Korinthe (90): Verbotene Messer werden verboten

Illustrationen zu journalistischen Artikeln werden redaktionell oft als Füllstoff gegen Textödnis gesehen, Insbesondere, wenn ihnen der Hinweis “Symbolbild” angepinnt wird, ist der Informationswert meist null – es sei denn, das Symbolbild verrät, dass da jemand gar keine Ahnung hat von dem Thema, das gerade publiziert wird. Glyphosat ist immer wieder ein Paradebeispiel dafür.
Oder aktuell die medienweite Bebilderung zur Mutmaßung, die Bundesländer wollten das Waffengesetz verschärfen und örtlichen Behörden die Möglichkeit geben, das Mitführen von Messern an bestimmten Orten komplett zu verbieten.   Weiterlesen

Korinthe (89): Europa wählt nicht

“Europa wählt”, bekommen wir derzeit allenthalben zu hören und zu lesen. Dabei wäre der Totum-pro-parte-Spaß doch größer, käme er der Realität näher: “Europa wählt nicht” muss es eigentlich heißen. Weil nicht nur etwa ein Fünftel der Einwohner gar nicht wählen dürfen, sondern von den Wahlberechtigten in der Vergangenheit weniger als die Hälfte etwas aus dem Angebot genommen haben.

Wer allerdings mit konkreten Zahlen kommt, hat die Wahl zwischen wählen und nicht-wählen nicht mehr. Bei “Ze.tt” steht:

Dass 500 Millionen Menschen wählen werden, ist nicht nur unwahrscheinlich, sondern ausgeschlossen – andernfalls hätte sich der Artikel, unter dem diese Info steht, überraschend erledig. Denn sein Thema ist ja gerade der Wahlrechtsausschluss Unter-18-Jähriger.

Was Kühnert sagt, ist egal

Die deutschen Medien lamentieren immer noch über Kevin Kühnert – obwohl sein Angebot doch war, über “den Anspruch, dass eine bessere Welt nicht nur denkbar, sondern auch realisierbar ist” zu reden. Eine Medienkritik ist dazu gerade bei Telepolis erschienen: Journalismus für die Mächtigen.

Wenn aber tatsächlich mal von Kevin Kühnert zu reden ist anstatt über ein von ihm vorgeschlagenes Großthema, dann haben die deutschen Medien große Mühe, ihn überhaupt nur wahrzunehmen.   Weiterlesen

Derdiedas meiste (Korinthe 88)

Unter anderem “Übermedien” hat vor zwei Wochen auf eine arg schräge Medienrezeption der Antwort auf eine belanglosen Anfrage der AfD im Landtag Saarland hingewiesen. U.a. unser Liebling Spiegel.de hatte per Überschrift behauptet: “Die meisten Messerangreifer heißen Michael“. Die vor allem in Reduktionsdiensten wie Twitter,  aber etwa auch bei der Saarbrücker Zeitung vermittelte Botschaft lautete, politisch hoch motiviert:  “Keine arabischen Namen unter den Top 10”.

Was dabei gelegentlich unterging oder unterschlagen wurde: Es ging bei dieser Auswertung   von Vornamen zur “Messerkriminalität” im Saarland zwischen Januar 2016 bis April 2018 nicht um alle mutmaßlichen Straftaten, die mit einem Messer begangen worden waren, sondern nur um diejenigen, bei denen als Tatverdächtiger ein deutscher Staatsbürger registriert worden war.

Soweit, so verdienstvoll. Doch nun legt Boris Rosenkranz im Übermedien-Newsletter nochmal nach und schreibt, mit Bezug auf nicht korrigierte falsche bzw. irreführende Überschriften,  dass “eben nicht die meisten aller Messerstecher im Saarland Michael heißen, sondern die meisten aller deutschen Messerstecher.”

Und das ist eben auch falsch. Denn “die meisten” bedeutet: der größte Teil, die größte Menge von etwas, die Mehrzahl. Dass dies nicht zutrifft, kann jedes Milchmädchen im Kopf überschlagen: Bei 842 ermittelten deutschen Tatverdächtigen brauchts halt schon 421 gleiche Vornamensträger. Illusorisch. Und auch die Addition der “TOP 10” bleibt  davon weit entfernt.

Was gemeint ist: Der Vorname Michael kommt am häufigsten vor – nämlich 24 Mal. Damit heißen aber noch lange nicht “die meisten aller deutschen Messerstecher”: Michael. DAS nämlich wäre wohl nicht mehr nur für die AfD ein Kopfkratzer.

“Aber, gut, wer differenziert heute schon noch? Und die Kollegen werden sicher irgendeinen Grund haben ,an dem Fehler festzuhalten. Ob wir noch mal nachfragen?”

Grönemeyer schlägt Presse gaga

Im Dezember 2014 echauffierten sich zahlreiche Medien und deren Protagonisten, Herbert Grönemeyer habe auf zwei Pressefotografen eingeschlagen, als diese ihn in  der Öffentlichkeit fotografieren wollten. Durchgängig war von “Ausraster” und “Angriff” die Rede.
Weil Journalisten notorisch unfähig zur Selbstkritik sind und bis auf wenige, klar benennbare Ausnahmen einen der Polizei nicht unähnlichen Korpsgeist zelebrieren, hatten wir schon damals an der “Berichterstattung” erhebliche Zweifel, die – zugegeben – von einer grundlegenden Sympathie zu dem angeblichen Schläger gestützt wurde. Aber die meisten Berichte servierten zu sehr als Fakten, was zu diesem Zeitpunkt allenfalls Annahmen und Interpretationen sein konnte.  Weiterlesen

Lesebeute: Statistik

Auf zwei aufschlussreiche medienkritische Beiträge zur Statistik wollen wir hier verweisen, weil sie über den Tag hinaus lehrreich sein können:

* Zur Aussagekraft von Befragungen und dem Mut zur Kristallkugel: Wie die Leute vom Stern Unsinn in eine britische Studie hineininterpretierten (Der Graslutscher, 17. Januar 2019)

* Warum Besuche und Besucher zwei völlig verschiedene Größen sind: Zur Kenntnis … vom Nutzen der Zahlen (Peter Grabowski, der kulturpolitische reporter, 16. Januar 2019)

Siehe hierzu auch bei uns: 
* Statistik für Angstfreie (Korinthe 85)
Die ewig falsch verstandene “Polizeiliche Kriminalstatistik” (von Prof. Henning Ernst Müller)
* und ein paar andere Beiträge

Satire ist kein Fake

Es war ja klar, dass seit dem 19. Dezember 2018 alles mögliche “Fake” und “Relotius”  ist. Dass der Skandal zu diversen Grundsatzdiskussionen führt, ist ein schöner Nebeneffekt. Was dabei aber alles durcheinander gerät, ist unschön.

So haben diverse Professoren die Gelegenheit genutzt, ihr Credo zu beten, es gebe keine Objektivität im Journalismus, keine Wahrheit, keine Richtigkeit, weil ja alle Wahrnehmung nur Konstruktion von Wirklichkeit sei. Michael Meyen: schreibt:

Objektivität, Trennung von Nachricht und Meinung, Neutralität, Unabhängigkeit, Vielfalt, Ausgewogenheit: Solche Kriterienkataloge sind verräterisch, weil sie etwas versprechen, was niemals einzulösen ist, und so die Selektivität verdecken, die jede Berichterstattung ausmacht (vgl. Lippmann 2018: 293).

All diese Kriterien bestreiten keineswegs Selektivität der Berichterstattung, sie sollen sie viel mehr begründen helfen. So wie “Transparenz”, die Meyen (mit vielen anderen) als Ersatz für den Objektivitätsmythos empfiehlt. Aber das wird ein anderes Mal genauer zu verhandeln sein, das Thema läuft uns bestimmt nicht weg, zu viele universitäre Jobs hängen davon ab, dass diese Debatte nicht endet.

Problematischer, weil ohnehin selten betrachtet, ist die Ausdehnung des Fake-Begriffs auf die Satire. Oder eben: das Verkennen von Satire als Fake.  Weiterlesen

Dauerbrenner Silvesterfeuerwerk und kein Ende in Sicht

Natürlich auch in diesem Jahr kurz vor Silvester: die Debatte ums Feuerwerk und die private Knallerei. Jedes Jahr dasselbe Thema, nur die Argumentationsmoden wechseln ein wenig. Letztlich ein Paradebeispiel für nutzlosen Journalismus, denn: Klarheit schafft keine dieser Debatten. Jeder darf sich in seiner Pose gefallen und sozialmedial dafür Applaus sammeln.

Dabei ist die Sache m.E. recht einfach. Da es stets um die Frage eines Verbots geht, spielt die persönliche Vorliebe oder Abneigung gar keine Rolle – denn dann ließen sich alle Grundsatzfragen mit einer Stimmungsabfrage klären, was aber gerade nicht demokratisch ist, sondern nur Willkür einer artikulierten bzw. potenten Mehrheit.  Weiterlesen

Korinthe (87): Eingebung statt Einblick

>>Ein Narrativ ist eine „sinnstiftende Erzählung“, so betörend, dass sie unsere Wahrnehmung der Realität verändert. […] Solche Meistererzählungen steuern, wie wir unsere Welt sehen und uns verhalten. […] Es sind Rechtfertigungen für unser Handeln und Politik.<<

So erläutert Roland Tichy, was es mit Narrativen auf sich hat, bei denen “die exakten Grenzen zwischen Tatsachen, Erfindung und Hoffnung” verschwinden.

Bei seinen Beispielen bleibt Tichy überwiegend vage. Sein Bezug zur Relotius-Debatte ist grobschlächtig:

>>DER SPIEGEL ist dafür bekannt geworden, dass er Storys publizierte, die solche Narrative emotional aufladen und ausschmücken. Mit der Realität haben sie nichts zu tun. Es geht um die Bestätigung dessen, was wir glauben sollen. Journalismus wird dafür nur mißbraucht.<<

Bei diesem Pauschalvorwurf (einzelne Spiegel-Artikel haben mit der Realität nichts zu tun) wie bei all seinen Einzelstichworten verzichtet Tichy auf jeglichen Beleg: er behauptet einfach, irgendetwas sei ein Narrativ, also eine mehr geglaubte als faktenbasierte Erzählung. Es sind natürlich die üblichen Stichworte, weil es zu ihnen eben ein eigenes einfältiges Narrativ gibt:  Weiterlesen

Nenne mir deine Quelle

Der “Fall Relotius” führt, wie es erwartbar war,  zu öffentlichen Grundlagendiskussionen. Das ist schön. Ein Problem, über das Spiegelkritik schon oft geschrieben hat, wird bei diesen Gesprächen selbst deutlich: die mangelnde Fähigkeit oder Bereitschaft von Journalisten, Fakten und Fiktionen zu trennen.

Das Problem ist normalerweise nicht die falsche Hausnummer in einem Artikel, und es ist sicherlich auch nicht die erfundene Zahl von Treppenstufen in irgendeiner Reportage. Das Problem ist, sauber zu sortieren, was eine beschreibbare Wirklichkeit ist und was die Interpretation dieser oder sogar eigener Imaginationen. Es geht um Recherche.

Beispiel 1: die meisten

In einer Auseinandersetzung um die Notwendigkeit kommentierender Einordnungen von Nachrichten schreibt der “Korrespondent von SPIEGEL ONLINE und DER SPIEGEL in Wien, Österreich” Hasnain Kazim auf Twitter: “[…] die Wahrheit ist, dass die meisten eben nicht selbst denken, sondern irgendwelchen Bullshit im Netz aufgreifen.”

Solche Zuspitzungen sind in Diskussionen selbstverständlich in Ordnung, aber zumindest wenn nach den Fakten gefragt wird, sollte man liefern können – oder eben zurückrudern: “Mir kommt es so vor, als ob…” wäre ja in Ordnung, aber nicht “die Wahrheit ist…”. (Siehe auch ergänzend auf Twitter Gesprächspartner Schlüter; im selben Gesprächsverlauf schrieb Kazim auch  auf die Frage “Was richtig ist und was nicht entscheiden Sie?”: “Wenn Sie so fragen: Ja, natürlich.”)  Weiterlesen