Spiegel Online gibt Pete Doherty noch 7 Jahre

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Nein, das ist nicht ein kleiner lässlicher Patzer, der aus der Agenturmeldung (AP) stammt, sondern schlampige Arbeit, die Spiegel-Online abliefert. Anstatt ein Mindestmaß an Journalismus einzusetzen, beschränkt sich der Volontär Stefan Schultz aufs literarische Verschönern.

Um zu wissen, dass zu viel Alkohol, Zigaretten, Drogen und ungeschützter Geschlechtsverkehr schlecht für die Gesundheit sind, braucht man eigentlich keine Studie. Das “Journal of Epidemiology and Community Health” (JECH) führte dennoch eine durch.

Schwafelt er. Anstatt sich zu fragen, ob der Sinn der medizinischen Studie möglicherweise auch ein anderer war. Es wäre ja zumindest mal eine Recherche-Hypothese, dass nicht ausschließlich Volltrottel am Werk waren.

Das Ergebnis: Stars tragen im Vergleich zu anderen Menschen ein mehr als doppelt so hohes Risiko, früh zu sterben.

Wer sich irgendwann schon mal mit einer quantitativen Studie beschäftigt hat, kann einen solchen Agentur-Satz nicht übernehmen. Wie sind die Stars definiert? Was ist ein früher Todeszeitpunkt? Und geht es wirklich um einen Vergleich mit den “anderen Menschen” oder um den Vergleich mit der durchschnittlichen Lebenserwartung (einer Population)?

Nordamerikanische prominente Musiker, die die Studie berücksichtigte, wurden durchschnittlich 42 Jahre alt, europäische Stars starben im Schnitt sogar noch früher, nämlich schon mit 35 Jahren.

Wie viele Alarmglocken muss man überhören, um so einen Quatsch zu schreiben? Nur mal so im Überschlag gerechnet: eine der legendärsten “Sex, Drugs, Rock ‘n’-Roll”-Bands sind wohl die Stones. Zwei Todesfälle eingeschlossen kommen acht prominente (Ex-) Mitglieder derzeit auf einen Altersdurchschnitt von 57 Jahren – allerdings bei noch sechs Lebenden. Um jetzt die von Spiegel-Online ausgegebene durchschnittliche Lebenserwartung eines Popstars zu erreichen, brauchen wir z.B. acht weitere Stars, die schon mit 13 Jahren sterben, oder 30 Stars, die im Alter von 29 Jahren abtreten. Und da sicherlich und hoffentlich nicht alle Stones sofort entschlafen, erhöht sich die statistisch benötigte Zahl von toten Jungstars noch deutlich.

Allein die Tatsache, dass in der Studie noch lebende Musiker berücksichtigt wurden, sollte klar machen, dass kein Durchschnittsalter für Popstars errechnet werden konnte. Wurde auch nicht:

In all, 100 of the stars died between 1956 and 2005. The average age of death was 42 for the North American stars and 35 for the European ones.

Aber weil man bei Spiegel-Online lustig drauf ist, spinnt Schultz seinen Unverstand gleich noch weiter:

Babyshambles-Sänger Pete Doherty, 28, hätte er demnach noch sieben Jahre zu leben.

Mit Dank an Tom Schmidt

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