Aufstand der Arbeiter

In Bayern beginnen die Arbeiter, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und gegen die Gewerkschaft zu rebellieren. Sie haben ihrem Arbeitgeber angeboten, für das gleiche Geld länger zu arbeiten – aus innerer Einsicht, dass ein Unternehmen nur so im internationalen Wettbewerb heute noch bestehen kann. Diesen Eindruck muss zumindest bekommen, wer am 27. November im Spiegel den Artikel von Janko Tietz las:

Die fürsorgliche Firma ist das alte FAG Kugelfischer-Werk. Es gehört seit 2001 zur weltweit agierenden Schaeffler Gruppe und ist trotz aller Beschaulichkeit gerade dabei, eine der zentralen Errungenschaften der mächtigen IG Metall aus den Angeln zu heben: Die Mitarbeiter haben im Alleingang die 35-Stunden-Woche gekippt. So etwas gab es in Deutschland noch nie. Vergleichbare Regelungen gibt es bundesweit zwar hundertfach. Zahlreiche Unternehmen schlossen individuelle betriebliche Bündnisse und wichen darin von der 35-Stunden-Woche ab. Doch immer gehen die Projekte dabei bislang auf Initiativen der Unternehmensleitung zurück. […] Der FAG-Fall ist einmalig in der deutschen Tariflandschaft. Dort geht die Vereinbarung allein auf die Initiative der Belegschaft zurück, die damit offen die Konfrontation mit ihrer Gewerkschaft sucht. 98 Prozent der 230 Mitarbeiter votierten für die längere Arbeitszeit. “Wir wollen nicht warten, bis wir vor der Schließung stehen”, sagt die Betriebsratsvorsitzende Bettina Heurung.

Richtig daran ist: Es gab tatsächlich einen Konflikt zwischen Betriebsrat und der Gewerkschaft IG Metall – der Betriebsrat wollte von dem Flächentarifvertrag abweichen und zu schlechteren Bedingungen arbeiten. Doch ging die Initiative dazu wirklich von den Beschäftigen aus, wie der Spiegel schreibt? In einem offenen Brief an den Spiegel widerspricht der DGB-Regionsvorsitzende Frank Firsching. Die Initiative sei vom Unternehmen ausgegangen, das seine Angestellten so lange bedrängt hätte, bis diese schließlich nachgaben:

Am 18. November 2005, in einer Betriebsräteschulung des DGBBildungswerk mit Prof. Dr. Wolfgang Däubler in Schweinfurt, berichtete unsere Kollegin Bettina Heurung sehr emotional und anschaulich über die Erpressungsversuche der Geschäftsführung. In vier- und sechs- Augen- Gesprächen, so ihre Darstellung, wurde sie vor die Wahl gestellt „entweder bietet der Betriebsrat an 5 Stunden/Woche umsonst zu arbeiten, oder ins Werk würde nichts mehr investiert, Produkte würden nach und nach abgezogen und damit die Zukunft des Werks zerstört.“ Kollegin Heurung machte, unter großem Applaus von knapp 100 Seminarteilnehmern, klar, dass sich der Betriebsrat und die Belegschaft nicht erpressen ließen. Sie habe der Geschäftsführung auch gesagt, dass die IG Metall als Tarifpartner in der Sache Verhandlungspartner ist und nicht der Betriebsrat. Daraufhin habe die Geschäftsführung „mehr Phantasie“ gefordert und angeregt, beispielsweise die Arbeitszeitkonten am Jahresanfang auf minus 250 Stunden zu stellen, um diese dann abzuarbeiten. Die IG Metall müsse davon doch nichts wissen.

Die Erpressungsversuche gingen seither weiter, bis Kollegin Heurung und ihre Kollegen im Sommer dieses Jahres zermürbt waren und der Geschäftsführung das von Ihnen zitierte Mehrarbeitsangebot, ohne Einbeziehung der IG Metall, unterbreiteten.

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