Mohr und die verbetene Kritik an der Nationalhymne

Reinhard Mohr als Super-Nani für Patriotismusverweigerer, heute: liebe deine Nationalhymne.

Polemik ist an sich nicht kritisierbar. Sie ist ein Einzelerbrechen – fertig. Die Umstehenden können die Nasen rümpfen, betreten wegschauen oder applaudieren. Nicht weiter der Rede wert.
Wenn sie aber zur Masche wird, zu einer Wortbulimie, sollte der beherzte Samariter doch kurz anhalten. Tun wir’s gemeinsam:

Deutschlandgefühl-Buchautor Reinhard Mohr hat im google-news-alert gefunden, dass die GEW irgendwas gegen das Deutschlandlied als Nationalhymne hat. Glücklicherweise haben sofort beherzte Meinungskartellieros den Ball aufgenommen und sich mit ihm verhalten, so dass Mohr eine auch nur ansatzweise Beschäftigung mit der Kritik am Deutschlandlied einerseits und der kritisierten Broschüre “Argumente gegen das Deutschlandlied – Geschichte und Gegenwart eines furchtbaren Lobliedes auf die deutsche Nation” andererseits erspart blieb. Schließlich warnen die EU-Gesundheitsminister nicht von ungefähr auf jedem Nachrichtenmagazin: “Denken gefährdet Ihre Meinung”.

Und so ignoriert er die leid- und wechselvolle Geschichte unseres hübschen Deutschlandlieds komplett – es sollte ja auch kein Geschichtsaufsatz werden -, einschließlich der nicht ganz unbedeutenden Tatsache, dass “dessen dritte Strophe allein die Nationalhymne bildet” – seit gerade mal 16 Jahren.

Er hätte sich auch fragen können, warum sich denn zwischen 1841 und 2006 so ganz verschiedene Menschen ganz verschiedener Geographien schmerzlos in der Hymne wiederfinden sollen. Oder welche ethologische Funktion Kadergesänge haben – das ist möglicherweise nämlich gar nicht so beglückend. Er hätte auch ergründen können, was eigentlich “Einigkeit” bedeutet, die laut Söder unsere Demokratie konstituiert.

Stattdessen bietet er Walter Jens auf dessen berechtigte Frage, wer denn wohl noch wisse, was Glückes Unterpfand meint, generös an:

“Wohlan, wir könnten es dem alt gedienten Rhetorikprofessor erklären.”

– freilich (Achtung: eines von Broders Stop-Wörtern!) ohne es zu versuchen und die neuerliche Frage aufwerfend, ob Kultur-Mohr ernsthaft vergessen hat, dass der Erzähler einer Geschichte nicht ihr Autor ist.

Auch Mohrs Gepolter gegen “die Lehrer” fährt in diesem Zusammenhang – so grundsätzlich berechtigt Lehrerdresche immer ist – hart am Fake. Wenn die Denker-Rebellen des Landes schon einen neuen Hymnen Text (von Bert Brecht) gefunden haben, fehle nur noch ein Komponist:

“Vielleicht könnte man da mal bei der GEW nachfragen. Die haben doch bestimmt Musiklehrer in ihren Reihen, die nachmittags am Klavier sitzen und ein bisschen rumkomponieren.”

Das wäre dann doch unbenommen ein patriotischer Akt, hat sich schließlich bis heute weder in- noch ausländisch jemand gefunden, der eine deutsche Hymne komponieren wollte, weshalb dieses geschichtsbewusste Volk zu dieser WM wie auch sonst ein stolzes „Gott erhalte Franz, den Kaiser, unsern guten Kaiser Franz!“ schmettert – nur eben mit dem Text eines deutschen Rebellen, aus dessen Feder auch Gassenhauer wie “Summ, summ, summ – Bienchen summ herum” flossen.

“Wir sind jedenfalls gespannt und freuen uns, dass der kritische Geist in Deutschland so lebendig ist wie eh und je.”

Wo immer Mohr diesen kritischen Geist ausgemacht haben mag, bei der Spiegel-Gruppe jedenfalls sicher nicht. Und wenn er “wie eh und je” ernst meint: gute Nacht, Deutschland.

3 Antworten zu “Mohr und die verbetene Kritik an der Nationalhymne”

  1. Bezeichnend finde ich auch, daß diverse Journalisten der GEW die Sachverhalte über die Hymne zu erklären versuchen (er hier z.B.: http://morgenpost.berlin1.de/content/2006/06/17/politik/835815.html), ohne sich die Texte der Broschüre wirklich durchgelesen, geschweige denn über den Hintergrund ihres Verfassers auch nur ein Jota an Informationen eingeholt zu haben. Darüberhinaus hat Eisler nicht nur die Hymne der DDR geschrieben, sondern Brechts Kinderhymne ebenfalls vertont. Diese Ahnunglosigkeit. Und ich behaupte immer, Blogs hätten der Recherchequalität der Journaille nichts entgegenzusetzen…

    Darf ich auf meinen Text verweisen?
    http://woktor.wo.ohost.de/blog/index.php?itemid=92

  2. am lachhaftesten isses abba die spiegel-polemik auch noch ernsthaft kommentieren zu wollen…hahahaha…grüne jugend ick hör dir trapsen,

    was passiert, wenn man das gutmenschentum ranlässt, kann man ja bei der unsäglichen “grönemeyer-wm-hymne” bewundern.

  3. Da macht der nette Herr Mohr (is doch n kerl oder?) sich die Mühe etwas so lächerliches wie das GEW-Gesülze in angemessener Form zu kommentieren und kriegt als Dank darauf noch mehr Gesülze.

    Dann stimmt doch eigentlich alles, oder?

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