stumm

Als Arbeitsminister Franz Müntefering am 4. September um kurz nach 10 Uhr im Potsdamer “Seminaris SeeHotel” das Wort ergriff, war Gabor Steingart nicht dabei. Trotzdem schreibt er in der aktuellen Titelgeschichte:

Es war der deutsche Arbeitsminister und Vizekanzler Franz Müntefering, der in der vergangenen Woche auf einer internationalen Konferenz vor zahlreichen asiatischen Amtskollegen die harten Bedingungen im Weltarbeitsmarkt deutlich benannte. Hungerlöhne, sittenwidrige Gehälter, lebensbedrohliche Arbeitsbedingungen seien nicht hinnehmbar: “Wir dürfen uns nicht gegenseitig in die Knie konkurrieren.” Die anwesenden Minister blieben stumm.

Und das ist falsch. Im Konferenzraum des Hotels eröffnete Müntefering den Kongress mit seiner Rede, die etwa 20 Minuten dauerte. Anschließend gab Müntefering das Wort an die anwesenden Minister und Delegationsleiter, die der Reihe nach und mehr als zweieinhalb Stunden lang sprachen. Auch während des darauffolgenden Mittagsbuffets: Gespräche überall. Müntefering ging sogar extra aus dem Speisesaal in einen Nebenraum, um mit den Vertretern anderer Länder in Ruhe sprechen zu können.

In der Abschluss-Erklärung der Konferenz wird in den Absätzen zwei und drei die Auftakt-Rede von Müntefering wiedergegeben. Die Absätze vier bis neunzehn geben wieder, was die Minister darauf erwiederten und welche Vorschläge für die Zukunft unterbreitet wurden. Man könnte nun der Meinung sein, dass die Minister zwar viel gesprochen, aber wenig gesagt haben. Aber dass sie “stumm” geblieben wären – das kann man nicht behaupten.

Warum aber steht genau das in Steingarts Artikel? Offenbar war die Wahrheit für ihn weniger wichtig als das Ziel, den gewünschten rhetorischen Effekt zu erzielen. Was erneut zeigt: Die Spiegel-Geschichten werden auf eine These hin zugeschrieben – und was nicht zur These passt, wird zurechtgebogen. Der Vorteil ist, dass die Texte im Spiegel sich dadurch einfach flüssiger lesen lassen. Der Nachteil ist, dass die Artikel zwar aus Versatzstücken der Realität montiert sind, diese aber nicht treffend wiedergeben. Geschichten eben.

1 Antwort zu “stumm”

  1. Und täglich grüßt der Gabor Steingart. Der Mann ist halt vielbeschäftigt, muss laufend Titelgeschichten und Bücher schreiben, da kann er doch nicht noch auf Konferenzen gehen, um ordentliche Recherche zu betreiben. 😉

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