Reichelt bei Krömer bei der SZ

Titel: Schlechtes Kunststück.
Untertitel: „Chez Krömer“ und das öffentlich-rechtliche Fernsehen lehren in einer Art Schaustück: Wie man Ex-„Bild“-Boss Julian Reichelt nicht interviewen sollte
Autoren: Laura Hertreiter/ Nele Pollatschek
Medium: Süddeutsche Zeitung, 15.11.2022, S. 19
(Online-Fassung: Wie man Julian Reichelt besser nicht interviewt)
Genre: Rezension (Fernsehsendung)

Unsere Medienkritik: Erkenntnisdesinteresse

Zusammenfassung: Die Autorinnen Laura Hertreiter und Nele Pollatschek werfen der Figur Kurt Krömer vor, Ex-Bild-Chefredakteur Julian Reichelt in seiner Sendung “Chez Krömer” eine Bühne geboten zu haben, was Aufmerksamkeit generiere und so dafür sorgen könnte, dass Reichelt “bald wieder ganz gut ins Geschäft einsteigen”wird.

Problem 1: Wertungen der Autorinnen als Fakten
Beispiele, 1.1: “Julian Reichelt ist nicht besonders interessant.” (Wie gemessen, mit welcher Skala bewertet?)
1.2: Reichelt führt “einen nicht besonders guten Youtube-Kanal”. (Wie gemessen, mit welcher Skala bewertet? Wie ist die Reicheltsche Qualität im Gesamtangebot verortet?)
1.3: Reichelt hat “zu Recht weniger Follower hat als viele Foodblogger”. (Wieso “zu Recht”?
1.4: Es “verdient kaum gesonderte Aufmerksamkeit”, “wer einen nicht besonders guten Youtube-Kanal führt, den zwar etliche Medienmenschen klicken, der aber zu Recht weniger Follower hat als manche Foodblogger”. (Wer verdient denn dann “gesonderte Aufmerksamkeit”? Nur, wer mehr Follower als manche Foodblogger hat? Ist das der gültige Maßstab für gesonderte  Aufmerksamkeit?)
1.5: Reichelt ist “zur Zeit unbedeutende[r] Youtuber”.
1.6: Wenn Krömer nicht heimlich Reichelt helfen wollte, “wieder ganz gut ins Geschäft ein[zu]steigen”, sondern “auch ein Idealist ist, der seine Abneigung [gegen  Reichelt] nicht nur spielt, sondern auch fühlt”, dann muss er auf der Bühne dafür sorgen, dass sich sein Gast “selbst desavouier[t]”. (Dies Aussage ist – zugegeben – mit weitem Bogen aus dem Text gelesen.)

Problem 2: Showkampf statt Aufklärung
Nach Kritik der Autorinnen geht es bei einem solch halbstündigen Showgespräch nicht darum, etwas Neues zu erfahren, sondern “zwielichtige”, “rechte”, “kontroverse” Leute zu grillen. Sie bemerken zwar zutreffend: “Krömer [stellt Fragen], ohne sich nur im Geringsten für die Antwort zu interessieren” und “Es geht im Journalismus um Belegbarkeit, nicht um Glauben”, lassen aber keine Aussage Reichelts als dessen Interpretation der Wirklichkeit gelten.
2.1 Zum Standardproblem identifizierender Berichterstattung fragt Reichelt Krömer, ob man seiner Ansicht nach Fotos des RAF-Terroristen Andreas Baader pixeln sollte, um Nachahmungstaten nicht zu begünstigen. Oder Fotos von Mohammed Atta. Das wäre doch tatsächlich mal ein Punkt für andere Sichtweisen gewesen.
2.2 Auf eine andere Veröffentlichung angesprochen, räumt Reichelt ein, sie sei ein Fehler gewesen, verweist aber darauf, dass das Material schon an anderer Stelle veröffentlicht war und fragt Krömer: “Wissen Sie, wer noch gerügt worden ist [vom Deutschen Presserat] für denselben Sachverhalt? Die Süddeutsche Zeitung.” Seine Interpretation, dies zeige, dass so ein Fehler nicht ideologiegetrieben sein müsse, wäre auch bedenkenswert gewesen. Dass die Autorinnen der Süddeutschen Zeitung die eigene Betroffenheit nicht thematisieren, spricht auch nicht für Erkenntnisinteresse.
2.3 Reichelt sagt auf Vorhalt, Verlegerin Friede Springer habe nicht gegen die BILD-Berichterstattung zu Christian Drosten interveniert: “Der Streit ging nicht um Christian Drosten. Der  Streit ging um die Corona-Berichterstattung insgesamt, wo Friede Springer die Vorstellung hatte, und das mir gegenüber auch sehr deutlich gemacht hatte, dass BILD in der beginnenden Corona-Kreise – das war ganz zu Anfang – ab sofort unterstützend für die Bundesregierung und die Kanzlerin berichten sollte. Und das war nicht meine Auffassung von Journalismus.” Auch diesen Ball hat Krömer liegen lassen (nicht einmal als Komiker hat er ihn irgendwie verwandelt), aber auch diesen Punkt kritisieren Hertreiter und Pollatschek nicht. Dabei hatte der Ringier-CEO Marc Walder (Schweiz) doch ausgerechnet die BILD als Beispiel für unangemessen harten Journalismus kritisiert. Denn seiner Ansicht nach müssten die Medien dafür sorgen, “dass die Politik das Volk nicht verliert”.

Fazit: Ja, Krömer hat in Sachen Aufklärung einen schlechten Job gemacht, weil er alles, was es zu besprechen gegeben hätte, ignoriert hat, weil er nur seine vorbereiteten Punkte unterbringen wollte. Ob das komödiantisch war, steht auf einem anderen Blatt. Die Rezension der Sendung zielt jedoch nicht auf dieses Erkenntnisdesinteresse ab, sondern im Gegenteil darauf, dass die Sendung nicht geboten hat, was die Kritikerinnen schon wussten und daher erwartet haben. Sie stören sich viel mehr daran, dass “Reichelt hier wie das Opfer eines kafkaesken Prozesses” wirken konnte, was “fast ein Kunststück, und ein wirklich schlechtes” sei.

Anhang:
Andere Rezensionen zur Sendung: Tagesspiegel; Der Spiegel; Augsburger Allgemeine [1]; Zusammenfassung der verschiedenen Einschätzungen bei Meedia. Dass die Meinungen (= Bewertungen von Tatsachen) auseinandergehen, sollte der Normalfall sein (weshalb schon in die Berichterstattung solch verschiedene Wertungen hineingehören). Aber es gehen eben die Tatsachenbehauptungen auseinander, und das ist ein Dauerproblem im Journalismus, das seine Funktionsfähigkeit grundlegend in Frage stellt. Zumal es kaum interessiert, jedenfalls nicht den Medienjournalismus.

Indizien für das Desinteresse an Erkenntnis auch beim “Publikum”, zum Beispiel Ralph Ruthe

Falls ihr fragt, warum Leute wie Reichelt und Strache zu Krömer gehen: weil es ihnen null Nachteile bringt. Es kommt nix raus, was man nicht bereits weiß, von ihrer Bubble werden sie dafür gefeiert, ihre Themen bekommen Reichweite – Es ist keine Bloßstellung, nur Aufmerksamkeit. (Twitter)

Sehr ausführlich formuliert sein medienjournalistisches Desinteresse der Chefredakteur der Fachzeitschrift “journalist“, Matthias Daniel. In einem langen Twitter-Thread legt er dar, wo überall sich Reichelt nicht so verhalten hat, wie er es verlangt. “Reichelt ist bei Krömer, um seine Ideologie zu verbreiten, seine Kritik an Gesellschaft und Medien, um seinen Spin zur Lage der Weltpolitik kundzutun. Um Werbung für sich zu machen.” Ja weshalb denn sonst? Um zu sagen, was Medienjournalisten gerne hören möchten? Auch für Daniel ist alles geklärt, was in der Öffentlichkeit streitig und bisher von der Justiz genau anders gesehen wurde. “Typische Täter-Opfer-Umkehr” diagnostiziert er deshalb auch.

PS Inhaltliche Anmerkung: Keine Privatsphäre für Julian Reichelt

Die zentralenervöse Twittererregung bringt Jörg Kachelmann gut auf den Punkt:

All mein Ekel, zu dem ich in der Lage bin, über den gelernten Menschenverachter @jreichelt, der plötzlich Respekt für sein Privatleben erwartet. (Twitter; weitere Beispiele 1, 2,)

Nun sind nur wenige Reichelt-Kritiker mal BILD-Protagonisten wie Kachelmann gewesen, und zumindest diesen Nicht-Betroffenen darf man abverlangen, dass sie gerade die Regeln auch für Reichelt gelten lassen wollen, die sie einzuhalten von ihm verlangen. Außerhalb der Notwehr gibt es sinnvollerweise kein “Wie du mir so ich dir”-Recht, auch wenn sich die meisten Menschen eigenes Fehlverhalten so legitimieren. (“Ich bescheiße bei der Steuer ja nur, weil der  Staat mir ohnehin viel zu viel wegnimmt.”)

Zum Desinteresse an anderen Sichtweisen und dem Anspruch, selbst die Welt stets richtig zu sehen, gibt es einen Übersichtsartikel bei der NZZ: Warum wir glauben, was wir glauben wollen.

Inhaltliche Anmerkung: BILD-Kampagne gegen Drosten

Hertreiter und Pollatschek kritisieren zwar Krömers Unverständnis (oder Verständnisunwilligkeit) bei Reichelts Darstellung der BILD-Berichterstattung zur “Drosten-Studie” über die Corona-Viruslast bei Kindern, bleiben aber im seit Mai 2020 gesetzten Framing von der “Kampagne“. Auch hier hätte sich medienjournalistische Aufarbeitung angeboten, doch sie unterbleibt. Reichelt sagt sogar noch: “Ich bin übrigens extrem stolz auf die Geschichte”. Dass die Schließung von Kindergärten nicht nur “nach heutigem Wissen nicht nötig gewesen” wäre, wie Gesundheitsminister Lauterbach es bewertet, sondern ein verhängnisvoller Fehler, der massive Kollateralschäden verursacht hat, gilt inzwischen als gesichert. Aber eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr als dass Medienjournalisten ihre Wutreden gegen eine BILD-Berichterstattung zurücknehmen. (Und dass es in der Anfangszeit der Corona-Pandemie flächendeckendes Desinteresse der Medienhäuser an Aufklärungsjournalismus gab, ist seit längerem dokumentiert, wenn auch von den Studienautoren als verständlich, ja gar richtig bewertet.)

Inhaltliche Anmerkung: Statistische Aussagen zur Anzahl der Presserats-Rügen

Weil sich Krömer an Rügen des Presserats abarbeitet und auch in der Rezeption der Sendung immer wieder darauf verwiesen wird: Journalisten sollten wissen, dass sich aus diesen Rügen statistisch gar nichts ableiten lässt. Nicht nur, weil es eine Gleichbehandlung aller Beschwerden unterstellt (die bezweifelt werden darf, da sie schon technisch nicht gewährleistet wird), sondern weil eine Grundgesamtheit unterstellt wird, die sämtliche beschwerdefähige Berichterstattung aller Medien unterstellt. Tatsächlich aber reagiert der Presserat ausschließlich auf Eingaben von außen, womit diese Beschwerden keinerlei quantiative Messung tatsächlicher Berichterstattungsdefizite zulässt (die  Reichweite der BILD ist eben höher als die jeder anderen deutschen Zeitung, die Beschwerdebereitschaft des Publikums ist nicht für allle Medien gleich, es gibt wirtschaftliche Interessen für Beschwerden etc.). Entsprechend dienen Meldungen der Art “Bild führt die Riege der gerügten Zeitungen an” auch nicht der Orientierung, zeigen aber statistische Grundlagenmängel der Berichterstatter.

Fußnoten

[1] Auf die Rezension von Jonathan Lindenmaier trifft vieles vom oben Gesagten zu. Beispiel für eine faktenfreie Tatsachenehauptung in seinem Text: “Wo das Leugnen ihn [Reichelt] nicht weiterbringt, gesteht er Fehler ein…”

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