Vom Lesen und Verstehen

“Wer lesen kann, ist klar im Vorteil” sagt der Volksmund, wenn jemand eine Frage oder  Behauptung äußert, weil er eine hilfreiche Information nicht richtig oder gar nicht gelesen hat. In diesem das Verstehen einschließenden Sinne des Lesenkönnens haben gerade Journalisten manchmal erstaunliche Defizite.

Heute: Armin Wolf’s Guerot-Zitat (ORF, ZIB2) und der Medien-Nachklapp
Wolf teilt einen Auszug des Buches “Endspiel Europa” von Ulrike Guérot und Hauke Ritz, den er allerdings nicht dem Buch, sondern einem Auszug im Blog Multipolar entnimmt. Leicht wenigstens am deutschen Urheberrecht vorbeischrabbend leitet er das lange Zitat mit folgendem Kommentar ein:

Nein, as ist kein Ausschnitt einer utin-Rede. es ist ein Auszug aus dem neuen Buch einer Professorin für Europapolitik an der Uni Bonn und ihres Co-Autors: (@ArminWolf)

Es dürfte der erste Satz seines Auszugs sein, auf den seine Putin-Gleichstellung abzielt:

Studiert man die westlichen Kriegsvorbereitungen im Detail, so wird deutlich, dass der Ukraine die Rolle zukam, stellvertretend für den Westen einen Krieg mit Russland zu beginnen, der dann militärisch und logistisch von NATO-Mitgliedstaaten unterstützt werden sollte, ohne die Allianz insgesamt direkt in den Krieg zu involvieren.

Ein User fragt Wolf: “Was ist in diesem  Artikel falsch?! Können Sie das ohne abwertenden Framing wiederlehen [gemeint ist wohl: “belegen”]?”
Wolf antwortet:

Ja, die Ukraine hat ebenso keinen „Krieg gegen Russland begonnen“ wie Polen 1939 gegen Deutschland. (@ArminWolf)

Demnach behauptet Wolf also, der von ihm zitierte Buchtext behaupte genau diese Unwahrheit: die Ukraine habe Russland überfallen.
Nur: das steht eben nicht in diesem Text. Selbst wenn wir nur den von Wolf gewählten Auszug betrachten: Dort steht, welche Rolle angeblich der Ukrainie zukam – nicht, was sie dann tatsächlich getan hat. Die zitierte Passage bezieht sich auf behauptete Vorbereitungen, also Planungen, nicht auf das, was dann tatsächlich geschehen ist. Auch wenn der Verlag nicht die letzte Instanz für die Hermeneutik eigener Werke ist, Westend-Pressesprecher Grünhagen teilt uns mit: “Im Lektorat, wie im gesamten Verlag, kommen wir zu keiner anderen Lesart”.

Wolf hätte vielleicht weniger seiner Leser auf die falsche Spur gesetzt, wenn er seinem Auszug wenigstens einen Teil des vorhergehenden Absatzes spendiert hätte:

Eine genaue Analyse der Vielzahl an militärischen Aktivitäten, die Dutzende NATO-Staaten, aber insbesondere Großbritannien, die USA und Kanada, seit 2014 in der Ukraine entfaltet haben, zeigt indes deutlich, dass dem nicht so war. (…) Im Grunde genommen müsste die Frage, wer diesen Krieg wirklich begonnen hat, neu erforscht werden. Es geht eher um angelsächsische – nämlich amerikanische, britische und kanadische – Kriegsvorbereitungen gegen Russland, die zwar nicht in den Medien besprochen wurden, aber doch durch öffentliche Dokumente zugänglich waren und sind. (…) (Guérot/ Ritz: Endspiel Europa. Auszug zitiert nach Multipolar)

Auf mehrere Hinweise, dass Wolfs Lesart falsch ist, hat er nicht reagiert, jedenfalls nicht öffentlich vernehmbar.

Berliner Zeitung zieht nach

Mit seiner hermeneutischen Fehlleistung liegt Armin Wolf nicht alleine. Wie üblich, stürzt sich der Rudeljournalismus auf alles, was auf Twitter schon gut vor sich hin gegammelt ist. Und so schreibt Susanne Lenz einen Tag nach Wolfs Twitter-Vorlage:

>In Guérots neuem Buch heißt es, die Ukraine habe stellvertretend für den Westen den Krieg mit Russland begonnen. Nun schweigt auch ihre Universität nicht länger.<

Die Recherche scheint ausweislich des Textes über Twitter nicht hinauszugehen. Es wird ein Auszug dessen zitiert, was schon Wolf auf Twitter gepostet hatte (und nicht etwa eine zur Behauptung im Teaser passende Stelle im Buch gefunden). Als Interpretationshilfe werden Tweets von Guérot’s Wissenschafts-Kollegen Philipp Ther (Uni Wien) zusammengefasst und teilweise zitiert. Dazu der Verweis auf eine anonym gehaltene Stellungnahme von Guérots derzeitiger Universität in Bonn. Und einleitend eine Aneinanderreihung von Dingen, die in der Vergangenheit journalistisches Missfallen ausgelöst haben, womit die Relevanz dieser Twitterverwurstung belegt wäre. Fertig ist der Beitrag.

t-online zieht nach

Auch t-online zieht nach, mit einem kurzen Beitrag von Julian Seiferth (“Man kann Guérot nicht mehr auf Studierende loslassen“) und einem Update ohne Autorenname (“Fall Guérot: Uni Bonn nimmt Stellung“).*

Seiferth konstruiert die Falschbehauptung folgendermaßen:

>Die Ukraine? Ein Vehikel US-amerikanischer Dominanzbestrebungen. Die russische Invasion des Nachbarlandes? Eigentlich gar keine solche – die Ukraine habe viel eher einen Krieg mit Russland begonnen, “stellvertretend für den Westen”. Überhaupt: Wer den Krieg begonnen hat, müsse “neu erforscht werden”. Klingt wie eine Putin-Rede? Es ist tatsächlich keine.<

Wie so oft: verlangten Redaktionen wenigstens intern, aber eigentlich öffentlich für die Kunden eine strikte Belegpflicht, bliebe uns viel journalistischer Quatsch erspart. Dann hätte Julian Seiferth schon beim Schreiben gemerkt, dass es keine Quelle gibt für die Aussage: “Die russische Invasion des Nachbarlandes? Eigentlich gar keine solche – die Ukraine habe viel eher einen Krieg mit Russland begonnen, […]”

Zwar gibt t-online unter den Artikeln stets verwendete Quellen an, die Zuordnung zu aufgestellten Tatsachenbehauptungen ist aber nicht immer möglich. Im vorliegenden Fall fällt immerhin auf, dass das Buch, über das hier so freimütig gesprochen wird, nicht als Quelle gedient hat; und selbst Wolfs Ausgangs-Tweet, der überhaupt zur Erregung geführt hat (denn Mulipoloar ist nicht zitationswürdig), wird verschwiegen, wie wohl doch sogar dessen Stichwort “Putin-Rede” übernommen wurde.

In der zweiten Meldung heißt es bei t-online:

>Ulrike Guérot hatte in dem Ende Oktober 2022 veröffentlichten Buch über die Dreiecksbeziehung Europas, Russlands und der Vereinigten Staaten behauptet, die Ukraine habe “stellvertretend für den Westen” einen Krieg mit Russland begonnen.<

Hier haben wir also weniger ein hermeneutisches als schlicht ein handwerkliches Problem. Aus “die Rolle zukam, stellvertretend für den Westen einen Krieg mit Russland zu beginnen” wird “behauptet, die Ukraine habe ‘stellvertretend für den Westen’ einen Krieg mit Russland begonnen“.

Journalist Julian Seiferth rechtfertigt seine Verdrehung auf Twitter offenbar als Verwendung eines Synonyms:

Auf den Hinweis “das hat Guérot so nicht gesagt” zitiert er den Anfang von Wolfs Textauszug. Die Entgegnung: “‘Beginnen’ muss in dies Kontext nicht bedeuten, dass die Ukraine den Krieg angefangen hat. Kann man so verstehen, muss man aber nicht.” quittierte er mit “Ich traue Guérot tatsächlich zu, das Konzept ‘Synonym’ zu verstehen.”

Und nein, man kann es auch nicht so verstehen. Es geht in dem falsch eingeordneten Zitat um eine völlig andere Zeit. Auch der Verlag hatte schon darauf hingewiesen, dass es helfen könnte, den Kontext zur Kenntnis zu nehmen.

FAZ zieht nach

Thomas Thiel schreibt in der FAZ vom  4. November (“Fulminante Deutung” S. 11, Feuilleton; Online-Fassung: “Die Universität Bonn distanziert sich von Ulrike Guérot“):

>In ihrem gemeinsam mit Hauke Ritz verfassten Buch “Endspiel Europa” weist Guérot der Ukraine die Rolle des Kriegstreibers zu, der stellvertretend für den Westen einen Krieg mit Russland begonnen habe. In diesem Krieg werde die Ukraine zwar von der NATO militärisch und logistisch unterstützt, ohne dass diese aber selbst ins Kriegsgeschehen hineingezogen würde. Vielmehr beschränkten sich die NATO-Staaten darauf, den Krieg durch Sanktionen, antirussische Propaganda und eine nukleare Einkreisung Russlands zu flankieren.<

Auch Thiel hat offenbar das Buch nicht gelesen, jedenfalls beschäftigt er sich ausschließlich mit dem frei zugänglichen Auszug, was hier besonders peinlich ist, da er mit keinem Wort den Twitter-Hype als  Anlass benennt, sondern die Stellungnahme der Bonner Universitätsleitung. An der Wiedergabe des Textauszugs scheitert Thiel wie die vorgenannten Kollegen: auch er verändert einfach die Tempi und macht aus einem Plan (“unterstützt werden sollte”) eine Tatsache (“wird unterstützt”, unzutreffend als indirekte Rede mit “werde unterstützt” wiedergegeben).

Im übrigen ist auch die Aussage, die es in der Online-Fassung zur Überschrift geschafft hat, falsch: “Die Universität Bonn, an der Guérot seit einem Jahr den Lehrstuhl für Europapolitik bekleidet, hat sich nun in einer Erklärung auf ihrer Homepage von ihr distanziert.” Wiederum: bitte einfach mal exakt zitieren, selbst wenn es mal eine Zeile mehr werden sollte. Weil das Umformulieren in eigene Wort halt so oft schiefgeht. Es findet sich nichts zitierbares, natürlich schon deshalb, weil der Name Guérot nicht genannt wird, aber auch kein konkreter Tatsachenvorwurf im Raum steht, sondern eben nur: “Ein Mitglied der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn ist wiederholt mit öffentlichen Äußerungen zu unterschiedlichen Themen in die Kritik geraten.” Und distanzieren können sich dann letztlich auch wieder nur Menschen voneinander, dazu müssten beide Seiten Namen bekommen.

(Aktualisiert am 03.11.2022, 23:45 Uhr)

Anmerkung:

* Da t-online nur das Aktualisierungsdatum angibt und nicht auch das Erstveröffentlichungsdatum, lässt sich der Abstand der beiden Publikationen nur über Umwege ungenau rekonstruieren. Derzeit sind beide Beiträge mit dem 2. November etikettiert, im Abstand von 20 Minuten. Seiferth hat seinen Beitrag aber ausweislich seines Twitter-Hinweises bereits am 31. Oktober veröffentlicht.

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