Dresdner Perspektiven

Ein Gastbeitrag von stefanolix

Ich habe es wieder getan: ich habe SPON gelesen und ich habe mich über SPON geärgert. Aber zu diesem Artikel möchte ich einiges richtigstellen. Der Autor Michael Kröher möchte um jeden Preis einen Gegensatz zwischen der Stadt Dresden und der Spitzenforschung konstruieren. Dazu ist ihm kein Klischee zu abgegriffen. Er sieht beispielsweise einen Rückstand Dresdens gegenüber Leipzig und will herausgefunden haben, dass AMD und Infineon den Standort Dresden nur als verlängerte Werkbank betrachten:

Doch im Vergleich zu diesem zweiten sächsischen Zentrum hat die Landeshauptstadt nur mäßig attraktive Niederlassungen moderner Großindustrien abbekommen. Zwar betreibt AMD, der amerikanische Chip-Hersteller, eine Hightech-Fabrik in Dresden – doch nur als Produktionsstätte. Also ohne Forschungs- und Entwicklungsabteilung und somit quasi nur als verlängerte Werkbank. Auch Infineon, der bayerische Wettbewerber zu AMD, hat in Dresden eine Chipfabrik gebaut – ohne Labors.

Das ist ganz großer Unsinn und auch der SPON-Autor hätte es nach kurzer Recherche besser wissen können. Forschung und Entwicklung sind in Dresden gerade in der Halbleiterindustrie sehr eng verbunden:

* Das Fraunhofer-Zentrum für Nanoelektronische Technologien wurde von Anfang an als Kooperationsprojekt der Halbleiterindustrie und der Forschung aufgebaut.
* AMD hat in Dresden mit zwei weiteren Partnern das Advanced Mask Technology Center gegründet, um die Grundlagen für die Produktionsprozesse der nächsten Generationen zu entwickeln.
* AMD hat in Dresden ein Entwicklungszentrum aufgebaut, in dem künftige Prozessoren noch besser auf die Anforderungen der modernen Betriebssysteme abgestimmt werden.
* Infineon (heute teilweise Quimonda) und AMD haben in Dresden immer die zu ihrer Zeit modernsten Fertigungstechnologien eingeführt. Das ist ohne eine enge Verzahnung mit der Forschung und Entwicklung überhaupt nicht möglich.
* Im Umfeld der großen Unternehmen AMD, Infineon und Quimonda sind weitere Kooperationsprojekte, forschende und entwickelnde Unternehmen entstanden.

Der Autor bemängelt, dass Logistik und andere moderne Dienstleistungsbranchen bislang in Dresden nicht maßgeblich vertreten sind. Es trifft zu, dass sich die Logistikbranche vorwiegend in Leipzig angesiedelt hat: DHL baut am Flughafen Leipzig-Schkeuditz ein internationales Luftdrehkreuz aus. Hat Dresden hier also das Nachsehen? Nein. Leipzig hatte als Messestadt schon immer den wesentlich größeren Flughafen, die Mitteldeutsche Flughafen AG wird als Mehrheitsgesellschafterin beider Flughäfen sicher nicht zwei Luftdrehkreuze ausbauen lassen und in Dresden gibt es einfach nicht genügend Flächen für eine umfassende Erweiterung des Flughafens. Warum sollte man zwei Städte im Abstand von etwas mehr als hundert Kilometern als Logistikzentren ausbauen? Die Logistik der Halbleiterunternehmen funktioniert auch mit dem Dresdner Flughafen recht gut.

Der Autor stellt Dresden am Anfang seines Artikels als Stadt der bröckelnden Bürgersteige, der hoffnungslosen Menschen, der tristen Plattenbaugebiete und der trüben Straßenbeleuchtung dar. Gleich nach der Wende hätte ich mit ihm über diese Häme vielleicht noch diskutiert.

Aber seitdem bin ich auch etwas in Deutschland herumgekommen. Nachdem ich mir auf der Bonner Adenauerallee auf einem bröckelnden Bürgersteig den Fuß verstaucht habe, nachdem ich bei einem Rundgang um den Frankfurter Hauptbahnhof in viele hoffnungslose Gesichter blicken musste, nachdem ich auch im Westen an vielen tristen und heruntergekommenen Neubausiedlungen vorbeigefahren bin und nachdem ich mir viele Städte bei Tag und Nacht angesehen habe: Herr Kröher, bitte kaufen Sie sich eine neue Brille und neue Sensoren. Oder kommen Sie zu uns nach Dresden, um beides auf den neuesten Stand der Technik bringen zu lassen …

Nein, Herr Kröher, die anderen drei Teile Ihres Artikels habe ich mir nach dieser inkompetenten Einleitung nicht mehr angetan. Denn wer über Spitzenforschung schreibt und noch nicht einmal die Zusammenhänge in der Halbleiterindustrie richtig beschreiben kann, dem vertraue ich dann auch nicht mehr, wenn er sich an Themen wie Biotechnologie oder Ausländerfeindlichkeit versucht.

Dank auch an Robert N.

2 Antworten zu “Dresdner Perspektiven”

  1. Ich habe mich übrigens mit einem Leserbrief (per Webformular) und mit einer E-Mail an die Adresse eines Wirtschaftsredakteurs bei SPON über den Artikel beschwert. Bisher gab es keine Reaktionen.

    Es gäbe noch viel mehr zu diesem Artikel zu schreiben. Ich vermute, dass der Autor entweder mit starken Vorurteilen behaftet ist oder dass seine »Recherchen« schon mehrere Jahre alt sind. Er schreibt in einem Stil, der selbst bei SPON noch negativ auffällt.

    Der Autor fällt auch dadurch auf, dass er weder aktuelle Ranglisten noch aktuelle Entwicklungen zur Kenntnis nimmt. Dresden ist als eine von ganz wenigen ostdeutschen Städten eine wachsende Stadt: wir haben 2006 Duisburg überholt und werden bald Leipzig überholen. Wenn ich westdeutsche Gäste ein zweites Mal [privat] durch Dresden führe, sind sie immer begeistert von der dynamischen Entwicklung der Stadt.

    Wenn man sich seine Ausführungen über den Gegensatz zwischen Dresden und Leipzig anschaut, dann zeigen sich weitere Schwächen. Es ist in Sachsen so üblich, dass die /Stärken/ der beiden großen Zentren gefördert werden. DHL hätte den Flughafen Dresden wirklich nicht ausbauen können (und das stand auch nie zur Diskussion). Also hat Leipzig auf EU-Ebene um die Ansiedlung gekämpft. Dresden hat eine kleine Messe mit eher regionaler Bedeutung — Leipzig ist dagegen seit vielen hundert Jahren ein bekannter europäischer Messestandort. So gibt es eine sinnvolle Arbeitsteilung zwischen zwei Städten mit jeweils etwa 500.000 Einwohnern.

    Natürlich hat Dresden auch seine Schwächen. Aber dazu müsste man eben vernünftig recherchieren. Die F.A.Z. hat mit Herrn Burger einen recht guten Dresden-Korrespondenten. Vielleicht sollte SPON mal einen Praktikanten zu ihm schicken …

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