das in die Lehrbücher  eingehen sollte, ist der “Fall Hitzacker”.  Weiterlesen

Claas Relotius – Linksammlung zu einem Medienskandal

Der SPIEGEL und zig andere Medien haben unwahre Geschichten des Reporters Claas Relotius veröffentlicht. Gerade für den SPIEGEL mit seiner berühmten “Dokumentationsabteilung”, die angeblich penibel jedes Detail in einem Beitrag vor Veröffentlichung prüft, ist das extrem peinlich. Redakteur Claas Relotius hat zugegeben, in seinen Reportagen  kleine und große Dinge schlicht erfunden zu haben. Weil der Skandal für die gesamte Branche relevant ist, dokumentieren wir hier einige Veröffentlichungen dazu (wird fortlaufend aktualisiert). Zunächst die wichtigsten Neuerungen, dann Beiträge in betroffenen Medien selbst, danach einige besonders interessante Resonanzen. Besonders wichtige/ lesenswerte Beiträge kennzeichnen wir (vorübergehend) rot. Für Hinweise, insbesonders zu als falsch identifizierten Texten, sind wir dankbar. 

+ Die Offenbarung: SPIEGEL legt Betrugsfall im eigenen Haus offen (Ullrich Fichtner, 19.12.2018)
Kritik an diesem reportagenhaft geschriebenen Stück (der wir uns völlig anschließen können): “Fühlen, was sein könnte” (Salonkolumnisten, 19.12.2018). Auszug:

>>[…]   ein Text, der für einen Außenstehenden völlig unerklärlich ist und Insider fassungslos machen muss. „Kurz vor dem Ende seiner Karriere kommen sich Glanz und Elend im Leben des Claas Relotius einmal ganz nah“, steht da. Ein sehr schöner Satz. Ein Romansatz. Der passende Einstieg in eine Reportergeschichte, in der wir die Büronummer von Claas Relotius erfahren und nach einer 40.000 Anschläge oder 20 Din-A4-Seiten langen Reise durch Relotius‘ beste Fake-Reportagen wiederum mit einem schönen Satz verabschiedet werden.<<

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Ein Brief vom Onkel aus Amerika

Ungebetene Ratschläge werden meist als unhöflich empfunden und reflexartig zurückgewiesen – was nur selten schade ist. Denn jeder gute Ratschlag verlangt zu verstehen, was der Beratene eigentlich will, auch und gerade, wenn man ihn auf ein anderes Pferd setzen möchte.
Dies ist einer der Gründe, weshalb Wissenschaftler es gerne bei der Forschung belassen, allenfalls Hinweise geben zur Interpretation ihrer Erkenntnisse, ansonsten aber von Ratgaben zur guten Lebensführung absehen.
Nun geben ausgerechnet Journalisten bekanntlich permanent ungefragt Ratschläge aller Art (sie sind nicht nur Co-Trainer, wie jeder gute Deutsche, sondern auch Co-Kanzler, Co-Minisster und Co-Papst, Cheffeminist und mindestens Oberdirektor einer Volksschule). Daher nehmen sie es Jay Rosen bestimmt nicht übel, dass er ihnen ungebeten* Ratschläge erteilt hat wie diesen:

Lernen Sie, [mit dem Spannungsverhältnis zwischen Objektivitätsgebot und Demokratieverteidigung] umzugehen. Vertrauen Sie niemandem, der es beseitigen will.

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Medienkritik – eine empirische Sammlung

In unserem kleinen Blog Spiegelkritik beschäftigen wir uns seit März 2006 letztlich immer mit der Qualität journalistischer Beiträge. “Richtigkeit” war dabei stets nur eines von vielen Kriterien, ebenso haben wir Fragen der Relevanz, der Vollständigkeit, Unabhängigkeit, Transparenz, Rechtmäßigkeit und vielem mehr nachgespürt und Überlegungen zur Diskussion gestellt.
Derzeit experimentieren wir, Medienkritik etwas systematischer an einzelnen Beiträgen zu üben. Dazu schauen wir uns einzelne Werke sehr genau unter verschiedenen Qualitätsaspekten an. Ausgangspunkt dafür ist meist bereits publizierte Medienkritik. Es soll gerade nicht um Dogmatik gehen, wie so oft in “Watchblogs”, sondern um Empirie.  Weiterlesen

Ihre Einschätzung: Ist das parteiisch?

Ihre Mithilfe ist erbeten: enthält eine Schlagzeile wie die folgende für Sie schon eine Aussage über den Unfallverursacher?

Es gibt bei dieser (üblichen) Form der Unfallschilderung jedenfalls einen aktiven und einen passiven Part: der Bus fährt in den Rettungswagen, nicht umgekehrt. Schwingt für Sie dabei auch die Aussage mit: Bus verursacht schweren Unfall (weil er ja in den Rettungswagen “kracht” und nicht umgekehrt Opfer eines schnell fahrenden RTW wurde)?

Und wie sieht es bei folgender Formulierung aus?

Der Bus der Gruppe war am Sonnabend zwischen Lensahn und Cismar mit einem Rettungswagen zusammengestoßen.

Ist “zusammenstoßen” neutral oder auch aktiv?
Hintergrund: die Unfallursache ist bisher laut Polizei unbekannt.

Für Ihre Einschätzungen wären wir dankbar, z.b. über die Kommentare (Sie müssen in diesem Fall hier nicht Ihre tatsächliche E-Mail-Adresse angeben!).

 

Unfassbare Aktionslosigkeit

Zur Berichterstattung über eine kleine spontane Demonstration im Wendland, die nachfolgende Polizeiarbeit und das große Versagen des Journalismus.

Eine inzwischen lange Sammlung, die unten weiterhin ergänzt wird. 
Summary als Kommentar

1. Einleitung

Die professionellen Nachrichtenmedien Deutschlands haben über das Pfingstwochenende mal wieder einen Skandal inszeniert, der mehr als lehrbuchmäßig ein journalismusfreies Publikationsbusiness zeigt. Das Verhalten der Nachrichtendistributoren erinnert an die Bahnmitarbeiter, die einige Zeit an Fahrkartenautomaten postiert wurden, um dem willigen Transportgut dessen Bedienung zu erläutern und damit den eigenen Arbeitsplatz oder den der Kollegen am Schalter abzubauen.

Das Presse-Äquivalent: Landauf landab übernehmen Redaktionen ohne jede eigene Recherche eine Pressemitteilung der Polizei, skandalisieren sie und kolportieren die von ihnen so geschaffene, bis aufs Komma völlig vorhersehbare Erregung. Das lässt sich bequem mit dem Smartphone vom Grill aus erledigen. Es lässt sich allerdings auch komplett ohne Journalisten erledigen.

Erst kürzlich echauffierte sich eine Journalisten-Gewerkschaft (die sinnigerweise und zukunftsweisende auch PR-ler vertritt), die Polizei mache mit ihren Pressemitteilungen im Internet den Job der freien Presse. Rauszuhören war schon damals, dass es nicht darum geht, selbst zu recherchieren (denn dann störten behördlich verbreitete Statements ja nicht), sondern die “Bullenmeldungen”, wie das in der stahlarbeiterkampferprobten Ausbildungsredaktion am Niederrhein  hieß, von einem nicht-öffentlichen Kanal auf einen öffentlichen zu heben. Früher wurden dazu Faxe abgetippt (und prosaisch aufgehübscht), heute geht’s mit Copy&Paste (weshalb die Damen von der Texterfassung längst zum privaten Sicherheitsdienst oder der mobilen Altenpflege gewechselt sind).  Weiterlesen

Medienkritik, wo ist der Journalismus?

Die mediale Vermittlung der sogenannten #metoo-Debatte* macht ein großes Problem des Journalismus sichtbar: er bemüht sich wenig um Aufklärung (Information) und versucht stattdessen, seine Kunden über applausfähige Meinungen zu binden. Das wäre ein recht normaler, weil bequemer Vorgang (“Billigproduktion”), wenn wenigstens das kleine Ressort der Medienkritik (“Journalismusjournalismus”) noch nach den Regeln der Kunst arbeiten würde. Doch auch dort steht der Glaube, das eigene Befinden, inzwischen über allem. Damit gibt sich der Journalismus aber auf – und wird je nach Schönheit zu Propaganda oder Literatur.

Rein wirtschaftlich können Verlage und Sender natürlich auf Meinungsprostitution setzen (so wie jeder alles machen darf, ggf. mit entsprechenden Konsequenzen), aber dann sollte auch schleunigst die Rollen(selbst)zuschreibung geändert werden: Journalismus stellt Fragen und sucht Antworten dazu. Das verlangt vieles, allem voran aber Interesse (das natürlich professionell gespielt sein kann, es muss also gerade nicht vom Herzen kommen) und ein Mindestmaß an Verstand.

Nehmen wir die Kritik von Thomas Fischer an der Verdachtsberichterstattung der ZEIT über Dieter Wedel und den Umgang der Medien damit. Dass sich das Publikum an einer solchen Stelle sehr schnell in Fanblöcken sortiert, ist ein beobachtbares Phänomen, das wie jedes Phänomen seine Gründe hat. Aber dass sich auch viele Journalisten in diese Fanblöcke stellen und auf ihren stets mit der Wichtigkeit ihrer Arbeitsplätze aufgeladenen Privataccounts die Fahnen schwenken, befördert Zweifel an der Funktionsfähigkeit des Journalismus. Die ZEIT hat peinlicherweise nicht nur die Veröffentlichung des Fischer-Textes abgelehnt, sondern dem bis eben noch Star-Autor gleich komplett die Beziehung gekündigt. (Erschienen ist Fischers Text dann bei Meedia.)  Weiterlesen

Gonzo macht Presse gaga

Gagajournalismus ist eine zwangsläufige Evolutionsstufe des kapitalistischen Nachrichtengeschäfts: geringste Produktionskosten und ein selbst generierter Absatz des Plunders, das freut das Haus. Warum sich die Medienkritik gleichwohl immer  mal wieder mit diesen Produkten beschäftigen sollte: weil dieser Produktionsstil vermutlich gelegentlich auch für die angeblich höherwertigen Beiträge eingesetzt wird. Heutiges Fallbeispiel: die Skandalisierung eines popeligen Blogbeitrags, den zwar so gut wie niemand zur Kenntnis genommen hat, der sich aber für  eine ganze Reihe von Gagaartikeln hervorragend eignet.

Das Mini-Ereignis: Hardy Prothmanns “Rheinneckarblog” (RNB) brachte in den sehr frühen Morgenstunden des letzten Sonntags einen Bericht über einen angeblichen Terroranschlag in Mannheim – den “bisher größten in Westeuropa”. Nach einer Reihe leicht wirrer Details über Tote und Verletzte, Tatorte und blockierte Nachrichtenkanäle bricht der Text mit der Fiktion:

Auf Rückfrage unserer Kontakte bestätigen uns alle Sicherheitsbehörden, dass es bislang nur eine abstrakte Gefährdungslage gegeben habe. Konkrete Hinweise auf Anschläge in Mannheim habe es nicht gegeben.
Wenn Sie bis hierhin gelesen haben, hatten Sie den Eindruck, dass Sie gut informiert worden sind. Das sind Sie. Über mögliche Entwicklungen.
Wir berichten immer aktuell und immer auch vorausschauend. Ein Anschlag dieses Ausmaßes in Mannheim? Undenkbar? Natürlich ist das denkbar – oder waren frühere Anschläge in anderen Städten “undenkbar”?

Selbstverständlich wären die Mannheimer Sicherheitsbehörden gegenüber einem Anschlag von 50 Mördern in Zweierteams vermutlich eine ganze Zeitlang komplett unterlegen – und dass, obwohl die Mannheimer Polizei sehr effizient organisiert ist.
Das gilt für jede Stadt in Europa. Bislang kennen wir überwiegend nur Einzeltäter oder kleine Gruppen von Tätern wie in Paris, Brüssel oder London. […]

Kleines, nun von vielen für besonders wichtig erachtetes Detail zur Artikelpräsentation  noch: der zitierte Passus war nur für Kunden lesbar, also hinter einer sog. Paywall.

Was Prothmann mit dem Text bezweckte, ist hier eigentlich irrelevant, aber wer zu eigenen Spekulationen anheben möchte sollte die Erläuterung dazu vielleicht doch einmal zur Kenntnis nehmen.

Die publizierte Kritik richtet sich derzeit vor allem auf drei Aspekte, die wir mal so zusammenfassen wollen:  Weiterlesen

SPIEGEL vertuscht Mord an Steingart als Sturz

Pressemitteilungen abzutippen ist kein Journalismus. Pressemitteilungen bei einer Tasse Kaffee weiterzuspinnen auch nicht. Geeignete Pressemitteilungen aus dem großen Angebot der PR auszuwählen, das könnte schon etwas mit Journalismus zu tun haben: wenn das Wichtige aus der Masse des Unwichtigen gefischt wird, wenn Fakten gegenüber Spekulationen und Forderungen bevorzugt werden, wenn durch Publikation eines Fertigtextes die Kunden immerhin etwas “orientierter” sein könnten also ohne.

Wir alle wissen: das schnelle Blabla steht in den Medien vor der Information, oder anders gesagt: es werden Ereignisse so inszeniert, dass man Berichte über sie als Information deklarieren kann. Blabla ist dabei sehr einfach zu entlarven: Alles, was ohne Mangel auch hätte unveröffentlicht bzw. (heute treffender) unkolportiert bleiben können, steht unter Blub-Verdacht. Tratsch halt.

“Hast du schon gehört, der Gabor Steingart soll ja gefeuert werden, weil er so einen bösen Text über diesen Martin Schulz geschrieben hat.” Sinngemäß so kolportieren es heute alle Medien, die sich offenbar für nachrichtenrelevant halten. Wenn der Spiegel das doch so sagt

Dabei ist diese Spekulation doch völlig irrelevant. Wen interessiert, was der Spiegel zu wissen glaubt, der kaufe sich diese Illustrierte oder lese auf der zugehörigen Website. Wer sich hingegen als Journalist (m/w) mit eigenem Kopf versteht, der hinterfragt die Spiegel-PR und deren Thema: Kann das sein? Soll es möglich sein, dass ein Herausgeber und Geschäftsführer gefeuert wird, weil seinem Verleger die Wortwahl in einem Newsletter nicht gefällt? Soll es möglich sein, dass ein Spitzenpolitiker, um den es in dem Text geht, einen solchen Kotau annimmt, anstatt empört aufzuschreien, er wolle mit einem solch eklatanten Eingriff in die (innere) Pressefreiheit nichts zu tun haben? Und ist es möglich, dass vom Medienmainstream Totgesagte sterben (müssen), eben weil sie von allen bereits für tot erklärt worden sind?

Um zu prüfen, bei wem welche Tassen aus dem Schrank gefallen sind, sollte man den Text von Gabor Steingart mal lesen. Wegen der Bedeutung (und dem unterlassenen Zitieren in den meisten “Berichten” zur “Causa Steingart”) hier komplett (Hervorhebungen von SpKr, Hervorhebungen des Originals nicht übernommen):

Innerhalb der SPD hat ein bizarrer Machtkampf begonnen. Der mittlerweile ungeliebte Parteichef Martin Schulz will den derzeit beliebtesten SPD-Politiker, Außenminister Sigmar Gabriel, zur Strecke bringen und an dessen Stelle im Ministerium Quartier beziehen. Das Duell wird nach den Regeln des Parteienkampfes ausgetragen, also im Verborgenen. Besondere Raffinesse wird dabei vor allem von Schulz verlangt, da er sich nicht beim Mord an jenem Mann erwischen lassen darf, dem er das höchste Parteiamt erst verdankt.

Der Tathergang wird in diesen Tagen minutiös geplant. Der andere soll stolpern, ohne dass ein Stoß erkennbar ist. Er soll am Boden aufschlagen, scheinbar ohne Fremdeinwirkung. Wenn kein Zucken der Gesichtszüge mehr erkennbar ist, will Schulz den Tod des Freundes aus Goslar erst feststellen und dann beklagen. Die Tränen der Schlussszene sind dabei die größte Herausforderung für jeden Schauspieler und so auch für Schulz, der nichts Geringeres plant als den perfekten Mord.
Einzig sein Angstschweiß verrät ihn. Noch zaudert er. Wird das Publikum sein Alibi überhaupt akzeptieren? In ruhigen Minuten kommen dem ehemaligen Buchhändler, ohne dass er sich dagegen wehren kann, wahrscheinlich die mahnenden Worte des Schriftstellers Franz Grillparzer in den Sinn: „Allen Sündern wird vergeben“, schrieb der einst, „nur dem Vatermörder nicht“.

Spiegelkritik ist mal als “SPIEGEL-Watchblog” gestartet. Das wurde recht schnell eintönig, weil die Kritik an der Hamburger Illustrierten immer wieder aufs Gleiche zielen muss: Meinungsmache statt Information. Nicht nur mit Titeln und Themen, die ganze berümt-berüchtigte “SPIEGEL-Sprache” ist davon durchdrungen. Und der kurze Artikel auf Spiegel.de, der nun von allen journalismusbefreiten Medien nachgebetet wird, ist ein Paradebeispiel dafür. Dass Steingart mal eine große Nummer beim SPIEGEL war – geschenkt, es braucht für eine launige Story keine Verschwörungstheorie.

Vier Autoren werden für den kurzen Text benannt. Und dann dies:
+ Keine akzeptable Quelle für die Informationen, die hier gerade über die Reputation eines Kollegen entscheiden dürften. “Dem Vernehmen nach”…
+ Fertige Meinung statt Einladung zur Meinungsbildung über den kritisierten Steingart-Text. Von diesem werden nur Schlagworte wiedergegeben, aber natürlich wertend eingeordnet:

“Steingart fabulierte vom ‘perfekten Mord’. Der ‘Tathergang’ werde minutiös geplant.”

+ Keine Quelle für den (angeblichen) Brief von Steingarts Verleger an Martin Schulz, nur ein sehr kurzes Zitat. Was steht noch in dem Brief? Liegt er den Autoren vor? Warum wurde er durchgestochen?
+ Keine Stellungnahme von Schulz. Das ist doch das eigentliche Thema (Querelen in einer Firma gibt es überall, ob die nun Handelsblatt heißt oder “Roberts Rohrreinigung”). Schulz würde doch eine solche Entschuldigung angeekelt zurückweisen – andernfalls wäre DAS die Story.
+ Warum kein Statement von Steingart, sondern nur/ direkt von seinem Anwalt (der nichts sagt)?
+ Steingarts “Kampagne gegen den SPD-Vorsitzenden Martin Schulz” sei “umstritten” – welche Kampagne, mit welchen Argumenten von wem wo umstritten?

Ganz ernsthaft: Den Steingart-Text kann man zu blumig oder “drastisch” finden (der SPIEGEL als Oberschwadronaut darf dies allerdings gerade nicht  siehe auch Update unten), aber das ist Geschmacksfrage. Wenn ein Journalist (egal welcher Hierarchiestufe) einen Text wie diesen nicht mehr schreiben darf und wenn Politiker für einen solch harmlosen, jedenfalls unter allen Aspekten zulässigen Kommentar eine Entschuldigung akzeptieren, dann kann man sich nur angewidert abwenden.

Ganz ernsthaft: Steingart soll gefeuert werden, weil er das Politiktheater mit einem Theater vergleicht und weil er in seinem Stück einen Parteisoldaten töten lässt?

Ganz ernsthaft: #nichtdafür  Weiterlesen