Scientology: Unzutreffende Spiegel-Kritik ?

Ein Video, das einen ausrastenden BBC-Reporter John Sweeney zeigt, ist derzeit offenbar einer der Renner bei youtube. Sweeney arbeitete an einer Dokumentation “Scientology and Me”, wobei es eines nachts zu einer harten Diskussion kam, aus der die nun kursierende Sequenz stammt. Spiegel-Online-Kollege Konrad Lischka hat dazu ein großes Stück geschrieben, in dem er die Hintergründe des von Scientology gedrehten Videos und die mögliche propagandistische Nutzung beleuchtet:

“Die Scientology-Aufnahmen der Szene unterschlagen allerdings die Vorgeschichte, den Vorwurf unsauberer journalistischer Arbeit. Hier wird suggeriert, Sweeney sei einfach so ausgerastet. Das nicht so suggestiv geschnittene Filmmaterial der Szene des BBC-Teams zeigt das Vorgeplänkel, zeigt auch, wie der Scientology-Vertreter seine Stimme erhebt. Nach diesem Zwischenfall entschuldigt sich Sweeney bei Davis, der wirkt gelassen – beide scheinen zumindest wieder miteinander zu sprechen.”

Horst Müller, Dozent für Redaktionspraxis an der FH Mittweida, hält Lischkas Beitrag für schlechten nicht-guten Journalismus, weil er “allein den Hauptbeteiligten John Sweeney als Quelle für die eigene Berichterstattung nutzt”, wie er auf Blogmedien schreibt.

Das wiederum hält Konrad Lischka für eine falsche Tatsachenbehauptung:

“Alle Quellen (Heldal-Lund, Recherchen zur Domain und der Agentur, Stellungnahmen von Scientology aus deren Veröffentlichungen) sind im Beitrag genannt.”

Und in der Tat kann man nicht behaupten, Lischka habe “allein den Hauptbeteiligten John Sweeney” widergegeben. Verschiedener Meinung kann man bei Müllers Vorwurf sein, Lischka habe die Gegenseite nicht zu Wort kommen lassen. Im Artikel kommen keine neu erfragten Zitate von Scientology vor, was Lischka aber auch nicht nötig findet,

“denn Anlass des Beitrags ist die Sicht von Scientology auf das Geschehen und die Dokumentation dieser Sicht auf Youtube, in Blogs und dem Webauftritt des Magazins Freedom.”

Wie weit Lischka für seine Hintergrundrecherchen Kontakt mit Scientology hatte, kann Müller allerdings nicht wissen – gefragt hat er Lischka vor seiner Kritik nicht.

Eine journalistische Pflicht, jedes mitgeschriebene oder aufgenommene Pressesprecher-Tamtam zu publizieren gibt es jedenfalls nicht – und meiner Meinung nach wird dieses bisher viel zu selten rausgefiltert, wenn es zur Sachklärung wenig beiträgt.

Von daher sollte sich die Kritik an Lischkas Scientology-Kritik an dem abarbeiten, was vorhanden ist – dafür ist der Artikel, wie gesagt, umfangreich genug.

2 Antworten zu “Scientology: Unzutreffende Spiegel-Kritik ?”

  1. Selbstverständlich. Es ist einigen offenbar immer noch nicht klar, was Kritik bedeutet. Theaterkritiker sollten auch kein Theater-Bashing betreiben und Musikkritiker sollten Musik nicht grundsätzlich abscheulich finden. Wir machen hier in ganz kleinem Rahmen monothematischen Medienjournalismus. Das ist sogar einigen Leuten bei Spiegel und Spiegel-Online klar, die mit uns ganz normal kommunizieren und journalistische Fragen beantworten. Wer ein Draufhaublog sucht, ist hier verkehrt.

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