Tagesspiegel outet Community-User

Der Berliner Tagesspiegel hat die Identität eines Foren-Kommentators öffentlich gemacht. Der Lokalpolitiker schrieb in der Tagesspiegel-Community, wie von den Richtlinien empfohlen, unter Pseudonym. Da die Redaktion Zugriff auf die Anmeldedaten hat, kannte sie u.a. die hinterlegte E-Mail-Adresse – und machte sie zusammen mit dem Namen öffentlich. Der Vorwurf: Ein Politiker müsse mit Klarnamen kommentieren. Die Berliner Datenschutzbeauftragte prüft den Fall auf Anfrage noch, ein Justiziar und Mitglied des Presserats sieht einen Rechtsverstoß.
#Zum Bericht.
#Zur Pressemitteilung des Heise Verlags.

“Der Westen” reichlich verpeilt im Norden

Erst interessiert tagelang nicht, dass die eigene Redaktion Quatsch als Nachricht verkauft. Als dann eine Frage dazu von uns eintrifft – bei der inhaltlich nicht wirklich etwas erwartet wird, die aber mindestens zum guten Ton gehört – wird der Quatschbeitrag etwas überarbeitet. Doch es fehlt sowohl ein Hinweis auf die Veränderung der Grundaussage, es fehlt eine Entschuldigung für die Fahrlässigkeit, die zu der vorherigen Quatschmeldung geführt hat – und es fehlt eine Antwort auf unsere Frage, oder wenigstens ein kurzer Dank für den in Frageform verpackten Hinweis auf Quark. Aber vielleicht ist “Der Westen” ja wirklich nur ein “Klickportal“, wie Übermedien-Gründer Stefan Niggemeier vor drei Jahren schrieb. Weiterlesen

Zur Rammstein-Berichterstattung

Mehrere Frauen erheben neue Vorwürfe gegen Rammstein-Frontmann Lindemann. Gegenüber NDR und SZ beschreiben sie, wie junge Frauen offenbar gezielt für Sex mit ihm rekrutiert werden. Zwei Frauen berichten zudem von mutmaßlichen sexuellen Handlungen, denen sie nicht zugestimmt hätten.

So beginnt die Tagesschau (NDR) einen Bericht am 2. Juni 2023. Die Recherchen von NDR und Süddeutscher Zeitung werden breit kolportiert. Einige lose Anmerkungen zur Verdachtsberichterstattung über Till Lindemann und Reaktionen darauf. Weiterlesen

Reklame für den Rundfunkbeitrag bei der Tagesschau

Tagesschau.de berichtet in eigener Sache – nämlich über den angemeldeten Finanzbedarf der ARD, aus dem sich die Rundfunkgebühr ab dem Jahr 2025 ergeben soll (zusammen mit ZDF, Deutschlandradio und Arte). Doch statt eines journalistischen Stücks präsentiert die führende öffentlich-rechtliche Nachrichtenmarke Public Relations für das eigene Haus. Eine Medienkritik bei Telepolis.

Journalistischer Rekord-Fetisch

Journalisten lieben Rekorde. Weil sich  aus jedem Rekord eine Meldung machen lässt. Besonderen Nachrichtenwert haben Rekorde, wenn sie unheilvoll klingen, im negativen Sinne noch nie Dagewesenes verkünden. Bei geschickter Auswahl lassen sich so aus einem Sammelsurium von Daten immer wieder Katastrophenmeldungen basteln. Besonders einfach geht dies bei Entwicklungen,  die zwangsläufig nur in eine Richtung verlaufen können und so permanent Rekord um Rekord bilden: dann werden vom Journalismus eigens dafür aufgestellte ‘Marken geknackt‘.

Beispiel Sterbe-Rekord

Ende Januar vermeldete das Statistische Bundesamt:

>Im Dezember 2020 sind in Deutschland nach vorläufigen Ergebnissen mindestens 106 607 Menschen gestorben. […] Mehr als 100 000 Sterbefälle in einem Dezember gab es zuletzt im Jahr 1969. Damals waren die Sterbefallzahlen im Zuge der Hong-Kong-Grippe erhöht und es wurden 109 134 Sterbefälle gezählt.<
(Destatis Pressemitteilung Nr. 44/2021)

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Kirchenmoralischer Medienjournalismus?

Als “moralische[n] Medienjournalismus nach dem Wertebild der Kirchen” bezeichnet DWDL-Chefredakteur Thomas Lückerath epd Medien und KNA Mediendienst in einer Replik auf einen just bei epd Medien erschienenen Leitartikel von Hans-Jürgen Jakobs. Auf LinkedIn lobt Lückerath die digitale Vielfalt des heutigen Medienjournalismus und schreibt: Weiterlesen

Ein Volksentscheid kann nicht durch Abstimmung scheitern

Nach dem Ergebnis des Volksentscheids  “Berlin 2030 klimaneutral” ist allerorten vom Scheitern die Rede. Können Journalisten so sprachlich unsensibel sein?

Wie sollte ein “Entscheid” scheitern? Indem eine (neuerliche) technische Panne ihn verhindert vielleicht, aber sicherlich nicht, indem Bürger abstimmen oder es bleiben lassen. Tatsächlich gescheitert ist das Bürgerbegehren, das Berliner Klimaschutz- und Energiewendegesetz vom 22. März 2016 per Volksgesetzgebung zu ändern. Gescheitert ist also wenn schon die Initiative “Klimaneustart”, die diese Gesetzesänderung vorgeschlagen hat. Wobei “scheitern” auch hier im demokratischen Kontext reichlich absurd klingt.

Es ist die von Wahlen bekannte “Horse Race”-Berichterstattung, in der Journalisten stets die Kandidaten zu Akteuren machen statt korrekterweise die Wähler.

Die Süddeutsche Zeitung titelt:

Berliner Volksentscheid für strengere Klimaziele gescheitert

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ZDF-Weizenbiene

Insekten bestäuben Getreide? Diese neue “Erkenntnis” verbreitet die aktuelle ZDF-Sendung “Plan b“, in der es  um Lichtverschmutzung geht, unter der u.a. Insekten zu leiden haben.


In der zugehörigen Grafik wird diese artenreiche Tierklasse durch eine Biene vertreten. Der zugehörige Text passt leider nicht zur Honigbienen und zu Bienen allgemein auch nur marginal, eine zentrale Aussage ist in jedem Fall falsch.

>Insekten übernehmen lebenswichtige Aufgaben. Sie bestäuben Pflanzen, darunter die meisten Getreidesorten. Sie lockern den Ackerboden, versorgen ihn mit Nährstoffen und fressen Schädlinge, bevor sie selbst gefressen werden.<
(Plan b, Folge “Licht aus! Sterne an!”)

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Eine Behauptung ist keine Frage


Eine nachrichtliche Einordnung des vom ZDF selbst ausgelösten strafrechtlichen Ermittlungsverfahrens gegen Fynn Kliemann ist dem ZDF misslungen. Denn die folgende Behauptung ist falsch:

>Im Kern des Beitrags wurde die Frage aufgeworfen, ob bei Geschäften der Textilfirma mit einem Großhändler im Jahr 2020 ganz bewusst das Produktionsland verschwiegen wurde – Die Masken zum Schutz gegen Corona kamen aus Asien statt aus Europa.<

Jan Böhmermann hat in seiner Sendung ZDF Magazin Royale am 6. Mai 2022 nicht nur eine “Frage aufgeworfen”, sondern sehr konkret u.a. einen Betrug vorgeworfen, bis heute noch in der Überschrift der vielsagenden Sendungsseite “Leck mich am Arsch, Fynn Kliemann” (so wir das Akronym richtig übersetzen) zu lesen: “Fynn Kliemanns Maskenbetrug”. Alles Folgende gründete auf dieser – nach derzeitigem Stand juristisch falschen – Tatsachenbehauptung.

 

Leseverständnisprobleme

Eine Vielzahl von Fehlern in journalistischen Texten gründet in Rezeptionsschwäche. Oft scheitert schon die Wiedergabe einfacher Fakten. Betrüblich daran ist, dass viele Journalisten ihre Fehler gar nicht einsehen und ihre Darstellung für korrekt, wenigstens nicht beanstandenswert halten. Hier dazu einige Impressionen. Ausführliche Beispiele finden sich auch im zweiten Teil der Serie zum Corona-Journalismus, weiteres wird hier am Ende verlinkt. Weiterlesen