Paul Ehrlich Institut erfasst keine Abrechnungsdaten zu Impfnebenwirkungen

Nicht erst “Fake-News” sind ein Problem in der öffentlichen Kommunikation – vorsätzliche Falschbehauptungen gibt es wenige und sie sind meist schnell entlarvt. Bedeutsamer dürften die vielen kleinen Fehler in der Berichterstattung sein, um die wir uns daher immer  mal wieder in diesem Blog kümmern. Brigitte Fehrle von der “Relotius-Kommission” des Spiegel sagte damals: “Die am weitesten verbreitete Manipulation ist im Übrigen nicht das Hinzuerfinden, sondern das Weglassen.”

Nachdem ich über einen kleinen Fehler in einem Bericht des Tagesspiegel gestolpert bin, hat ein genauerer Blick noch ein paar weitere Schwachstellen gezeigt. Daher erfolgt mal wieder eine Textautopsie: “Chef der Krankenkasse „BKK ProVita“ bezweifelt Impfdaten – und muss jetzt gehen” vom 2. März 2022; ähnliche Formulierungen wie die hier diskutierten finden sich in zahlreichen Beiträgen. Aus urheberrechtlichen Gründen sind wie immer Passagen ohne Anmerkungen ausgespart.

[Überschrift]
Nachfrage zu Nebenwirkungen
Chef der Krankenkasse „BKK ProVita“ bezweifelt Impfdaten – und muss jetzt gehen
Überschriften verkürzen regelmäßig in desorientierender Weise. “Impfdaten” fasst nicht sehr gut, dass es um Impf-Nebenwirkungen geht.
[…]
Nachdem BKK ProVita-Vorstand Andreas Schöfbeck in der vergangenen Woche für große Irritationen rund um die Datenlage zu COVID-19-Impf-Nebenwirkungen gesorgt hatte, muss dieser nun seinen Posten räumen. Irritationen: Bei wem? Wie hervorgerufen? Feststellbar war zunächst eine gewisse mediale Erregung, die im üblichen Stil der Skandalisierung besonders wortstarken Kritikern Raum gibt.
Das habe der Verwaltungsrat der Krankenkasse beschlossen, teilte die BKK ProVita auf Twitter mit und schrieb weiter: „Die Führung der BKK ProVita geht nahtlos in die Hände von Walter Redl über, Schöfbecks langjährigem Stellvertreter.“ Zu den verschiedenen Hintergründen der Personalentscheidung wolle man sich „aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht weiter äußern“. Falsch: Das hat der Verwaltungsrat nicht mitgeteilt, weil er den Grund gar nicht nennt. (Wörtlich auf Twitter und wortgleich in einer Mini-Pressemitteilung: “Auf seiner heutigen Sitzung hat d. Verwaltungsrat d. BKK ProVita beschlossen, sich mit sofortiger Wirkung vom bisherigen Vorstand Andreas Schöfbeck zu trennen. Die Führung der BKK ProVita geht nahtlos in die Hände von Walter Redl über, Schöfbecks langjährigem Stellvertreter.”) Der Zusammenhang mag auf der Hand liegen, ist aber eine Interpretation und keine Stellungnahme der BKK ProVita. (Siehe dazu auch Punkt 5 der Anmerkungen unten.)
Schöfbeck hatte unter Berufung auf die Abrechnungsdaten von Millionen BKK-Versicherten darauf hingewiesen, dass es angeblich mehr ärztlich behandelte Nebenwirkungen gegeben habe als vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI) gemeldet. Falsch: Das PEI meldet gar keine “behandelten Nebenwirkungen”. Es sammelt (vermutete) Impfnebenwirkungen, die nicht systematisch erfasst werden. (Siehe dazu den Abschnitt “Methodik” im PEI-Sicherheitsbericht.)
[…]
Der BKK Dachverband hatte sich von der Meldung der Mitgliedskasse distanziert. Unbelegt: In seinen beiden Meldungen zum Thema hatte sich der BKK DAchverband nicht von “der Meldung der Mitgliedskasse distanziert”. Die vollständige Mini-PM lautet: “Ein aktueller Blogbeitrag im Internet zu Impfschäden beruft sich auf Zahlen des BKK Dachverbands. Zu dieser Veröffentlichung erklärt der BKK Dachverband: Die dort genannten Daten stammen nicht aus unserem Hause. Inhaltlich nehmen wir dazu keine Stellung.” Ähnlich die Formulierung auf Twitter.

Die Autorin des Tagesspiegel-Beitrags schreibt allerdings auf Anfrage zur Quelle: “das wurde sowohl telefonisch als auch bei Twitter vom Dachverband kommuniziert.”
Der Bezug auf Twitter trägt nicht, aber wenn ein Sprecher des BKK Dachverbands sich gegenüber dem Tagesspiegel distanziert hat, wäre sowohl das wörtliche Zitat als auch die Quellenangabe hilfreich gewesen.

Wie PEI-Sprecherin Susanne Stöcker dem Tagesspiegel Background sagte, […]
Am Montagnachmittag soll es außerdem einen Termin im PEI mit der BKK ProVita gegeben habenwohl allerdings schon ohne Schöfbeck. Hier fehlt die Quelle für die Mutmaßung, was ungünstig ist, weil davor und danach eine Sprecherin des PEI zitiert wird.
Ferner, erklärte Stöcker, […]

Da es sich bei diesem Beitrag laut Archivsuche bisher um den einzigen zu diesem Vorgang handelt (die Erstberichterstattung lief bei der WELT ab 23.02.2022), bliebe unter dem Qualitätsaspekt der Vollständigkeit auf einiges hinzuweisen, das im Beitrag nicht erwähnt wird. Anders als bei der Richtigkeit ist es bei Vollständigkeit allerdings schwierig, einen Maßstab zu finden. Als unbestreitbaren Qualitätsmangel muss man es bezeichnen, wenn mit Informationen, die im Beitrag fehlen, ein anderes Gesamtbild entstünde. Im Hinblick auf die Reaktion der BKK ProVita, den Autor der Datenanalyse zu abgerechneten Impfnebenwirkungen von seinem Vorstandsposten zu entbinden, könnten u.a. folgende Aspekte für eine vollständige Berichterstattung fehlen:

1. Es gab bereits andere Auswertungen von Abrechnungsdaten, die für die Beurteilung von Nebenwirkungen relevant sein könnten, in den Medien aber kaum eine Rolle gespielt haben (z.B. Mulitipolar über Nebenwirkungen bei Kindern und Jugendlichen). Dabei sollten solche Recherchen in “Alternativmedien” eine Herausforderung für alle investigativen Journalisten sein, gerade auch, wenn Methodiken kritisiert werden. Auch eine von Boris Reitschuster beauftragte Umfrage zu (vermuteten/ wahrgenommenen) Impfnebenwirkungen hätte bereits im Januar 2022 Anlass für Recherchen  anderer Medien sein können. Es ist jedenfalls nicht ganz neu (und sollte für Journalisten ohnehin der Normalfall sein), Behördenangaben mit eigenen Recherchen zu überprüfen (siehe dazu auch Punkt 3).

2. Neben der Anzahl von behandelten Impfnebenwirkungen ergab sich aus den Daten auch folgender Befund, den der  Datenanalyst Tom Lausen im Auftrag von Schönbeck gefunden hatte:

“Laut den Abrechnungsdaten der BKK – bei denen es sich, anders als bei den InEK-Krankenhaus-Daten, überwiegend um Abrechnungen von Hausärzten handelt – entstanden von Januar bis August 2021 aufgrund von Krankschreibungen wegen Impfnebenwirkungen Arbeitsausfälle in Höhe von insgesamt 383.000 Tagen. (1) Demgegenüber standen im gleichen Zeitraum lediglich 374.000 Ausfalltage durch Krankschreibungen wegen COVID-19. (2) Die Impfung führte demnach zu mehr Arbeitsausfällen als das Virus.” (Quelle: Multipolar-Magazin und persönliche Mitteilung Paul Schreyer)

3. Dass die Nebenwirkungserfassung beim PEI nicht vollständig ist, dürfte  aufgrund des Meldewegs unbestritten sein (wie andererseits dort natrlich auch falsche Verdachtsfälle landen, die methodisch ggf. nicht mehr von tatsächlichen Nebenwirkungsfällen getrennt werden können). Schöfbeck hatte dazu in seinem Brief an das PEI auch einen möglichen Grund genannt, der erstaunlicherweise überwiegend nur außerhalb des Mainstreams seit langem thematisiert wird:

“In unseren Augen liegt eine erhebliche Untererfassung der Impfnebenwirkungen vor. Es ist ein wichtiges Anliegen die Ursachen hierfür kurzfristig auszumachen. Unsere erste Vermutung ist, dass, da keine Vergütung für die Meldung von Impfnebenwirkungen bezahlt wird, eine Meldung an das Paul Ehrlich Institut wegen des großen Aufwandes vielfach unterbleibt. Ärzte haben uns berichtet, dass die Meldung eines Impfschadenverdachtsfalls circa eine halbe Stunde Zeit in Anspruch nimmt. Das bedeutet, dass 3 Millionen Verdachtsfälle auf Impfnebenwirkungen circa 1,5 Millionen Arbeitsstunden von Ärztinnen und Ärzten erfordern. Das wäre nahezu die jährliche Arbeitsleistung von 1000 Ärztinnen und Ärzten.”

4. Andreas Schöfbeck hatte seine Analyse nicht gleich an Medien weitergereicht, sondern erst, nachdem eine (sehr kurze) Frist zur Reaktion beim Paul Ehrlich Institut verstrichen war. Die Auswertung der Abrechnungsdaten erscheint so naheliegend, dass erklärungsbedürftig ist, warum das PEI nicht auf die Mitteilung von Schöfbeck reagiert hat, laut Tagesspiegel aber selbst die Auswertung der Abrechnungsdaten plant.

5. Ein (ebenfalls autopsiewürdiger) Beitrag von tagesschau.de/ SWR fokussiert gar nicht auf den geschassten Vorstand Schöfbeck, sondern auf den in die Datenanalyse eingebundenen Tom Lausen:

>Nun zeigt eine SWR-Recherche: Die vermeintlich alarmierende Datenanalyse der gesetzlichen Krankenkasse hatte ein in der “Querdenker”-Szene gefragter Interviewpartner durchgeführt, der dort schon mehrfach mit fragwürdigen Methoden und vor allem stimmungsanheizenden Analysen auffiel. Im Dezember veröffentlichte er im Rubikon-Verlag das Buch: “Die Intensiv-Mafia: Von den Hirten der Pandemie und ihren Profiten”.
[…] Dass der in der “Querdenker”-Szene bekannte Lausen die Analyse durchgeführt hat, wurde von der Kasse öffentlich nicht thematisiert. Und auch Lausen hielt sich in Zusammenhang mit der Veröffentlichung bislang, abgesehen von der Teilnahme am SWR-Interview, im Hintergrund, was angesichts seiner sonst zahlreichen Interviews in “alternativen Medien” überrascht.<

Nun muss man diese Kontaktschuld-Sichtweise nicht zwingend aufgreifen (und auch nicht auf der Peinlichkeit herumreiten, dass Tagesschau/ SWR die Beteiligung Lausens als exklusives Rechercheergebnis präsentieren); aber angesichts des gesellschaftlichen Corona-Schismas ist natürlich relevant, was genau den ProVita-Verwaltungsrat bewogen hat, Schöfbeck nach 21 Jahren als Vorstand zu entlassen, zumal sein Nachfolger über ihn noch vor anderthalb Jahren sagte:

„Andreas Schöfbeck leitet die BKK ProVita seit 1. Januar 2001 und hat den Erfolg der Kasse entscheidend geprägt.”

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Weitere Textautopsien finden sich über das Stichwort. Solche Textkritiken sind ein Angebot für die (medienjournalistische) Qualitätsdiskussion. Zu vielen anderen Qualitätsaspekten sei auf die entsprechende Artikelserie und Sammlung von weiteren Beiträgen verwiesen: Medienkritik zum Corona-Journalismus.

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Anmerkungen und Updates

(a) Einen Tag nach Erscheinen des Tagesspiegel-Berichts (und vieler anderer) hat sich die BKK ProVita nun tatsächlich “distanziert”, Überschrift der Pressemitteilung: “BKK ProVita distanziert sich von Andreas Schöfbeck – Krankenkasse lehnt Vereinnahmung durch die ‘Querdenker’-Bewegung ab.”

3 Gedanken zu „Paul Ehrlich Institut erfasst keine Abrechnungsdaten zu Impfnebenwirkungen

  1. Jochen 2

    alles sehr merkwürdig. die ganze kritik behauptet die BKK habe falsche daten benutzt. beim aerzteblatt steht: ‘In der BKK-Provita-Erhebung wurden auch milde und erwartbare Impfreaktionen erfasst – etwa wenn ein Patient wegen Unwohlsein nach einer Coronaimpfung eine Krankschreibung für einen oder zwei Tage benötigte. Solche Symptome sind aber nach dem Infektionsschutzgesetz nicht melde­pflichtig beim PEI.’
    die bkk hat doch gar nichts anderes behauptet. der schoebeck hat nicht von impfkomplikationen geschrieben sondern nur von nebenwirkungen. es sagt alles das mit solchen daten die medien und impfärzte nicht umgehen können sondern diffamieren.

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