False Balance

Zu den Lieblingsthemen der Medienjournalisten zählen Fake-News, Verschwörungtheorien und “False Balance”, die der Einfachheit halber um dieselbe Diskussion kreisen: Was darf oder muss in die Nachrichten, was gehört gategekeept? Die Argumentationen, die letztlich natürlich immer die Bedeutung des Journalismus herausstellen sollen, stolpern bei diesen drei verwandten Themen  über dieselbe Herausforderung: nämlich Fakten und Meinungen zu unterscheiden, sowohl beim Input (Recherche) als auch beim Output (Vermittlung).

Das Vermengen von Fakten und Meinungen über diese Fakten ist im Journalismus allgegenwärtig. Wie hoch dabei die Anteile von Schludrigkeit, Unvermögen und Propaganda sind, wäre eine der vielen Forschungsaufgaben für die Journalistik; für die reine Problembenennung ist dies egal, relevant ist es allerdings für Aus- und Fortbildung. Im “Corona-Journalismus” ist die falsche Einordnung von Fakten und Ansichten wohl der zentrale Grund für seine Dysfunktion.

In dieser Woche hat es eine an sich belanglose (s.u.) Provokation von Jan Böhmermann bei einer Podiumsdiskussion der “Zeit” Medienjournalisten dazu gebracht, mal wieder das Klagelied der “False Balance” zu singen. Leider singen sie grauenhaft schief, was ich an einem Beitrag von Imre Grimm (RND) verdeutliche (und zur Rechtfertigung des Plurals auf die Wiederkäuung beim MDR-Altpapier und die Kolumne bei Übermedien verweise).

“False Balance”, zu Deutsch meist “falsche Ausgewogenheit”, ist an sich  schon ein sehr ungeeigneter Begriff für die Medienforschung, weshalb in den entsprechenden Theorieaufsätzen (und nachfolgend den empirischen Studien) auch allerhand durcheinanderläuft (vgl. Brüggemann 2021).

1. Die Idee der “Ausgewogenheit” betrifft die Qualitätskriterien Repräsentativität, Vollständigkeit und Relevanz.

2. Alle  Qualitätskriterien für journalistische Inhalte wollen, völlig ungeachtet der Bemühungen um verschiedene normative Begründungskonzepte (z.B. Arnold 2009), schlicht die Orientierungsleistung messen.

3. Zu ihrer Orientierung benötigen Journalismus-Kunden Fakten und Meinungen zu diesen Fakten, aus der unendlichen Vielfalt natürlich begrenzt auf das, was das jeweilige Medium an Themenspektrum verspricht (z.B. lokal oder überregional, Sport oder Wirtschaft, tages- oder monatsaktuell).

4. Der Vorwurf einer “False Balance” kann sich stets nur auf publizierte Meinungen beziehen, nicht auf Fakten. Denn Fakten können nicht ausgewogen sein, sie können für ein angemessen vollständiges Bild nur mehr oder weniger notwendig sein.

5. Daher kritisiert “False Balance” eine Verzerrung in der Meinungsauswahl, die (und dieser Zusatz ist elementar!) bei den Rezipienten den Eindruck erwecken kann, die publizierten Meinungen seien quantitativ (und ggf. auch qualitativ) repräsentativ für die Grundgesamtheit. Das Standardbeispiel dazu lautet: Wenn 99 Klimaforscher den globalen Temperaturanstieg im Wesentlichen dem Menschen zuschreiben und nur 1 Klimaforscher daran zweifelt oder dies ablehnt, ist eine Berichterstattung, die beide Positionen aufzeigt, verzerrend. (Eine noch weiter simplifizierende Grafik bekommt auf Twitter über 12.000 Likes und illustriert damit unfreiwillig komisch, wie wissenschaftlich die Gesellschaft doch durch Corona  geworden ist…)
Die meisten Untersuchungen dazu sind recht grobschlächtig, schon der bis heute als bahnbrechend geltende  Aufsatz “Balance as bias: global warming and the US prestige press” (Boykoff/ Boykoff 2004) lässt methodisch vieles im Dunkeln, und was er erhellt, ist in wichtigen Teilen kritisierbar.

6. Tatsächlich braucht aber jede Meinung in der Berichterstattung Gegenpositionen, und das muss in den meisten Fällen über einen Dualismus Pro/ Contra hinausreichen. Andernfalls haben wir keine Meinung vorliegen, sondern ein Dogma oder Propaganda – beides ist per definitionem kein Journalismus. Meinungen machen in der Berichterstattung nur Sinn, wenn sie sich mit anderen Meinungen messen (die natürlich auch an anderer Stelle publiziert sein können).
Wenn also derzeit die Tageszeitung tagaus, tagein zum Impfen aufrufen lässt (Politiker, Wissenschaftler, Lobbyisten etc.), dann braucht es zwingend die Gegenposition – und zwar auch im Blatt. Es genügt nicht, auf die “Impfskeptiker” oder “Corona-Leugner” zu verweisen, weil mit derlei Chiffren wieder keine Orientierung geboten wird (Gegenprobe: Können die Rezipienten – bzw. zunächst die Journalisten selbst – überprüfbar korrekt benennen, welche Gründe es gibt, den Impfappellen nicht zu folgen?). Ohne Gegenposition haben wir allerdings keine “False Balance”, sondern schlicht eine unvollständige und damit irreführende Berichterstattung.

7. “False Balance” kann daher vorliegen, wenn die Berichterstattung tatsächlich deutlich unterschiedlich bedeutungsschwere Meinungen als gleichgewichtig darstellt. Betonung liegt auf “kann”, und ab hier wird es nun in der Medienforschung etwas anspruchsvoller, als Artikel simpel zu codieren und quantitativ auszuwerten. Eine solch falsche Gleichgewichtung kann z.B. in der Formulierung liegen: “die Wissenschaft ist sich noch uneinig….” oder “Befürworter und Gegner stehen sich unversöhnlich gegenüber”. (Konkretere Verzerrungen könnten hingegen schon unrichtig sein und damit über die Basiskategorie “Richtigkeit” den entsprechenden Beitrag in Misskredit bringen.) Denn der pure Widerspruch zu einer herrschenden Meinung ist noch lange nicht als “False Balance” zu quantifizieren. Gerade die Wissenschaft und mit ihr eben jedes Erkenntnisinteresse lebt schließlich vom Widerspruch, der anderen Sichtweise, dem Ungewöhnlichen. Ermüdend wird es dadurch, dass die Medien bei den allermeisten Themen auf eine vorläufige Klärung verzichten, obwohl sie möglich wäre. Stattdessen werden immer und immer wieder dieselben Diskussionen geführt,  dieselben Fragen gestellt, dieselben Vorschläge durchgenudelt.

Aber wenn in einer Talkshow je ein MdB von Union und Linke miteinander diskutieren, fände es wohl niemand journalistisch besonders korrekt, dem Unions-Abgeordneten 78% der Redezeit und dem Linken-Vertreter nur 22% zuzugestehen, auch wenn das ihrem Verhältnis im Parlament entspräche. Routinemäßig gibt der Journalismus der Kritik immer viel größeren Raum als dem Lob, weil er sich davon mehr Erkenntnis verspricht, so wie das gesamte Nachrichtenangebot kein Spiegelbild der Weltereignisse ist. Dies korrekt einordnen zu können gehört zur notwendigen Medienkompetenz eines Medienkonsumenten.

Imre Grimm erläutert uns das Problem folgendermaßen, das Stück heißt “Böhmermann attackiert Lanz: Wie groß ist die Gefahr der False Balance?“:

>> Tatsächlich aber ist – hier irrt Böhmermann keineswegs – ‘False Balance’ dabei eine ganz reale Gefahr. Hinter der Formel verbirgt sich eine Realitätsverzerrung durch falsche Ausgewogenheit. […] In Zeiten aufbrechender Gewissheiten galt es lange als journalistischer Königsweg, möglichst alle Positionen abzubilden – in wieder sehr beliebten „Pro und Kontra“-Formaten, in Gastessays oder eben Talkshoweinladungen für Vertreter exotischer Einzelpositionen. Das Ziel: Bloß nicht den ‘Zensur!’-Schreihälsen Anlass zur Erregung geben. Unvergessen ist die ‘Spiegel’-Geschichte ‘Waldspaziergang mit Attila Hildmann’, die dem nach rechtsaußen abgedrifteten Vegankoch und Telegram-Titanen üppigen Raum zu werblicher Selbstentfaltung bot („Seit 75 Jahren hat sich in Deutschland keiner so aus dem Fenster gelehnt wie ich“).
Journalisten lernen in der Ausbildung, dass jede Geschichte mehrere Seiten hat. Diese Grundregel stößt in der Welt der Wissenschaft aber an Grenzen. Es ist genau das, was Böhmermann in der Zeit-Talkshow mit markigen Worten kritisierte – nicht zum ersten Mal. „Nicht alle Dinge haben zwei Seiten, man kann nicht allem etwas vermeintlich Adäquates entgegensetzen, nur weil man in der Journalistenschule was falsch verstanden hat“, sagte er dem RND. „Zur Realität des Klimawandels kann es keine zwei Meinungen geben. Zumindest nicht, wenn man alle Latten am Zaun hat.“
In der Sache hat Böhmermann Recht. In der Wissenschaft gibt es keine Meinungen, die gleichwertig wären mit evidenzbasierten Erkenntnissen. Wer das behauptet, ignoriert 300 Jahre Aufklärung. <<

Daran ist nun wirklich alles  verdreht. Alle Positionen abzubilden soll “False Balance” sein? Ebenso können Gastessays oder exotische Einzelpositionen dazu führen? Himmel!

Dass Fakten (die Grimm wohl mit “evidenzbasiert” meint, also empirische Belege) ganz unterschiedlich interpretiert werden können, stößt nicht “in der Welt der Wissenschaft” an Grenzen. Wenn Grimm auch nur einen einzigen wissenschaftlichen Aufsatz liest, wird er das feststellen. Und wenn Wissenschaft weiterkommen will, dann helfen ihr nicht hunderte und tausende Applausspender, sondern allein der eine, der auf einen neuen Gedanken kommt. Dabei stehen nie “Meinungen” und “evidenzbasierte  Erkenntnisse” gegeneinander, sondern stets nur die Meinungen über (verschiedene) Fakten. 20 °C sind 20 °C, aber ob das warm oder kalt ist, das ist eine Meinungssache – und Meinung ist natürlich nicht beliebig, sondern Kondensat einer Argumentation. Aber das Vermengen, Vertauschen und Nicht-Differenzieren von Meinungen und Tatsachen ist leider auch in der False-Balance-Forschung verbreitet (um nicht zu sagen: wesentlicher Teil ihrer Begründung): “Imagine providing balance to the issue of whether the Earth orbits the Sun, whether continents move or whether DNA carries genetic information.“ (Oreskes/ Conway 2010)

Wie kann Böhmermann “in der Sache” Recht haben, dass es “zur Realität des Klimawandels […] keine zwei Meinungen” gibt? Der Klimawandel ist der Fakt (Realität), aber was er nun bedeutet und wie darauf zu reagieren ist, ist selbstverständlich ausschließlich eine Meinungsfrage (und deshalb in Demokratien – wenigstens theoretisch über Wahlen – nach Mehrheiten entscheidbar). Wie jemand den Klimawandel beurteilt, hängt u.a. von seinem Lebensort ab (denn er kann ihm schaden oder nützen). Es ist eine Tatsache (wie üblich im Rahmen unserer Erkenntnismöglichkeiten), dass ein Stopp der Netto-CO2-Emissionen für die Begrenzung der Erwärmung notwendig ist. Aber es gibt unzählige Wege, dies zu erreichen, mit ganz unterschiedlichen Nebenwirkungen.

Wie unverstanden “False Balance” ist zeigt Böhmermanns konkreter Vorwurf besonders deutlich: er sieht diese Verzerrung beispielhaft darin, dass die Professoren Alexander Kekulé und Hendrik Streeck bei Markus Lanz in der Sendung waren. [Zitat unten] Kein noch so verbogener Sozialwissenschaftler wird aus der Teilnahme von Kekulé und Streeck allerdings eine “False Balance” konstruieren können. Ein solche wäre nach Böhmermann-Grimm-Maßstab eher möglich für Lanz’ Dauergast Karl Lauterbach, der in jedem Fall mit seiner Meinung völlig überrepräsentiert ist und weder für die Wissenschaft noch für die Politik  noch für die SPD spricht (wobei ich, s.o., viel besser operationalisierbare Qualitätskriterien wählen würde als die verwaschene “Ausgewogenheit”).

Man muss Böhmermann zu Gute halten, dass er den Begriff “False Balance”  in der Diskussion nicht eingeführt hat. Er sprach vom “Gegenüberstellen von Dingen, die man vielleicht nicht gegenüberstellen kann”. Es ging ihm ersichtlich um die Grenzen des Sagbaren bei Themen, für die er brennt. Und genau darauf ist auch Imre Grimm in seinem Beitrag eingestiegen (Stichwort: Hildmann-Porträt). Und genau dazu passt dann selbstverständlich Grimms Feststellung: “Halb Facebook schrie sich wund: ‘Skandal! Zensur!’.”

Ja hoffentlich. Denn wenn schon Kekulé und Streeck nicht mehr in die Medien dürfen, weil “Leute, die Ahnung haben” das besser finden, dann gute Nacht. Aber Meinungsäußerungsfreiheit und Meinugnsvielfalt ist ein anderes Thema.

PS: Natürlich würde sich Grimms Beitrag für eine detailliertere Beschäftigung anbieten, was hier aber aus Zeitgründen unterbleibt. Aber folgende Anmerkungen müssen sein.

a) Grimm schreibt:

>>Er [Böhmermann] warf ihm [Lanz] vor, in der Corona-Krise auch umstrittenen Virologen wie Alexander Kekulé oder Hendrik Streeck sowie deren randständigen Positionen in seiner Talkshow eine Bühne geboten zu haben. Männern also, deren Meinung „durchtränkt von Menschenfeindlichkeit“ sei.<<

Die Menschenfeindlichkeit hatte Böhmermann nicht auf Kekulé (der kein Virologe, sondern – viel passender für eine Epidemie – Epidemiologe ist) und Streeck bezogen, sondern explizit auf die “Zeit”-Diskussion um die Seenotrettung.

b) Grimm schreibt:

>> Denn die Trefferquote seiner [Böhmermanns] Attacken ist hoch. Getroffene Hunde jaulen.<<

Ein typisches Beispiel für journalistische Plattitüde statt Fakten. Denn “getroffene Hunde jaulen” wird auch Grimm keineswegs in allen Fällen gelten lassen, sondern nur, wenn es ihm argumentativ in  den Kram passt. Oder wissenschaftlicher: “getroffene Hunde jaulen” stimmt, “jaulende Hunde sind getroffen” stimmt nicht. Mithin ist das Jaulen allenfalls ein Indiz, aber eben kein Beweis. Deshalb sind jaulende Hunde kein Beleg für Böhmermanns Treffer.

c) Grimm schreibt:

>> Kekulé bezeichnete Böhmermann als „Hallenser Mikrobiologe, der nichts publiziert hat“.<<

Böhmermann darf das  als Clown (Eigenbeschreibung) selbstverständlich so sagen. Aber  Grimm müsste die vom Journalismus immer reklamierte Einordnung leisten: der  Satz ist natürlich Blödsinn, sowohl rein wörtlich als auch inhaltlich zur Pandemiebekämpfung (er hat viele Jahre die Bundesregierung auf diesem  Feld beraten und beschäftigt sich – wie etwa ein Karl Lauterbach –  intensiv mit der Corona-Pandemie, u.a. nachzuhören in seinem MDR-Podcast)

d) Grimm schreibt:

>> Die Konsequenz daraus kann aber nicht sein, Fachpersonal wie Kekulé oder Streeck grundsätzlich in keine Talkshow einzuladen. Hier überreißt Böhmermann. Selbstverständlich kann man sie einladen. Man muss sie dann nur auffordern, ihre strittigen Punkte auch zu beweisen. Man muss sie konfrontieren mit der Tatsache, dass sie in der Kollegenschaft umstritten sind – und dass Gegenwind allein noch kein Nachweis für ein aufopferungsvolles Märtyrertum ist.<<

Faktencheck und Plausibilitätsprüfung von Argumenten (Meinungen) ist doch wohl immer journalistische Aufgabe, nicht nur bei bestimmten Personen. Nur einzelnen Protagnosten auf den Zahn zu fühlen verursacht nun seinerseits genau die kritisierte “False Balance”. Typisches Beispiel dafür ein Beitrag von Übermedien, der in den “Zeit”-Kommentaren natürlich nicht fehlt. Es ist schlicht nichts wert, verfehlte Prognosen eines einzelnen Wissenschaftlers aufzuzählen, wenn es keine Vergleichswerte gibt: “Ein genauerer Blick auf das, was Hendrik Streeck seit Februar 2020 gesagt hat, führt zu zwölf Beispielen für bemerkenswerte Irrtümer und überraschende Kehrtwenden” heißt es in dem Text. Doch zwölf Beispiel können nichts über Streecks Kompetenz aussagen, wenn wir nicht auch die prognostische und analytische Leistung seiner Kollegen kennen.

e) Grimm schreibt:

>> Studien haben gezeigt: „False Balance“ verzerrt tatsächlich die Wahrnehmung des wissenschaftlichen Kenntnisstandes durch das Publikum – und verändert auch das Verhalten. Prominent platzierter Unfug erhöht die Risikobereitschaft.<<

Experimente haben gezeigt, dass weniger Testpersonen einer Aussage glauben, wenn sie auch Gegenmeinungen zur Kenntnis genommen haben. Das ist zunächst mal banal – bzw., der Grund für Journalismus. “Unfug” hat nun aber wieder gar nichts mit False Balance zu tun.

f) Grimm schreibt:

>> Christian Drosten etwa hat sich nicht von sich aus mit professioneller Hilfe als Corona-Erfolgsforscher inszeniert, sondern wurde eher durch seine Dauerpräsenz gegen seinen Willen zum Gesicht der Corona-Krise.<<

Wie Drosten  “zum Gesicht der Corona-Krise” wurde sei mal dahingestellt, aber zu erwähnen ist doch, dass er ganz bewusst und gezielt und sehr frühzeitig in die Öffentlichkeit gegangen ist.

g) Grimm schreibt:

>> Nicht jeder Unfug braucht die große TV-Bühne, bloß weil die vermeintliche Ausgewogenheit danach verlangt. Blödsinn bleibt Blödsinn […] Das sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein.<<

Ist es sicherlich auch. Strittig dürfte aber sein, was Blödsinn oder Unfug ist. Weder Grimm noch Böhmermann legen dafür Kriterien vor. Weder  Drosten noch Kekulé noch Ciesek können entscheiden, wie mit einer Corona-Pandemie zu verfahren ist. Das ist in einer Demokratie denen überlassen, die von Pandemie besonders wenig Ahnung haben: Politikern bzw. im besten Fall den Wählern oder “Stimmbürgern”. Warum der Clown Böhmermann sich zu Corona, Journalismus und Wissenschaftskommunikation äußern darf, Kekulé und Streeck aber nicht über ihre Forschungs- und Lehrgebiete sprechen sollen, hätte man den Initiator der aktuellen Erregung mal fragen sollen. Rein empirisch betrachtet war z.B. die Idee von “Zero Covid” Blödsinn (von vielen auch so prognostiziert). Dafür oder dagegen sein durften die Spitzen-Virologen dabei so sehr und so wenig wie die übrigen 80 Millionen Menschen in diesem Land. Denn diese Strategie zu verfolgen (bzw. verfolgen zu wollen) war immer nur eine Meinung.

Anhang: Wörtlich sagte Jan Böhmermann:

[Er wolle etwas besprechen, anknüpfend an ein Podiumsgespräch über Wissenschaftskommunikation am Vortag bei der Urania, ]

das betrifft das Gegenüberstellen von Dingen, die man vielleicht nicht gegenüberstellen kann.

[Zu Giovanni di Lorenzo] Legendär der ZEIT-Satz “oder sollen wir es lassen?” […]

[Zu Markus Lanz] Und bei dir in der Sendung das Einladen von so Leuten wie Hendrik Streeck oder Alexander Kekulé, wo man fachlich wirklich sagt, das ist keine gute Idee

[Lanz: Wer sagt das?]

Die Leute, die Ahnung haben. Wenn du mit Wissenschaftlern sprichst, die seit Jahren an diesem  Thema forschen, und auf einmal taucht da ein Hallenser Mikrobiologe auf, der nichts publiziert hat, und sitzt in der Sendung […]

Ich finde es schwierig, wenn man  Leuten eine Bühne gibt, die eine Meinung vertreten, die man nur deswegen veröffentlicht, weil man sagt, man muss auch die andere Seite sehen. Und es gibt Meinungen, die sind so durchtränkt von Menschenfeindlichkeit oder so motiviert von Dingen, die nichts damit zu tun haben, und zwar  ersichtlich, dass ich mich manchmal frage, warum einige Leute  bei dir sitzen.

Literatur
Klaus Arnold (2009): Qualitätsjournalismus. Die Zeitung und ihr Publikum. Konstanz: UVK

Maxwell Boykoff/ Jules Boykoff (2004): Balance as bias: global warming and the US prestige press; in: Global Environmental Change 14: 125–136

Michael Brüggemann (2021): Klima- und Wissenschaftsjournalismus im Wandel. Von falscher Ausgewogenheit zu interpretativem Journalismus. Vortrag im Rahmen der Vorlesung “Journalismus in der digitalen Gesellschaft” im Wintersemester 2020/2021, Universität Hamburg, in: Deutschlandfunk Nova, Reihe Hörsaal,  [21.03.2021]

2 Gedanken zu „False Balance

  1. Michael

    “False Balance” ist in der Medienberichterstattung aus meiner Sicht nur möglich, wenn es z.B. um politische Positionen geht: in einer Runde zur Arbeitsmarktpolitik nach der Wahl würde man sicher zu recht kritisieren, wenn nur AfD und Linke eingeladen sind. “False Balance” ist hingegen bei wiss. Fragen ein nicht anzuwendender Begriff. Man stelle sich eine Talkshow im 16. Jahrhundert vor, in der Galilei gegen Kirchenvertreter sein neues Weltbild erläutert – der Vorwurf einer “false balance” hätte aufkommen können, obwohl Galilei recht hatte. Genauso ist es bei der Corona-Berichterstattung: welcher Wissenschaftler wirklich richtig liegt, können weder Faktenchecks noch Journalisten 100% klären, da das wiss. Wissen nur vorläufig ist. Ob es sich also bei Runden mit Wissenschaftlern um eine “false Balance” handelt, kann gar nicht geklärt werden – jeder, der das glaubt tun zu können (auch Böhmermann) ist anmaßend.

  2. Tg

    Deswegen halte ich das Kriterium der “Vollständigkeit” für geeigneter – und weniger ideologiebeladen. So fehlten in der Corona-Berichterstattung in weiten Teilen die Bereiche Verfassungsrecht, Ökonomie, Politologie, Philosophie etc. Dass die ZEIT diesen nicht sehr gelungenen Gesprächspart auch noch bearbeitet gedruckt hat dient wirklich mehr der Erregung als der Klärung.

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