Satire ist kein Fake

Es war ja klar, dass seit dem 19. Dezember 2018 alles mögliche “Fake” und “Relotius”  ist. Dass der Skandal zu diversen Grundsatzdiskussionen führt, ist ein schöner Nebeneffekt. Was dabei aber alles durcheinander gerät, ist unschön.

So haben diverse Professoren die Gelegenheit genutzt, ihr Credo zu beten, es gebe keine Objektivität im Journalismus, keine Wahrheit, keine Richtigkeit, weil ja alle Wahrnehmung nur Konstruktion von Wirklichkeit sei. Michael Meyen: schreibt:

Objektivität, Trennung von Nachricht und Meinung, Neutralität, Unabhängigkeit, Vielfalt, Ausgewogenheit: Solche Kriterienkataloge sind verräterisch, weil sie etwas versprechen, was niemals einzulösen ist, und so die Selektivität verdecken, die jede Berichterstattung ausmacht (vgl. Lippmann 2018: 293).

All diese Kriterien bestreiten keineswegs Selektivität der Berichterstattung, sie sollen sie viel mehr begründen helfen. So wie “Transparenz”, die Meyen (mit vielen anderen) als Ersatz für den Objektivitätsmythos empfiehlt. Aber das wird ein anderes Mal genauer zu verhandeln sein, das Thema läuft uns bestimmt nicht weg, zu viele universitäre Jobs hängen davon ab, dass diese Debatte nicht endet.

Problematischer, weil ohnehin selten betrachtet, ist die Ausdehnung des Fake-Begriffs auf die Satire. Oder eben: das Verkennen von Satire als Fake.  Weiterlesen

Dauerbrenner Silvesterfeuerwerk und kein Ende in Sicht

Natürlich auch in diesem Jahr kurz vor Silvester: die Debatte ums Feuerwerk und die private Knallerei. Jedes Jahr dasselbe Thema, nur die Argumentationsmoden wechseln ein wenig. Letztlich ein Paradebeispiel für nutzlosen Journalismus, denn: Klarheit schafft keine dieser Debatten. Jeder darf sich in seiner Pose gefallen und sozialmedial dafür Applaus sammeln.

Dabei ist die Sache m.E. recht einfach. Da es stets um die Frage eines Verbots geht, spielt die persönliche Vorliebe oder Abneigung gar keine Rolle – denn dann ließen sich alle Grundsatzfragen mit einer Stimmungsabfrage klären, was aber gerade nicht demokratisch ist, sondern nur Willkür einer artikulierten bzw. potenten Mehrheit.  Weiterlesen

Korinthe (87): Eingebung statt Einblick

>>Ein Narrativ ist eine „sinnstiftende Erzählung“, so betörend, dass sie unsere Wahrnehmung der Realität verändert. […] Solche Meistererzählungen steuern, wie wir unsere Welt sehen und uns verhalten. […] Es sind Rechtfertigungen für unser Handeln und Politik.<<

So erläutert Roland Tichy, was es mit Narrativen auf sich hat, bei denen “die exakten Grenzen zwischen Tatsachen, Erfindung und Hoffnung” verschwinden.

Bei seinen Beispielen bleibt Tichy überwiegend vage. Sein Bezug zur Relotius-Debatte ist grobschlächtig:

>>DER SPIEGEL ist dafür bekannt geworden, dass er Storys publizierte, die solche Narrative emotional aufladen und ausschmücken. Mit der Realität haben sie nichts zu tun. Es geht um die Bestätigung dessen, was wir glauben sollen. Journalismus wird dafür nur mißbraucht.<<

Bei diesem Pauschalvorwurf (einzelne Spiegel-Artikel haben mit der Realität nichts zu tun) wie bei all seinen Einzelstichworten verzichtet Tichy auf jeglichen Beleg: er behauptet einfach, irgendetwas sei ein Narrativ, also eine mehr geglaubte als faktenbasierte Erzählung. Es sind natürlich die üblichen Stichworte, weil es zu ihnen eben ein eigenes einfältiges Narrativ gibt:  Weiterlesen

Nenne mir deine Quelle

Der “Fall Relotius” führt, wie es erwartbar war,  zu öffentlichen Grundlagendiskussionen. Das ist schön. Ein Problem, über das Spiegelkritik schon oft geschrieben hat, wird bei diesen Gesprächen selbst deutlich: die mangelnde Fähigkeit oder Bereitschaft von Journalisten, Fakten und Fiktionen zu trennen.

Das Problem ist normalerweise nicht die falsche Hausnummer in einem Artikel, und es ist sicherlich auch nicht die erfundene Zahl von Treppenstufen in irgendeiner Reportage. Das Problem ist, sauber zu sortieren, was eine beschreibbare Wirklichkeit ist und was die Interpretation dieser oder sogar eigener Imaginationen. Es geht um Recherche.

Beispiel 1: die meisten

In einer Auseinandersetzung um die Notwendigkeit kommentierender Einordnungen von Nachrichten schreibt der “Korrespondent von SPIEGEL ONLINE und DER SPIEGEL in Wien, Österreich” Hasnain Kazim auf Twitter: “[…] die Wahrheit ist, dass die meisten eben nicht selbst denken, sondern irgendwelchen Bullshit im Netz aufgreifen.”

Solche Zuspitzungen sind in Diskussionen selbstverständlich in Ordnung, aber zumindest wenn nach den Fakten gefragt wird, sollte man liefern können – oder eben zurückrudern: “Mir kommt es so vor, als ob…” wäre ja in Ordnung, aber nicht “die Wahrheit ist…”. (Siehe auch ergänzend auf Twitter Gesprächspartner Schlüter; im selben Gesprächsverlauf schrieb Kazim auch  auf die Frage “Was richtig ist und was nicht entscheiden Sie?”: “Wenn Sie so fragen: Ja, natürlich.”)  Weiterlesen

Claas Relotius – Linksammlung zu einem Medienskandal

Der SPIEGEL und zig andere Medien haben unwahre Geschichten des Reporters Claas Relotius veröffentlicht. Gerade für den SPIEGEL mit seiner berühmten “Dokumentationsabteilung”, die angeblich penibel jedes Detail in einem Beitrag vor Veröffentlichung prüft, ist das extrem peinlich. Redakteur Claas Relotius hat zugegeben, in seinen Reportagen  kleine und große Dinge schlicht erfunden zu haben. Weil der Skandal für die gesamte Branche relevant ist, dokumentieren wir hier einige Veröffentlichungen dazu (wird fortlaufend aktualisiert). Zunächst die wichtigsten Neuerungen, dann Beiträge in betroffenen Medien selbst, danach einige besonders interessante Resonanzen. Besonders wichtige/ lesenswerte Beiträge kennzeichnen wir (vorübergehend) rot. Für Hinweise, insbesonders zu als falsch identifizierten Texten, sind wir dankbar. 

+ Die Offenbarung: SPIEGEL legt Betrugsfall im eigenen Haus offen (Ullrich Fichtner, 19.12.2018)
Kritik an diesem reportagenhaft geschriebenen Stück (der wir uns völlig anschließen können): “Fühlen, was sein könnte” (Salonkolumnisten, 19.12.2018). Auszug:

>>[…]   ein Text, der für einen Außenstehenden völlig unerklärlich ist und Insider fassungslos machen muss. „Kurz vor dem Ende seiner Karriere kommen sich Glanz und Elend im Leben des Claas Relotius einmal ganz nah“, steht da. Ein sehr schöner Satz. Ein Romansatz. Der passende Einstieg in eine Reportergeschichte, in der wir die Büronummer von Claas Relotius erfahren und nach einer 40.000 Anschläge oder 20 Din-A4-Seiten langen Reise durch Relotius‘ beste Fake-Reportagen wiederum mit einem schönen Satz verabschiedet werden.<<

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Meinung muss auf Recherche gründen

Journalismus muss nicht neutral sein. Journalistinnen und Journalisten haben die Aufgabe, über Ereignisse, Entwicklungen und Zustände fair, sachgerecht und mit der nötigen Distanz zu berichten, aber das Berichtete auch zu interpretieren und zu kommentieren. Genau dazu wurden drei Typen von Darstellungsformen erfunden […]

Roger Blum, Ombudsmann des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der Schweiz (SRF) und früher Professor für Medienwissenschaft in Bern, hat sich in der Aargauer Zeitung für Meinungsjournalismus ausgesprochen – und dafür in Journalistenkreisen erwartebaren Applaus bekommen.

Seine Darstellung der journalistischen Rolle ist präzise und in ihrer Kürze bestechend. Allerdings sollten seine Kernaussagen auch völlig unstrittig sein. Blum endet:  Weiterlesen

Sorgenkind Fairness

Warum sich Redaktionen so schwer tun, Gegendarstellungen zu veröffentlichen, weiß der Kuckuck (dass es die Redaktionen selbst wissen ist zu bezweifeln, jedenfalls gab es da noch keine Erkenntnis bringende Erklärung).
Noch unverständlicher ist allerdings, weshalb sie auch mit gerichtlich erstrittenen Gegendarstellungen so hadern.
Bereits vor neun Jahren haben wir den Spiegel gefragt, warum im Online-Archiv nicht von Artikeln auf zugehörige Gegendarstellungen verwiesen wird. Sie erscheinen zwar Wochen bis Monate später, müssten also ggf. einfach manuell verlinkt werden. Aber nennenswert Arbeit kann das erst machen, wenn es sehr, sehr viele Gegendarstellungen gibt – und dann ist das Problem wohl in Wahrheit ein anderes.

Vor neun Jahren teilte der Redaktionssprecher mit, man arbeite daran. Das Anliegen wurde also gar nicht negiert – was im Sinne vollständiger Berichterstattung auch schwer zu begründen wäre. Doch bis heute zeigt der Spiegel (wie wohl die allermeisten Medien) noch keine Bereitschaft, das gesetzliche Gegendarstellungsrecht so anzuwenden, dass man bei Recherchen neben alten Artikeln auch alte Gegendarstellungen findet.

Besonders drollig ist dies in einem Fall, den der Spiegel bis vors Bundesverfassungsgericht gebracht hat:  Weiterlesen

Ein Brief vom Onkel aus Amerika

Ungebetene Ratschläge werden meist als unhöflich empfunden und reflexartig zurückgewiesen – was nur selten schade ist. Denn jeder gute Ratschlag verlangt zu verstehen, was der Beratene eigentlich will, auch und gerade, wenn man ihn auf ein anderes Pferd setzen möchte.
Dies ist einer der Gründe, weshalb Wissenschaftler es gerne bei der Forschung belassen, allenfalls Hinweise geben zur Interpretation ihrer Erkenntnisse, ansonsten aber von Ratgaben zur guten Lebensführung absehen.
Nun geben ausgerechnet Journalisten bekanntlich permanent ungefragt Ratschläge aller Art (sie sind nicht nur Co-Trainer, wie jeder gute Deutsche, sondern auch Co-Kanzler, Co-Minisster und Co-Papst, Cheffeminist und mindestens Oberdirektor einer Volksschule). Daher nehmen sie es Jay Rosen bestimmt nicht übel, dass er ihnen ungebeten* Ratschläge erteilt hat wie diesen:

Lernen Sie, [mit dem Spannungsverhältnis zwischen Objektivitätsgebot und Demokratieverteidigung] umzugehen. Vertrauen Sie niemandem, der es beseitigen will.

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Medienkritik – eine empirische Sammlung

In unserem kleinen Blog Spiegelkritik beschäftigen wir uns seit März 2006 letztlich immer mit Qualität im Journalismus. “Richtigkeit” war dabei stets nur eines von vielen Kriterien, ebenso haben wir Fragen der Relevanz, der Vollständigkeit, Unabhängigkeit, Transparenz, Rechtmäßigkeit und vielem mehr nachgespürt und Überlegungen zur Diskussion gestellt.
Derzeit versuchen wir uns an einem neuen Projekt, mit dem Medienkritik systematischer gelingen soll. Details können wir noch nicht verraten, aber die Grundlage soll reine Empirie bilden, nämlich die Dokumentation journalistischer Leistungen. Es soll gerade nicht um Dogmatik gehen, wie so oft in “Watchblogs”.  Weiterlesen

Rentner ausgebüxt – Medien amüsieren sich

Gegen 03.00 Uhr kümmerte sich eine Streife um zwei betagtere Herren, die an dem Metal-Festival offenbar Gefallen gefunden und sich aus einem Dithmarscher Altenheim auf den Weg gen Wacken gemacht hatten. Natürlich vermisste man sie in ihrem Zuhause und organisierte rasch einen Rücktransport, nachdem die Polizei die Senioren aufgegriffen hatte. Die Männer machten sich allerdings nur widerwillig auf den Heimweg, so dass ein Streifenwagen das beauftragte Taxi vorsorglich begleitete.

Das vermeldete die Polizei Itzehoe am Morgen des 4. August 2018. Und sie regte – Wochenende, Hitze, Sommerloch – zahlreiche wörterverarbeitende Betriebe zur bunten Kolportage an. Was dabei der nachrichtliche Kern sein soll, lässt sich am ehesten anhand der lockeren Teaser bei Facebook und Twitter erahnen.

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