Phantasievolle Reptilien-Story

Spiegel-Online ist kritikresistent, das wissen wir. Selbst auf klaren Sachfehlern beharrt man gerne, solange die Kritiker nicht zu viel Lärm machen. Ein schönes Beispiel liefert Heiko Werning mit seinem kenntnisreichen Beitrag “Invasion der Recherchefehler bei Spiegel-Online” im taz-Blog Reptilienfonds, bereits am 8. September veröffentlicht und bisher von SpOn ignoriert. Daher hier nochmal: der

Gastbeitrag von Heiko Werning

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Einmal mehr versucht SPIEGEL-online sich am Thema Reptilien & Co., und einmal mehr geht es gründlich schief. Diesmal dokumentiert Nicole Serocka ihre Ahnungslosigkeit zum Thema sowie ihren Unwillen, daran durch Recherche etwas zu ändern.

Schon im Teaser geht es in die Vollen: 200.000 Würgeschlangen sollen in Deutschlands Haushalten leben. Das klingt schön schaurig. Nun ist eine Würgeschlange allerdings jede Schlange, die ihre Beute durch Umschlingen tötet (ein Klick auf den angegebenen SPIEGEL-Wissen-Link „Würgeschlange“ hätte gereicht, um das herauszufinden). Dazu gehören also auch allerniedlichste kleine Nattern, die die übergroße Mehrheit der privat gehaltenen Schlangen stellen. Und die werden nirgends gemeldet, wir wissen also schlicht nicht, wie viele „Würgeschlangen“ in deutschen Haushalten leben. Die Schätzung der zitierten „Aktion Tier“ entbehrt jeder Grundlage.

Dann folgt das dramatische Einstiegsszenario in das Thema „Reptilienboom“ und „Invasion der Echsen“ mit der These: „Immer öfter tauchen sie [also die Gift- und Würgeschlangen] auch außerhalb ihrer Heime auf.“ Geschildert wird der Fall einer – tja: Ringelnatter. Die ist nicht nur harmlos, wie die Autorin einräumt, die ist vor allem kein Exot. Die lebt hier ganz regulär. Würde es sich dabei tatsächlich um „ein zunehmendes Phänomen in deutschen Städten“ handeln, wäre das ein schöner Erfolg für den Naturschutz. Und hätte sich die Szene auch nur näherungsweise so abgespielt, wie die Autorin schreibt, wäre sie zudem noch eine bemerkenswerte neue wissenschaftliche Erkenntnis: „Als Julia Ott an einem der sonnigeren Tage dieses Sommers über ihre Hofeinfahrt im fränkischen Rottenstein geht, bekommt sie einen ziemlichen Schrecken: Nur wenige Meter von ihr entfernt liegt eine 120 Zentimeter lange, zusammengerollte Schlange. Während Ott abrupt stehen bleibt, richtet sich das schwarz-gelbe Reptil plötzlich s-förmig auf und fixiert die junge Frau. Die Drohgebärde erinnert Ott an eine gefährliche Kobra.“ Genau so reagieren Ringelnattern gerade nicht auf Bedrohung. Die kriechen entweder ganz fix davon, oder sie stellen sich tot, lassen die Zunge raushängen und quetschen zur Not noch einen Tropfen Blut aus dem Maul, damit es auch wirklich echt aussieht. Die Szene im fränkischen Rottenstein dürfte mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit schlicht frei erfunden sein.

Vollends daneben greift die Autorin dann ausgerechnet im am leichtesten zu recherchierenden politischen Teil: „Hessen und Schleswig-Holstein haben deshalb im vergangenen Jahr die Haltung exotischer Wildtiere außerhalb von Zoos und Zirkussen in ihren Ländern gesetzlich verboten.“ Toll, an diesem Satz ist so ziemlich alles falsch. Erstens geht es nicht um „exotische Wildtiere“, sondern um „gefährliche Tiere wild lebender Arten“, was ein ziemlich großer Unterschied ist. Die in Terrarien gepflegten Tiere sind nämlich durch die Bank „exotische Wildtiere“, wie übrigens auch z. B. Zebrafinken, Wellensittiche und Aquarienfische, und deren Haltung ist selbstverständlich selbst in Hessen weiter erlaubt (abgesehen davon, dass viele der Arten auf der hessischen Liste auch nicht gefährlich sind, aber das nur am Rande). Zweitens gilt das Verbot in Hessen merkwürdigerweise nur für den privaten Bereich, nicht für den gewerblichen. Die Haltung ist also nicht nur „Zoos und Zirkussen“ erlaubt, sondern jedem, der das beruflich macht (Züchter, Zoohändler, Wissenschaftler etc.). Und drittens hat nur Hessen “im vergangenen Jahr” ein solches Verbot erlassen, in Schleswig-Holstein gilt es schon viele Jahre.

Dann behauptet die Autorin: „Die CDU-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag plant ebenso ein Verbot der privaten Haltung von exotischen Tieren, die unter Artenschutz stehen und Menschen gefährden können.“ Was immer das „und“ hier bedeuten soll, ob also alle unter Artenschutz stehenden Arten und alle dem Menschen gefährlichen Arten verboten werden sollen oder nur alle unter Artenschutz stehenden Arten, die gleichzeitig auch noch gefährlich sind – es stimmt beides nicht, so blöd ist ja nicht mal die NRW-CDU. Von geschützten Arten jedenfalls war in der Presseerklärung nicht die Rede, deren Haltung ist ohnehin über Bundesrecht geregelt.

Dass dann auch unvermeidlicherweise von „die Python“ die Rede ist (es heißt alternativlos „der Python“, hier würde schon ein Blick in den Duden genügen), ist bei soviel geballter Unkenntnis fast schon eine genauso lässliche Petitesse wie die Benennung des Kaimans auf dem zugehörigen Foto als Alligator.

Vielleicht sollte SPIEGEL-online sich demnächst lieber auf seine Berichterstattung über Britney Spears et al. konzentrieren.

2 Gedanken zu „Phantasievolle Reptilien-Story

  1. Herrlich.
    Ich hab zwar keinen Plan von der Materie (ausser, dass ich kreuzgefährliche Killerneontetras hier rumschwimmen hab), aber da hat wohl mal jemand richtig tief reingegriffen.

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