Medienkritik zum Corona-Journalismus (Sammlung)

Die journalistische Berichterstattung zur Corona-Pandemie und deren politischer Handhabung wird die Medienforschung (hoffentlich) noch lange Zeit beschäftigen. Die nachfolgende Sammlung mit Literatur, Links und Ergänzungen zur Diskussion wird derzeit kontinuierlich fortgeführt und kann sich daher jederzeit ändern, ohne dass dies explizit kenntlichgemacht wird (keine wie sonst üblichen Update-Hinweise am Ende). Für die bessere Orientierung und ggf. Bezugnahme in Kommentaren unter dem Beitrag werden die Einträge bzw. Abschnitte nummeriert. Hinweise auf weitere Veröffentlichungen sind willkommen, die redaktionelle Auswahl bleibt aber vorbehalten. [Letztes Update: 22.02.2021] .Übersicht:
01. Ergänzungen und Updates zu den Debattenbeiträgen in “journalistik” 2/2020
02. Studien zur journalistischen Leistung in der Corona-Pandemie
03. Journalistische Medienkritik
04. Medienkritik aus der Journalistik/ Kommunikationswissenschaft
05. Kritik aus anderen Wissenschaftsgebieten
06. Sonstige Kritik, die der Journalismus auf sich beziehen kann
07. Sammlungen zu Medienkritik, Medienforschung und der gesellschaftlichen Diskussion über die Corona-Berichterstattung
08. Reaktionen auf Medienkritik zur Corona-Berichterstattung/ Dialoge
09. Sonstige Hinweise

01. Ergänzungen und Updates zu den beiden Debattenbeiträgen in der “journalistik”

Im Fachmagazin “journalistik” sind erschienen (verlinkt ist jeweils die Blog-Seite, in der rechten Spalte dort gibt es einen Link zur ggf. besser lesbaren pdf-Version):

+”Desinfektionsjournalismus” – Debattenbeitrag von Timo Rieg
Englische Version: Disinfection journalism. Reporting on coronavirus has not been a beacon of orientation. DOI: 10.1453/2569-152X-22020-10686-en

+ “Ungerechte Medienkritik” – Replik von Prof. Tanjev Schultz

+ “Vernachlässigte Medienkritik” – Kurze Antwort von Timo Rieg

01.01 Serie Medienkritik auf Telepolis
Da es als Grundlage für den Beitrag “Desinfektionsjournalismus” eine umfangreiche Sammlung journalistischer Beiträge gab, von denen nur wenige referenziert oder gar diskutiert werden konnten, erscheint nun ergänzend ein Mehrteiler auf Telepolis:

+Teil 1: “Elementare Defizite der Berichterstattung” (11.10.2020)
Ergebnisse der Schweizer Studie “Qualität der Medienberichterstattung zur Corona-Pandemie”
+Teil 2: Zum Qualitätskriterium Richtigkeit: Wenn schon die Fakten nicht stimmen (20.10.2020)
+Teil 3: Zum Qualitätskriterium Vollständigkeit (“Halbe Wahrheiten sind keine”; 01.11.2020)
Teil 4: Zum Qualitätskriterium der Meinungsvielfalt (Teil von Vollständigkeit; 22.11.2020)
Teil 5: Zum Qualitätskriterium Repräsentativität (“Verzerrte Proportionen”, 22.12.2020)
Teil 6: Zum Qualitätskriterium Objektivität (inkl. Medienjournalismus; 14.02.2021)

01.02 zur fög Studie “Die Qualität der Medienberichterstattung zur Corona-Pandemie”: Kurz nach Freigabe der Korrekturfahne und damit Redaktionsschluss der “journalistik” ist ein erster Bericht in einem deutschen Medienmagazin erschienen, nämlich bei B5 am 23.08.2020.
Zur Einschätzung der deutschen Medienleistung wird dann allerdings Bernhard Pörksen befragt, der dabei offenbar nicht auf eigene Forschung, sondern nur sein Gefühl als Medienkonsument zurückgreifen kann. (Audio)

01.03 Inzwischen hat Facebook die Holocaust-Leugnung auf seiner Plattform grundsätzlich verboten. (12.10.2020)

02. Studien zur journalistischen Leistung in der Corona-Pandemie

02.01 Schweizer Qualitätsstudie (fög)
Eisenegger, Mark/ Franziska Oehmer/ Linards Udris/ Daniel Vogler: Die Qualität der Medienberichterstattung zur Corona-Pandemie [Analyse zur Corona-Berichterstattung in den Schweizer Medien], Qualität der Medien Studie 1/2020, hrsg. vom Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich, pdf 

+Zusammenfassung und Einordnung der eigenen formulierten Medienkritik:
Klaus Meier: “Halb voll ist eben auch halb leer: Studie zur Corona-Berichterstattung“, Medienwoche, 31.07.2020,

+In Schweizer Medien ist eine ganze Reihe (kurzer) Nachrichten zu dieser Studie erschienen, z.B.:
Studie beurteilt Covid-19-Berichterstattung “tendenziell positiv” (msn.com von Keystone-SDA, 29.07.2020)
“Coronaberichterstattung in Medien sachlich und vielfältig” (Aargauer Zeitung)
Die Medien haben vielfältig berichtet“, SRF, 29.07.2020, Gespräch mit Mark Eisenegger (6 min)
Die Bedrohung in der Altersvorsorge ist schwieriger zu vermitteln“, Interview mit Mark Eisenegger, 18.08.2020

02.02 ARD- und ZDF-Sondersendungen
Gräf, Dennis/ Martin Hennig: Die Verengung der Welt. Zur medialen Konstruktion Deutschlands unter Covid-19 anhand der Formate ARD Extra -Die Coronalage und ZDF Spezial

Veröffentlicht im Magazin des DFG Graduiertenkollegs Privatheit und Digitalisierung, Sonderausgabe #COV-19, September 2020

+Einige Reaktionen sowie seine eigene Einschätzung hat Ralf Heimann im MDR-Altpapier notiert, Titel: “Akademischer Tunnelblick” (24.08.2020)

+Kritik von ARD- und ZDF-Vertretern bei Kress

02.03 Mainstream-Media auf Facebook
Quandt, Thorsten/ Svenja Boberg/ Tim Schatto-Eckrodt/ Lena Frischlich: Pandemic News: Facebook Pages of Mainstream News Media and the Coronavirus Crisis. A Computational Content Analysis.in: Münster Online Research (MOR) Working Paper, 2,  [Pre-Print] [29.05.2020; abg. 07.07.2020]

+ Steinert, Jonathan: Forscher stellen Medien gutes Corona-Zeugnis aus (Pro – Christliches Medienmagazin, 05.06.2020)

+ Westfälische Nachrichten: Journalismus versagt in der Corona-Krise nicht (02.06.2020)
+ PM der Uni-Münster zur vorangegangenen Studie Boberg/ Quandt/ Schatto-Eckrodt/ Frischlich (2020): Pandemic Populism. Facebook Pages of Alternative News Media and the Corona Crisis – A Computational Content Analysis. (Mit Link zum Pre-Print) (07.04.2020)

02.04 Wormer, Holger (2020): German Media and Coronavirus: Exceptional Communication—Or Just a Catalyst for Existing Tendencies? In: Media and Communication, Volume 8, Issue 2, Pages 467–470.
In einem Interview mit Joachim Retzbach auf Wissenschaftskommunikation.de (“Mehr Einordnung und kritische Nachfragen – was der Journalismus in der Coronakrise besser machen könnte“) sagt er:

>Aber dass mittlerweile jede seiner [Christian Drosten] Äußerungen , nicht selten ohne weitere Einordnung, mit so großer Reichweite in die Öffentlichkeit transportiert wird, ist aus journalistischer – und übrigens auch aus wissenschaftlicher – Sicht problematisch. < (Wormer)

03. Journalistische Medienkritik

Augstein, Franziska: Fortgeworfen vom Staat. (Grundrechte außer Kraft, Alte isoliert, Kinder ohne Bildung: Wie Covid-19 die Werte beschädigt, die das deutsche Gemeinwesen ausmachen.) in: spiegel.de (09.01.2021)

Angstmache war und ist Programm. Jene Fachmediziner, die nach Auffassung von Journalisten Covid-19 nicht ernst genug nahmen, bekamen gelegentlich ein wenig Raum, ihre Ansichten darzulegen. Aber prominent wurden jene vorgestellt, die über Covid-19 reden, als befänden wir uns im 14. Jahrhundert und es handele sich um die Pest. So musste beim Publikum der Eindruck entstehen, jedes Opfer sei zu bringen, um dieser tödlichen Krankheit zu entgehen. (Augstein)

Giacobbo, Viktor (Schweizer Komiker): “Wir Satiriker waren noch nie so regierungstreu wie jetzt” (Tagesanzeiger, 04.04.2020)

Baur, Alex: Dynamik der Panik, in: Weltwoche, 15.04.2020

Linß, Vera: Berichten die Medien zu unkritisch? Journalismus in der Coronakrise. In: Deutschlandfunk Kultur, Sendung “Breitband”, 21.03.2020

Lübberding, Frank: In der Sackgasse (TV-Kritik zu Maischberger), FAZ, 06.08.2020. Auszug:

>Aber wie ist es eigentlich zu dieser desaströsen Fehlentwicklung gekommen, die Pandemie-Bekämpfung mittlerweile mit einem ideologischen Bekenntnis verwechselt?< (Lübberding)

Reisin, Andrej: Staatsräson als erste Medienpflicht? In: Übermedien, 17.03.2020

Reisin, Andrej: Von der fehlenden journalistischen Distanz zu Christian Drosten. In: Übermedien, 30.05.2020

Rieg, Timo: Journalismus im Krankenstand. In: Telepolis, 26.03.2020

Rieg, Timo: Coronapolitikkritikleugner (Blogbeitrag zur Berichterstattung über die Demonstrationen gegen die Pandemiepolitik, 30.08.2020)

>Es gibt theoretisch zwei Möglichkeiten, was behördliches Verbot und gerichtliche Aufhebung bedeuten können. In beiden Fällen müsste dringend geklärt werden, wie es dazu kommen konnte. Denn entweder lag die Polizei mit ihrem Verbot völlig daneben. Dann ist es nicht Zeit für lustige Späßchen der Art “feine Diktatur in der wir da leben, wo Gerichte noch frei entscheiden” (natürlich war sich die Heute-Show genau dafür nicht zu doof), sondern für Vorkehrungen, künftig solche rechtswidrigen Entscheidungen zu verhindern. Oder aber die beiden Gerichte lagen völlig daneben. Dann sollten die Bürger dringend große Zweifel am Rechtsstaat haben, und die Medien müssten recherchieren, wie mit einer nicht funktionierenden Gerichtsbarkeit umzugehen ist.
Doch die Medien ließen die von ihnen mitverursachte Unsicherheit einfach stehen, mit dem Ergebnis, dass sich weiterhin jeder seine eigene Wahrheit daraus basteln kann.< (Rieg)

Röhrlich, Dagmar : Journalismus zwischen Verharmlosung und Alarmismus, Ärztezeitung (30.12.2020)
[ein Plädoyer für mehr Wissenschaftsjournalismus, der Geld kostet]

Rosenfelder, Andreas: Die Regierungssprecher (Medien in der Corona-Krise). In: Welt, 05.01.2021:

>Da gibt es Journalisten, die durch eine Recherche [Spiegel zum “Impf-Skandal”] aufdecken, dass in einem für jeden Bürger dieses Landes folgenreichen Ablauf schwere Fehler gemacht wurden – und dann kommen andere Journalisten, die ihre Aufgabe darin sehen, diese Fehler herunterzuspielen, die Alternativlosigkeit einer Strategie, bei der “nicht alles optimal” war, nachzuweisen (“die Alternativen waren schlechter”) und sich gegenseitig mit kindischen Klatsch-Emojis und digitalen Bitte-bitte-Appellen noch in ihrer PR-Kampagne für die Bundesregierung zu unterstützen. Die einen decken etwas auf, die anderen schütten es wieder zu. Wissen sie nicht, dass das selbst dann nicht ihre journalistische Aufgabe wäre, wenn die Bundesregierung in der Krisenpolitik – und es gibt wenig Anlass, das anzunehmen – wirklich alles richtig gemacht hätte? Merken sie nicht, wie sie beim verzweifelten Versuch, das aus Gründen beschädigte Vertrauen in die Politik zu retten, das Vertrauen in den Journalismus nachhaltig beschädigen? Ist ihnen nicht bewusst, dass sie dabei ein Meinungskonglomerat aus Politik und Medien erzeugen, das jeden Kritiker der “Systemmedien” in seinen krudesten Fantasien bestätigt?< (Rosenfelder)

Ruoff, Robert: Zu große Themen für eine geschlossene Gesellschaft [Rezension des SRF1-Talks “Medienclub” zum Thema “Tatsachen und Meinungen – Wie objektiv berichten die Medien” vom 16. Juni, 22.25 Uhr], in: Medienwoche, 19.06.2020.
Mit Franz Fischlin diskutieren im «Medienclub»: Nathalie Wappler, Direktorin SRF; Regula Stämpfli, Politikwissenschaftlerin; Alex Baur, Journalist «Weltwoche»; Mark Eisenegger, Medienwissenschaftler; und Patrik Müller, Chefredaktor Zentralredaktion CH Media.

Seeßlen, Georg: Das (Un-)Bild von Corona, Zeit.de (27.12.2020)
https://www.zeit.de/kultur/2020-12/pandemie-coronavirus-bilder-erzaehlung-krise/komplettansicht?

>Zeitungsartikel und Fernsehbeiträge, die sich mit der Hoffnung auf einen Impfstoff beschäftigen, machen mit dem Bild einer Spritze auf. Auf den ersten Blick erscheint das als übliche Gefühlsmanipulation, es muss eben Drastik sein. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass Spritzen “indexikalisch” für Schmerz, Angst und “Eindringen” stehen (wer assoziierte nicht sogleich das weinende Kind?), könnte man vom Verschmelzen des Katastrophen- mit dem Trost-Bild sprechen. Die Heilung von der allgemeinen Katastrophe liegt in einer individuellen Schmerzkrise, so suggeriert dieses Indexbild, das verstanden wird, insofern es gleichsam beim Betrachten wehtut. Endlich ist die “Waffe” gefunden, und was wäre eine Waffe, die nicht drohen kann? Die Kavallerie, die unter die Haut geht.< (Seeßlen)

Siggelkow, Pascal: “Sagt mal, spinnt ihr?” Drei, die saufen, sind keine Party. [Sprachkritik zu “Corona-Partys”] In: Übermedien, 09.04.2020.

SpiegelKritik: Beiträge dieses Blogs zum Thema finden sich unter dem Schlagwort Corona-Journalismus.

Spork, Peter: Die eigentlichen Corona-Opfer kommen in den Medien viel zu kurz. In: Übermedien, 19.11.2020. [“Er begleitet mich schon fast seit Beginn der Coronakrise: Dieser Ärger, dass die Medien mehr über die Einschränkungen der Gesunden berichten als über das Leid der Kranken. Dank einer neuen Kooperation der RiffReporter mit Übermedien, dem unabhängigen Magazin für Medienkritik, durfte ich meinem Ärger nun Luft machen.”]

Steingart, Gabor: Anmerkungen zur Corona-Demo. In: Morningbriefing, 31.08.2020. Zitat:

>Viele Journalisten wollen die Komplexität und Widersprüchlichkeit dieser neuen Protestbewegung nicht verstehen. Sie haben Neugier durch Haltung ersetzt. Der Maßstab ihrer Berichterstattung ist nicht das, was sie sehen und hören, sondern ist der Abstand der Demonstranten zu den eigenen Positionen. Wir erleben diese Verschiebung der Koordinaten jetzt schon seit einiger Zeit: Wer sich im geistigen Ideenraum eines Journalisten befindet, darf mit öffentlicher Belobigung rechnen. Wer sich außerhalb dieser selbst gezimmerten Kathedrale aufhält, dem versucht man mit den Methoden des Exorzismus beizukommen. Der Teufel ist immer der andere.< (Steingart)

Sterz, Christoph: Bitte keine Appelle! (Deutschlandfunk, 23.03.2020). Zitat:

Trotzdem macht mich als Journalist fassungslos, wie manche Kolleginnen und Kollegen aus der Rolle fallen. Wie sie sich darauf beschränken, einfach nur die Statements der führenden Politikerinnen und Politiker eins zu eins wiederzugeben – ohne Einordnung, ohne kritische Fragen, ohne ihr journalistisches Handwerk einzusetzen.< (Sterz)

04. Medienkritik aus der Journalistik/ KoWi

Eurich, Claus (em.): Journalismus desaströs – ein Zwischenruf, in: Interbeing (Blog), 06.04.2020

Gordeeva, Daria: Wenn Watchdogs schlafen, in: Medienrealität (Blog), 03.04.2020. Zitat:

>Dieser Beitrag zeigt, wie das Virus medial und politisch zu einem regelrechten Feind gemacht wird – und warum die vehemente Kriegsrhetorik den Journalismus gefährdet. […] Eine „Quick’n’Dirty“-Analyse der Berichterstattung von vier deutschen Leitmedien zur Corona-Krise zeigt: Der SPIEGEL, die BILD-Zeitung, die FAZ und die SZ greifen das Kriegsnarrativ auf und konstruieren das Virus als gnadenlosen Feind, gegen den mit allen Mitteln gekämpft werden muss, ganz im Sinne der Mächtigen.< (Gordeeva)

Haarkötter, Hektor: Geht’s auch mal wieder kritisch? In: Menschen Machen Medien, 01.04.2020

Haller, Michael (em.): Corona-Krise und die Medien. Lost in Transition – Warum die Medienberichterstattung so viel Verwirrung stiftet. Und wie wir dennoch mehr Übersicht gewinnen können. In: Europäisches Institut für Journalismus- und Kommunikationsforschung (EIJC), 04.04.2020. Zitat:

>Der publikumswirksame Kern dieser Desinformationen steckt meines Erachtens in der Aussage, Covid-19 sei in Wahrheit ähnlich harmlos wie sonstige Influenza-Erkrankungen und die Risikogruppe (Raucher, Immunschwache, Vorerkrankte sowie Alte) umfasse „höchstens 5 Millionen Menschen“.< (Haller)

Jarren, Otfried (em.): Im Krisenmodus. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Zeiten von Corona. In: epd Medien Nr. 13, 27. März 2020 (nicht mehr online)

Meier, Klaus/ Vinzens Wyss: Journalismus in der Krise. Die fünf Defizite der Corona-Berichterstattung. In: Meedia, 09.04.2020

Meyen, Michael: “Kritik an Corona-Maßnahmen muss möglich sein”. In: Bayerische Staatszeitung, 6.11.2020, https://www.bayerische-staatszeitung.de/staatszeitung/politik/detailansicht-politik/artikel/kritik-an-corona-massnahmen-muss-moeglich-sein.html
[Medienwissenschaftler Michael Meyen über einseitige Berichterstattung, ausgedünnte Redaktionen und andere Probleme in Pandemiezeiten]

Pätzold, Ulrich (em.): Corona Journalismus (Mai 2020). (Nach Umbau des Blogs nicht mehr online) Zitat:

>Für sich selber sollten [Journalisten] aber noch mehr beherzigen, was sie von den Wissenschaftlern erfahren: So lange kein gesichertes Wissen vorfügbar ist, gehört zur Vermittlung des Gewussten, auf die Lücken hinzuweisen, um vor falschen Spekulationen zu warnen. Qualitätsjournalismus erweist sich auch im Aufspüren von Wissenslücken. Das ist professionelle Aufklärung von Ungewissheiten.< (Pätzold)

Schatz, Roland: 7 Tipps für einen besseren Corona-Journalismus, in: Kress, 20.03.2020

Ruß-Mohl, Stephan: Das Corona-Panikorchester, in: Süddeutsche Zeitung, 16.10.2020. [Teaser: Ein Overkill an Berichterstattung über die Pandemie verzerrt die Maßstäbe dafür, was alles relevant ist. So verbreitet sich eine gefährliche Angst.] Replik: 08 Lorenz-Meyer.

Schultz, Tanjev: Gespräch zur Berichterstattung über “Corona-Demonstrationen” in “Texte, Töne, Bilder” (WDR), 07.08.2020
Schultz fordert nüchterne Berichterstattung ohne ständige Moralkeule; Unsicherheiten und Unklarheiten sollten benannt werden, Kritik und Zweifel der Bürger an politischen Entscheidungen nachrichtlich behandelt werden, wozu auch gehört, sie selbst zu Wort kommen zu lassen.

05. Kritik aus anderen Wissenschaftsgebieten

Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V.: Risikokommunikation zu COVID-19 in den Medien, pdf, 20.08.2020

Deutsches Netzwerk evidenzbasierte Medizin e.V.: COVID-19: Wo ist die Evidenz? (Version vom 08.09.2020). Zitat:

>Die mediale Berichterstattung sollte unbedingt die von uns geforderten Kriterien einer evidenzbasierten Risikokommunikation beherzigen und die irreführenden Meldungen von Absolutzahlen ohne Bezugsgröße beenden.< (Netzwerk evidenzbasierte Medizin)

Frey, Bruno: Die Macht der «Virokraten», in Schweizer Monat, Mai 2020 [Frey ist Ökonom]

Wißmann, Hinnerk: Verfassungsbruch? Schlimmer: Ein Fehler. Die Aufkündigung der Moderne durch die Pandemiepolitik 2.0, in: Welt, 09.02.2021; frei zugänäglich im Verfassungsblog, 06.02.2021

>Es gibt einen naheliegenden Erklärungsansatz für diese surreale Lage: Art und Umfang der Pandemiemaßnahmen liegen so weit jenseits aller bisherigen Erfahrungswerte des Fachs [Verfassungsrechtslehre], dass der eingeübte professionelle Maßstab nicht greift. Niemand würde ja zunächst ernstlich bestreiten, dass seit März 2020 die schärfsten Grundrechtseingriffe in der Geschichte der Bundesrepublik zu verzeichnen sind, […].  Dennoch ist scheinbar zu all dem für viele Vertreter des Fachs im Grunde nichts zu sagen. Man verweist bestenfalls auf das Schutzgut Leben, auf die besondere Konstellation des Eilrechtsschutzes, auf das dynamische Geschehen, die „Stunde der Exekutive“, und überwintert in einer ziemlich privilegierten Stellung.<< (Wissmann)

06. Sonstige Kritik, die der Journalismus auf sich beziehen kann

Ehs, Tamara: Krisendemokratie. Sieben Lektionen aus der Coronakrise. Wien: Mandelbaum Verlag, 2020

Reiss, Karina/ Sucharit Bhakdi: Corona-Fehlalarm? Zahlen, Daten und Hintergründe. Wien: Goldegg Verlag, 2020
Hinweis: eine pdf mit den klickbaren Links der Belege findet sich beim Verlag
Zur fehlenden Medienrezeption siehe Dirk Engelhardt: Trotzdem ein Erfolg. Literatur Medien ignorieren „Corona Fehlalarm?“, es verkauft sich dennoch gut, in Freitag 32/2020,

Schreyer, Paul: Chronik einer  angekündigten Krise. Wie ein Virus die Welt verändern konnte. Frankfurt: Westend Verlag, 03.08.2020
Obwohl auf der Bestsellerliste, gibt es auch zu diesem Buch so gut wie keine Besprechung (getestet 07.01.2021 in den Print-Archiven von Bild, BamS, FAZ, FR, SZ, Focus, Spiegel, Stern, Zeit; in Bild taucht es eben in der regelmäßig veröffentlichten Bestsellerliste auf).  Matthias Holland-Letz bilanziert in seiner ND-Rezension (24.10.2020):

Schreyers Buch ist in meinen Augen eine Mogelpackung. Getarnt als journalistisches, gar investigatives Werk konstruiert es höchst abenteuerliche Zusammenhänge. Aufklärungswert? Nahe Null.

.

07. Sammlungen zu Medienkritik, Medienforschung und der gesellschaftlichen Diskussion über die Corona-Berichterstattung

Evangelischer Pressedienst (epd): Debatte zur Medien-Berichterstattung über die Corona-Krise (intransparente Auswahl, im Juli 2020 beendet)

Ruß-Mohl, Stephan: Corona in der Medienberichterstattung und in der Medienforschung (16.04.2020, Sammlung nicht fortgeführt)

Mrazek, Thomas: Linksammlung “Corona Journalismus”  bei “diigo” (fast tägliche Aktualisierung)

08. (Journalistische) Reaktionen auf Medienkritik zur Corona-Berichterstattung

In dieser Rubrik wird wie in den übirgen nur aufgenommen, was relevant erscheint. So fand im April 2020 etwa eine Replik von Werner D’Inka hier Erwähnung [D’Inka, Werner: Sind alle Journalisten Versager? In: FAZ, 18.04.2020, Reaktionen zu diesem Kommentar u.a. in “Kritik an der Medienkritik – und neue Kritik“, in: European Journalism Observatory (EJO), 21.04.2020].  Schon er bot keine Fakten an, die zur vorangegangenen Kritik passten (so empfahl er etwa Artikel, die bei Publikation der Medienkritik noch gar nicht erschienen waren, wie bereits in “Desinfektionsjournalismus” dargelegt). Es folgten über das Jahr zahlreiche weitere pauschale Verteidigungsreden, die jeweils nicht mehr boten als eine andere Meinung, ohne sich mit Befunden und fundierten Forderungen auseinanderzusetzen (z.B. Michael HanfeldKlaus Raab, Malte Lehming, und die Response zu Lehming von Michael Haller). Da es hier um Orientierung geht, werden solche Beiträge nicht (mehr) nachfolgend aufgeführt, sofern sie nicht in  einer öffentlichen Debatte (neue) Relevanz erhalten.

Brost, Marc/ Ileana Grabitz/ Bernhard Pörksen: Wir Medien in der Weltviruskrise. Im Podcast: Das Politikteil. Thema: Journalismus über das Coronavirus (09.04.2020)

Fromm, Anne: Apokalypse und Schulterzucken, in: taz, 24.08.2020. Zitat:

>>Sollte eine zweite Welle kommen, werden die Fragen und die politischen Maßnahmen ganz andere sein als zu Beginn der Pandemie. Schon allein deswegen wird auch die Berichterstattung eine andere sein. Den journalistischen Weg zwischen Apokalypse und Schulterzucken zu finden, bleibt trotzdem eine Herausforderung.<<

Gniffke, Kai/ Klaus Meier/ Bernhard Pörksen/ Matthias Heger: Wie gut ist der „Corona-Journalismus“? Gespräch, SWR2, 06.05.2020

Gordeeva, Daria: Ein Hoch auf das Geburtstagskind! In: Medienrealität (Blog), (09.10.2020)

“Die Gesellschaft ist zweigeteilt, wenn man durch die Brille der SZ schaut. Auf der einen – ‘richtigen’ – Seite steht das verantwortliche „Wir“, das die Pandemie sehr gut im Griff behält und auf unsere gemeinsame Leistung richtig stolz sein kann. ‘Wir’ tragen fleißig Masken, halten Abstand, schützen Alte und Kranke und stützen uns auf Daten und Fakten, seriöse wissenschaftliche Studien und ernstzunehmende Fachexperten. ‘Wir’ stimmen mehrheitlich (85 Prozent) dem Kurs zu, den die Bundesregierung fährt.
Auf der anderen Seite stehen Corona-Skeptiker oder gar Corona-Leugner, ‘die alles hinterfragen und die man mit bestimmten sachlichen Informationen gar nicht mehr erreichen kann’ (Christina Kunkel). Die Gegen-den-Strom-Schwimmer werden pauschal als arrogante Spinner und schräge Typen abqualifiziert, die ‘in ihrer eigenen Welt gefangen’ seien (Christina Kunkel), auf YouTube-Videos als Wahrheitsbeleg schwören und inkompetenten ‘Virologen’ glauben (Namen wie Wolfgang Wodarg, Sucharit Bhakdi oder Karin Mölling kommen den Diskutant*innen dabei nicht über die Lippen). Diese Skeptiker strecken einem die Hand entgegen und ziehen die Maske im Zug nur dann hoch, wenn der Schaffner kommt. Sie reden von einer ‘Gesundheitsdiktatur’ und von Menschen, die ‘mit dem Virus und nicht an dem Virus’ sterben. Und sie schließen sich den Corona-Demos an.”

Grimm, Rico/ Ben Hadamowsky: “Ihr seid für mich zum Mainstream-Medium geworden“ [Eine Diskussion per E-Mail über die Corona-Berichterstattung bei Krautreporter] (12.01.2021)

Kramp, Jochen/ Ranga Yogeshwar/ Bettina Schmieding: Corona-Berichterstattung – Folgen die Medien der Regierung? Nach Redaktionsschluss – der Medienpodcast, 23.10.2020

Kreutzfeldt, Malte/ Ulrich Schulte: Mutiert die taz zum Regierungsblatt? In: taz, 25.04.2020

Lorenz-Meyer, Lorenz: Die Kränkung der Medienexperten. In: Bruchstücke (Blog für konstruktive Radikalität), 29.10.2020,  https://bruchstuecke.info/2020/10/29/die-kraenkung-der-medienexperten/

[…] wenn der Medienwissenschaftler Stephan Ruß-Mohl […] behauptet, die Medien würden zurzeit einen Handlungsdruck in Richtung Lockdown erzeugen, dann zeugt das von einer massiven Fehlwahrnehmung. Denn die Alternative ist ja nicht, wie er vorgibt, dass die Politik die Medien vor sich her treibt. Es ist vielmehr das Virus, das der Politik und den Medien Vorschriften macht. Vorschriften, die sich nicht durch irgendwelche medialen Wahrnehmungen beeinflussen lassen. (Lorenz-Meyer)

Auf diesen Beitrag Lorenz-Meyer’s hat Ruß-Mohl nochmal reagiert: “Die zweite Welle” (31.10.2020, in Bruchstücke). Über die Kontroverse diskutierten auch die beiden Bruchstücke-Mitherausgeber Horand Knaup und Wolfgang Storz in ihrer Sendung “Overkill der Medienberichterstattung über die Coronapandemie?“.

Tröger, Mandy: Journalismus in Corona-Zeiten. Eine Kritik der Kritik
in: Medienrealitäten (Blog), 01.04.2020. Die User-Kommentare unter dem Beitrag sind ebenfalls lesenswert.

“Die Kritik an der Medienberichterstattung ist an Schärfe kaum zu überbieten […] Kritik ist eine Grundfeste der demokratischen Ordnung. Ohne Kritik keine Debatte, und ohne Debatte keine Wissenschaft. Allerdings macht sich an der Differenziertheit der Argumente die Intention des Kritikers fest.” (Tröger)

 

09. Sonstige Hinweise, Links, Materialien

Hier landet, was oben (so gar) nicht passt, aber doch irgendwie aufgehoben werden sollte. Quasi der Grabbeltisch (derzeit allerdings noch und nicht schon recht leer).

09.01 COSMO — COVID-19 Snapshot Monitoring
Ergebnisse aus dem wiederholten querschnittlichen Monitoring von Wissen, Risikowahrnehmung, Schutzverhalten und Vertrauen während des aktuellen COVID-19 Ausbruchsgeschehens. Uni Erfurt

09.02 Corona-Archiv (Fachbereich Geschichte der Uni Hamburg)
Eine in jedem Fall bunte Sammlung: Fotos, Kurzgeschichten, Gedichte… bereits 3500 Einträge verzeichnet das Archiv, und jeder darf etwas ergänzen: zum Corona-Archiv.

09.03 Sozialforschung zum Thema
Der Rat für Sozial- und Wirtschaftsdaten sammelt “Initiativen, die die Auswirkungen der Corona-Pandemie und ihrer Bekämpfung auf die Gesellschaft empirisch erfassen.” RatSWD

09.04 Meinungsvielfalt
Rieg, Timo: Meinungsfreiheit verlangt journalistisches Gehör. In: Telepolis, 28.12.2019

09.05 Desinformation ‘alternativer Medien’
Boberg, Svenja / Thorsten Quandt/ Tim Schatto-Eckrodt/ Lena Frischlich: Pandemic Populism: Facebook Pages of Alternative News Media and the Corona Crisis – A Computational Content Analysis (Preprint; 06.04.2020). Pressemitteilung der Universität Münster dazu.

09.06 Medien-Output zu Corona
Pressemonitor.de zeigt, wie präsent das Thema in den Medien ist.

 

 

2 Antworten zu “Medienkritik zum Corona-Journalismus (Sammlung)”

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