Quellenangabe: Bitte aufs Original verweisen

Zu den Unsitten im Journalismus gehört, verwendete Quellen nicht transparent zu machen. Es gibt ein paar Konstellationen, bei denen das gerechtfertigt ist. Aber meist ist es Angeberei, Faulheit oder bewusste Informationsverweigerung (z.B., um das eigene Medium zu featuren).

Soweit mit der Preisgabe der Quelle keine Vereinbarungen gebrochen würden („unter drei„) oder eine Quelle gefährdet sein könnte (auch ohne, dass diese als Person es im Blick hatte), gehört die Quellenangabe für jede nicht allgemeinverfügbare Information zu den Qualitätsanforderungen im Journalismus (meist unter „Transparenz“ diskutiert, als solches aber schlicht Bestandteil des Bereichs „Vollständigkeit“ als Antwort auf die siebte W-Frage). 

Quellenangaben sind aus vielerlei Hinsicht wichtige Informationen in journalistischen Beiträgen:
– Nur so kann der Rezipient den vollständigen Kontext einer Aussage erfassen, die ansonsten in Text-, Ton- oder Bildbeiträgen nie vollständig abgebildet werden können.
– Soweit die Quelle andere Veröffentlichungen sind, gebietet es bei Zitaten das Urheberrecht und im Übrigen der Anstand, die Herkunft einer Aussage (Zitat, ob direkt oder indirekt ist egal) bzw. Information (urheberrechtlich nicht geschützt) zu benennen.

Der einfachste und zugleich beschämendste Grund für die Nicht-Nennung einer Quelle ist:
Der Autor kennt sie selbst nicht.
Es wird etwas behauptet, was man so (aus dem Gedächtnis) zu wissen meint, was man schon gehört oder gelesen hat, was doch eigentlich jeder wissen könnte.
Die Kontrollfrage sollte dabei stets sein: Warum sollte man es nochmal erwähnen, wenn es doch eh jedem klar sein dürfte?
Oder hält man als Journalist nur sein Publikum (bzw. wenigstens einen relevanten Teil dessen) für dümmer als den von Gerichten gerne theoretisch bemühten „durchschnittlichen Empfänger“ einer Botschaft?
Die (interne) Pflicht zu Quellenangaben könnte jedenfalls manch peinlichen Fehler in dieser Kategorie „geglaubten Allgemeinwissens“ verhindern – weil sich eben schlicht keine Quelle finden lässt (Stichworte: „Weizenbiene“ und „Vermehrung des Regenwurms durch Zweiteilung“).

Für die übrigen häufig anzutreffenden Unterschlagungen von Quellenangaben nachfolgend einige Typen mit Beispielen.

1. Bloß keinen Traffic verlieren

Obwohl der Grundgedanke des Internets, wie es die meisten Menschen kennen und nutzen, von „Hyperlinks“ lebt, sind viele Medien von Entstehung dieses Kommunikationsnetzwerks darauf bedacht, durch Links bloß keine Nutzer zu verlieren. Sie könnten ja auch einer verlinkten Seite „hängen bleiben“, dort anderes entdecken, das sie interessiert.

Bsp.: Der Berliner Tagesspiegel fütterte in der Gratis-Version seines Newsletters „Checkpoint“ am 24. August 2026 die Leserschaft an mit:

Kurz darauf erfolgt der „Quellenhinweis“ wie folgt:

>Und dann beantwortete der Regierende Bürgermeister auch noch diese Frage von „Steppke“-Redaktionsmitglied Narjes (im vergangenen Schuljahr in der 6c):
„Wollen Sie Ihrer Frau einen Heiratsantrag machen? Und wenn ja, wann und wie? Und sind wir eingeladen?“
Was Wegner darauf antwortete, können Sie heute mit einem Abo in der ungekürzten Checkpoint-Originalfassung lesen. Ohne Abo verpassen Sie heute leider u.a. auch […]<

Dabei könnte man das, was Wegner auf diese wichtige Frage zu sagen hatte, auch direkt – und mit vollem Kontext – beim „Steppke“ nachlesen. Den Link hat sich Maroldt’s Tagesspiegel aber leider verkniffen – und damit seine Leserschaft ein wenig dumm gehalten und die „jungen Kolleginnen und Kollegen“ nicht gar so sehr geehrt.

Natürlich findet sich solche Quellenverweigerung auch massenhaft in analogen Medien. Der Klassiker sind die „Presseschauen“, bei denen Kommentarauszüge aus anderen Medien verbreitet werden, ohne die jeweiligen Urheber zu nennen (die ja die eigentliche Quelle sind – das verbreitende Medium ist jeweils nur ein Transportmittel dafür, auch wenn die Entscheidung für diesen Verbreitungsweg natürlich eine journalistische Entscheidung war).

2. Kein Traffic für die Bösen

Auf manche Quellen wollen Journalisten nicht verlinken, obwohl sie diese genutzt haben. Nach dem Motto „kein Traffic für die Bösen“ wird dies gelegentlich auch offen so benannt.

So stand in einer Altpapier-Kolumne im Anschluss an einen zitierten X-Post:

Eine Verlinkung zu X verbietet sich natürlich, aber öffentlich-rechtliche Journalisten, die sich noch fragen, wie sie mit der AfD umgehen sollen, werden den Post wohl finden.<
(René Martens, 13.02.2024)

Übermedien beschreibt seine Praxis in den FAQ so:

>Wir nennen unsere Quellen, es sei denn, wir müssen sie schützen. Wir verlinken Inhalte, auf die wir uns beziehen, oder binden sie ein. Auch die Medien, die wir kritisieren, verlinken wir entweder direkt oder über Internet-Archive. Es sei denn, dass sich auf den jeweiligen Seiten Inhalte finden, von denen wir glauben, dass sie extrem problematisch sind oder nicht in die Öffentlichkeit gehören.<

Die Einschränkung lässt sich ebenfalls als „kein Traffic für die Bösen“ verstehen, denn in der Öffentlichkeit ist ja bereits, was verlinkbar ist, und wenn sich die Übermedien-Berichterstattung bzw. -Kommentierung mit solchen Inhalten beschäftigt, werden sie auch für relevant gehalten.

So verzichtete Übermedien in einer ausführlichen Kritik an einem Spiegel-Artikel auf einen Link zu diesem (Thema war das sog. „Witwenschütteln“).

3. Bequemlichkeit

Insbesondere im Radio sind genaue Quellenangaben nicht ganz einfach. Vorgelesene Hyperlinks würden sich wohl nur wenige auf die Schnelle korrekt merken können – und schön anzuhören wäre es in keinem Fall.

Allerdings ist es unproblematisch möglich, genaue Quellenangabe im Internet zu hinterlegen und einmalig auf diese Sammlung hinzuweisen. (Siehe dazu auch eine Diskussion in der Deutschlandfunk-Sendung „Nach Redaktionsschluss“ vom 02.05.2024, Titel: „Welche journalistischen Quellen sollten veröffentlicht werden?„)

Solche Quellenverzeichnisse machen natürlich ein wenig Arbeit, aber im Vergleich zum Produktionsaufwand von Sendungen und Sendungsbeiträgen ist das kaum der Rede wert. Allerdings unterlassen Rundfunkanbieter manches, obwohl es kaum Aufwand wäre. So hat das Deutschlandradio 2024 die Zahl seiner „Textabbildungen“, also die Veröffentlichung von Sendungsmanuskripten auf der eigenen Website, drastisch reduziert. Ein Sprecher des Senders begründete dies seinerzeit mit einem verstärkten Fokus auf die Kernkompetenz Audio.

4. Spezialfall Social-Media: Schutz der eigenen Reichweite

Ein spezielles Problem lässt sich zumindest bei X (Twitter) beobachten: Da Social-Media-Plattformen keine User an irgendeinen anderen Anbieter verlieren wollen (siehe Punkt 1), werden Beiträge mit Links (so sie überhaupt möglich sind) in der Ausspielung deutlich gedrosselt.

Die anständigste Reaktion darauf ist, den Quellenverweis in einen eigenen Antwort-Post zu schreiben und auf diesen bereits im Ursprungspost hinzuweisen.

Bei den meisten Usern dürfte für die Unsitte, nur Screenshots zu posten ohne zugehörigen Link zum Original, allerdings eben schlicht darin gründen, keine Rezipienten an andere Anbieter Weiterzureichen.

 

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