Desinfektionsjournalismus

“Aber nein, wir geben uns doch nicht mehr die Hand. Jetzt ist ‘Elbow-Bump’ angesagt.” Einige Male wörtlich so und in zig Variationen ähnlich habe ich es bei der letzten Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) am 11. März 2020 in München vernommen. War ich schon seit der Heimholung Deutscher aus Wuhan am 1. Februar auf Hab-Acht-Stellung, wurde mir spätestens in München klar: Der Journalismus erlebt gerade keine Sternstunde. Ob er nicht besser konnte oder nicht anders wollte, war damals noch nicht ausgemacht, die Journalistik wird sich damit noch lange beschäftigen. Elbow-Bumb gegen das Virus, vor dem wir (damals noch) alte und kranke Menschen schützen sollten. Nicht die Hand geben. Und in jedem Fall die Hände oft und ausreichend lang waschen. Das intellektuelle Level der Pandemiebekämpfung be- und vertont nichts sympathischer als Ursula von der Leyen, die uns als Stoppuhr für die neue Bürgerhygiene die europäische Freudenhymne singt.
Schon kurze Zeit nach dem ersten von mir wahrgenommenen Elbow-Bump wurde die ganz Münchner Versammlung der Kommunikationsforschung aufgelöst. Weil es die Umstände und die Universitätsleitung forderten, weil die studentischen Hilfskräfte paternalistisch geschützt werden mussten und Krise gerade so groß wie selten geschrieben wurde.

Aufgrund eines Zufallsbefunds hatte ich einige Stunden vor der Auflösung der kommunikationswissenschaftliche Expertentagung einen Gag entdeckt, den ich in den wenigen drei mir verbliebenen Panels ethologisch explorierte: Um den Auftakt der Tagung mitzubekommen, musste ich mich etwas sputen, und wie in meiner Familie üblich hatte die leichte körperliche Anstrengung sofort Auswirkung auf meine Nase. Im Hörsaal angekommen, musste ich sie ein erstes Mal leicht hochziehen, wie das so schön im Deutschen heißt. Und prompt drehten sich in den drei bis fünf Reihen vor mir, die ich sehen konnte, mindestens sieben Köpfe ruckartig nach hinten, tendenziell also zu mir. War ich zu laut? Ich versuchte es nach einer kurzen Sammlungsphase mit zivilisiertem, dezentem Schnäuzen. Doch es drehten sich noch mehr Köpfe um. Nun sprach der Eröffnungsredner natürlich auch gerade von den Problemen, die dieses neuartige Coronavirus auch für die DGPuK-Tagung darstelle. Es ging, soweit ich das in meinem ethologischen Forscherdrang mitbekommen habe, um Desinfektionsspender.
Um es abzukürzen: Auch in drei weiteren Veranstaltungen in anderen Räumen mit mutmaßlich anderer Zusammensetzung dasselbe Verhalten. Ein kurzes Nasengeräusch, und Mitbürger schauen einen an, “als hätten sie jene chinesische Fledermaus höchstselbst vor sich, die das Virus auf den Menschen übertragen haben soll” (Raether 2020).

Auch wenn ich im Folgenden versuche, so wenig wie möglich über Corona an sich zu sprechen und auf gar keinen Fall diskutiere, welche Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung sinnvoll, welche fragwürdig, welche kontraproduktiv waren: ‘Elbow-Bump’ und ‘Rhinorrhoephobie’ warfen die Frage auf, ob unsere journalistische Landschaft die gesellschaftliche Funktion erfüllt, die ihr stets und auch von sich selbst zugeschrieben wird. Leistet der Journalismus mehr, als einige herausragende Reportagen und investigative Recherchen auf den Belobigungsmarkt zu werfen? Bloß niemandem die Hand geben (B37), bloß immer die Hände richtig waschen (B34)? Das konnte doch alles nicht ernst gemeint sein. Hatte irgendein Virologe vergessen den Medien mitzuteilen, dass Sars-CoV-2 kein Hautpilz ist? Aber es wurde nicht besser. Selbst Wissenschaftsjournalisten rieten zum Einkauf mit Handschuhen (B36). Gebildete Menschen beklagten sich öffentlich, sie hätten im Restaurant zur Eintragung in die gesundheitsamtsrelevante Gästeliste einen nicht desinfizierten Stift benutzen müssen. Ein professorales Mitglieder der Grimme-Online-Jury kommentierte, Beiträge, “die sich gegen radikale, freiheitsbeschränkende Maßnahmen” der Corona-Politik wendeten, seien auch “indirekt gegen das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit” – und benannt (polemisch?) als “Fürsprecher bürgerlicher Freiheiten” Julian Reichelt und Ken Jebsen (B16). Das sind nur Schlaglichter auf den Informations- und Diskussionsstand während ‘der größten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg’ (B39).

Doch dann begegnete mir Anfang April zum ersten Mal eine fachwissenschaftliche Legitimation aus der Schweiz: “Die Medien berichten gemäß meiner Beobachtung bis jetzt weitgehend im Einklang mit der sehr guten Kommunikation des Bundes, […] Es war sicher richtig, dass in dieser schwierigen Situation die Journalisten nicht mit vorauseilender Kritik an Behördenentscheiden noch mehr zur Verunsicherung beigetragen haben.” (Wyss/ Spörri 2020)
Die ersten Monate Corona-Berichterstattung bieten alles, was an journalistischen Qualitätsdefiziten (oft genug nur abstrakt) diskutiert wird. Wie es sich für einen journalistischen Klempner gehört, nehme ich mich nun nicht der wohlfeinen, sondern nur einiger tropfenden, klemmenden, verkalkten Wasserhähne an. [weiterlesen]

 

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