Genauigkeit bei der wissenschaftlichen Darstellung journalistischer Qualität

In einem aktuellen Kapitel zu „Journalismus und Qualität“ wird auf Seite 398 des Nomos-Handbuchs „Journalismusforschung“* ein Befund der auch von mir mehrfach zitierte Studie „Einseitig, unkritisch, regierungsnah?“ wie folgt wiedergegeben:

>In der Corona-Berichterstattung war Kritik an der Regierung und den Infektionsschutzmaßnahmen durchgehend vorhanden, die Bewertung der Maßnahmen als zu weitgehend nahm immer rund ein Drittel der Gesamtberichterstattung ein (vgl. Maurer et al. 2021b)<<

Daran ist so ziemlich alles falsch: das „Drittel“, die „Gesamtberichterstattung“ und „immer“. Wie im Journalismus selbst sind ungenaue Quellenangaben (hier: keine Seitenangaben) immer ein Indiz für „Unkorrektheiten“, für Kolportagen aus der Erinnerung.

Also: Die Verteilung von Bewertungen der Corona-Maßnahmen wurde sinnvollerweise nur für solche Beiträge betrachtet, die überhaupt eine Bewertung vorgenommen haben. In der Studie heißt es dazu:

>Entsprechende Aussagen, die einen Gesamttenor der Bewertung der Corona-Maßnahmen erkennen lassen, fanden sich in etwa einem Drittel aller Beiträge. In wiederum einem knappen Drittel davon wurden die angesprochenen Maßnahmen als nicht ausreichend beurteilt, in etwas mehr als zwei Fünfteln als angemessen und in etwa einem Viertel als zu weitreichend.< (Seite 43)

Auf die Gesamtberichterstattung bezogen bewertete also 1/12 der Beiträge die Maßnahmen als zu weitgehend. Aber geschenkt, gehen wir also davon aus, es war nicht „die Gesamtberichterstattung“ gemeint, sondern nur Beiträge mit Gesamttenor zu den Maßnahmen, – dann gingen nur einem Viertel und nicht einem Drittel die Maßnahmen zu weit.

Relevanter ist allerdings noch, dass dieser Wert keineswegs „immer“ gemessen werden konnte, sondern nur für die Gesamtbetrachtung. Es gab nämlich im Zeitverlauf große Schwankungen:

>Nach einem deutlichen Tenor pro Maßnahmen im März 2020 nahmen die Stimmen, denen die Maßnahmen zu weit gingen, im April und Mai zunächst deutlich zu. Bis zum September etablierte sich dann ein die (gelockerten) Maßnahmen für angemessen haltender Medientenor. Mit dem Anstieg der Fallzahlen im Oktober wird dann der Konflikt über das weitere Vorgehen in der Berichterstattung deutlich erkennbar, wobei der Medientenor dann bis in den Dezember 2020 deutlich in Richtung der Position ausschlug, die die Maßnahmen für angemessen oder aber nicht weitreichend genug hielt. Die Zustimmung verblieb dann auf hohem Niveau und fiel erst im April 2021 deutlich ab. Damit zeigt sich erneut: Die Position, dass die Maßnahmen zu weit gingen, war in der Berichterstattung vor allem in den kritischen Phasen, in denen die Verschärfung oder Lockerung von Maßnahmen diskutiert wurde, durchaus erkennbar. Allerdings überwog über die gesamte Dauer unserer Analyse deutlich die Position, dass die Maßnahmen angemessen waren oder nicht weit genug gingen (Abbildung 34 [oben abgebildet]).< (Seite 45)

Schätzen wir nun aus dieser Abbildung die konkreten Zahlen (die leider nicht in den Balken angegeben sind), dann gab es im Dezember 2020 bei etwa 375 Artikeln mit einem Gesamttenor zu den Maßnahmen ungefähr 50 mit der Position, sie seien zu weitgehend – was 13 Prozent entspricht, oder als Bruch ausgedrückt: nicht ein Drittel, nicht ein Viertel, sondern zwischen einem Siebtel und einem Achtel.

In ihrem Fazit schreiben die Autoren übrigens:

>Insgesamt nahmen die Medien gegenüber der Pandemie folglich eine eindeutig warnende Haltung ein, die man durchaus als einseitig betrachten kann.< (Seite 58)**

Fußnoten:

* Prochazka, Fabian (2025): Journalismus und Qualität. In: Thomas Hanitzsch/ Wiebke Loosen/ Annika Sehl (Hrsg.) (2025): Journalismusforschung.  https://doi.org/10.5771%2F9783748932291-387
** Die Autoren finden das allerdings nicht tragisch, was ich auch bereits deutlich kritisiert habe. Aber dazu lese man einfach selbst die Studie.

Verweise: 

Siehe zum Thema der Corona-Berichterstattung auch
* „Qualitätsdefizite im Medizin- und Gesundheitsjournalismus – Eine explorative Fallsammlung mit Schwerpunkt Covid-19 und Corona-Pandemie“ (Journalistik)
* Sammlung „Medienkritik zum Corona-Journalismus“ (Spiegelkritik)

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