Spiegel-Online autistisch in eigener Sache

Der Chefredakteurs-Vertrag von Stefan Aust beim Spiegel-Verlag wird nicht über den 31.12.2008 hinaus verlängert. Inzwischen wissen das wohl die meisten, die es interessieren könnte. Interessieren könnte es zum Beispiel Spiegel-Online-Leser, nicht nur wegen der ähnlichen Marke, sondern weil der Online-Chef als Nachfolger auf dem Print-Sessel gehandelt wird. Nur erfahren konnten das Spiegel-Online-Leser bisher nicht – der größte Online-Nachrichtenanbieter schweigt zu diesem Thema ( – von den fremdeingespeisten Notizen im Perlentaucher abgesehen). Das muss stutzig machen, denn nach allem, was Journalisten für Nachrichtenfaktoren halten, führt an einem Verweis auf die Personalie kein Weg vorbei.

Soweit Medien wie Spiegel-Online Vollprogramme zu liefern beabsichtigen, müssen sie auch Themen bearbeiten können, in die sie irgendwo selbst verwickelt sind. Denn das bleibt ja nicht aus: Ob es um Konkurrenz-Medien geht, um Partnerschaften, Beteiligungen, ehemalige Mitarbeiter, um Betroffenheiten wie bei der Vorratsdatenspeicherung oder eben um sich selbst als Akteur: der Schülerzeitungswettbewerb des eigenen Hauses kommt ebenso selbstverständlich in der Spiegel-Online-Berichterstattung vor wie die – doch eher belanglosen – Auftritte von Bastian Sick.

Die Entscheidung, Aust nicht bis 2010 als Chefredakteur zu behalten, wäre da ja vergleichsweise einfach zu berichten gewesen – auch über die kläglichen und doch vielsagenden Zeilen der (nicht bei Spiegel-Online veröffentlichten) Pressemitteilung hinaus. Schließlich gab es dazu Agenturmeldungen, die auch sonst bei Spiegel-Online nur noch um eine klickendmachende Überschrift angereichert werden. Man hätte eine Presseschau anbieten können mit den verschiedenen Stimmen und Einschätzungen – normales Nachrichtengeschäft.

Doch wenn schon eine solche Personalie offenbar nicht mehr journalistisch gehandelt werden kann, dann darf man sich fürchten vor all dem, was sonst noch nicht bearbeitet wird – zumal, wenn es mehr als das eigene Medium betrifft. Etwas bei der Debatte um den verminderten Mehrwertsteuersatz: der Spiegel hat das Thema schon oft aufgegriffen, regelmäßig werden die 7 (statt 19) Prozent MWSt auf Maulesel und Maulbeeren als Subvention gegeißelt – ohne ein Wort darüber zu verlieren, dass auch der SPIEGEL davon profitiert, würde er doch bei normalem MWSt-Satz derzeit 3,90 statt 3,50 EUR kosten.

Natürlich gibt es Situationen, in denen man besonders befangen ist. Aber auch das ist keine Erlaubnis zur Totalverzerrung durch Verschweigen. Den Lesern ist allemal damit geholfen, wenn sich ihr Medium klar positioniert (z.B. als Kommentar) und daneben mit einfachem journalistischen Handwerkszeug auf das Meinungsspektrum und die tiefere Berichterstattung in anderen Medien verweist.

Im Print-Bereich zumindest wissen wir, dass die wenigsten Leser die Konkurrenz im Haus haben, mit der man Auslassungen im eigenen Medium vielleicht rechtfertigen könnte: da existiert eine regionale Tageszeitung, und das war’s an Lokalnachrichten. Natürlich ist die Angebotssituation im Internet eine andere. Aber wie sieht es mit der Nutzung aus? Wie viele andere Publikums-Magazine muss man neben Spiegel-Online lesen, um die Lücken der einzelnen Anbieter zu schließen? Wie sehr muss ich als Leser die Rolle des Redakteurs übernehmen? Und wenn ich diesen Job schon übernehme, warum gibt es dann so wenige mutige Stücke, warum doch einen so großen Gleichklang der Themen und ihrer Bearbeitungen?

“Es gab die Hausmitteilung, und darüber hinaus ist das für uns keine Nachricht”, zitiert die taz Rüdiger Ditz, stellvertretender Chefredakteur. Wenn das die Ankündigung einer neuen Zurückhaltung sein sollte bei all dem, was die Welt nicht wirklich bewegt, dann soll mir der fehlende Aust recht sein. Ansonsten aber hat Spiegel-Online hier schlicht versagt.

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Was sagen andere?

Der Netzjournalist Thomas Mrazek findet es nicht dramatisch, aber doch unsouverän, dass Spiegel-Online das Thema ignoriert. Gegenüber Spiegelkritik sagt er:

“Mathias Müller von Blumencron betonte kürzlich in einem Gespräch mit mir die Offenheit von Spiegel Online gegenüber Kritikern, genau diese Offenheit hätte ich jetzt von seinem Magazin in die andere Richtung erwartet – wo ja nicht unbedingt nur die Kritiker die Messer wetzen, sondern vor allem das neugierige Publikum zu seinem Recht auf möglichst vollständige Information kommen soll.”

Prof. Dr. Lorenz Lorenz-Meyer, Leiter des Studiengangs Online-Journalismus an der Hochschule Darmstadt, hat Verständnis für das Schweigen und erklärt auf Anfrage von Spiegelkritik:

“Personalien in eigener Sache sind immer eine heikle Sache im journalistischen Geschäft. Und da es bei Spon keine etablierte Position für so etwas wie ein Editorial gibt, ist es doppelt schwierig, so eine Sache adäquat abzubilden. Niemand kann erwarten, dass das Thema nach journalistischen Maßstäben behandelt werden könnte (das fällt ja schon den Konkurrenten schwer genug… 🙂 ). Dazu kommt, dass Spon-Chef Blumencron selbst als Nachfolge-Kandidatfür Aust gehandelt wird, was seine Position noch schwieriger macht, selbst wenn er den Vorgang irgendwie im Sinne einer “Hausmitteilung” bekanntgeben könnte.

Nein, vielleicht hätte man sich einen irgendwie souveräneren Umgang mit der Sache vorstellen können, aber ich muss gestehen, mir fällt auf Anhieb keiner ein. Manchmal muss ein Medium auch schweigen dürfen.”

4 Antworten zu “Spiegel-Online autistisch in eigener Sache”

  1. Also das Beispiel mit der Mehrwertsteuer ist jetzt aber sehr böswillig herbeikonstruiert. Immerhin beweist es, dass der Spiegel auch kritisch über Sachverhalte berichten kann, die ihn begünstigen. Das muss man nicht unbedingt erwarten und ich frage mich auch, ob es wirklich jemanden dazu bewegen würde, seine Meinung über die Subvention – die die 7% nun einmal faktisch darstellen – zu überdenken, weil der Spiegel deswegen weniger kostet.

    Ein bisschen konfus gerade, aber egal. Auf jeden Fall sehe ich da jetzt kein so großes Problem, dass der Spiegel in der Mehrwertsteuerfrage nicht auf sich selbst verweist.

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