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“3G-Pläne für Bahn- und Flugverkehr” und der Kolportagejournalismus

Eine vielleicht auf den ersten Blick völlig unspektakuläre Meldung der Tagesschau eignet sich gut, um die anhaltenden Qualitätsdefizite im Corona-Journalismus aufzuzeigen. Abgesehen von Gegenreden zu einzelnen Punkten wird es einen generellen Einwand geben: Die hier geforderten journalistischen Recherchen ließen sich nicht für eine simple Meldung rechtfertigen.
Doch. Denn unvollständige Informationen sind in vielen Fällen Desinformation, und das lässt sich im vorliegenden Fall gut zeigen. Hätte die Tagesschau solide recherchiert (bzw. einfach die ihr ohnehin vorliegenden Informationen verarbeitet), wäre etwas ganz anderes dabei herausgekommen als eine Verlautbarung von Regierungs- und Gewerkschaftsstatements. Dies Leser bekämen ein völlig anderes Bild, wenn ihnen all das angeboten würde, was zur Beurteilung der politischen Idee notwendig ist.

Unter der Überschrift “3G-Pläne für Bahn- und Flugverkehr” schreibt die Tagesschau am 27. August 2021 (linke Spalte; rechts die Anmerkungen):

Tagesschau.de Spiegelkritik
Dürfen künftig nur noch Geimpfte, Genesene und Getestete Bahn fahren oder ins Flugzeug steigen? Die Bundesregierung erwägt entsprechende Vorschriften. Kritiker halten das für kaum umsetzbar. Wer sind (die) “Kritiker”? Es ist ein Nicht-Begriff wie “Experte”. Zudem gibt es im Bericht dann nur einen Kritiker, und der ist Gewerkschafts-Lobbyist.
Zur Eindämmung der Corona-Pandemie prüft die Bundesregierung, ob künftig nur noch Geimpfte, Getestete und Genesene Fernzüge und Inlandsflüge nutzen dürfen. Was ist unter “Eindämmung” zu verstehen? Empirisch betrachtet bisher alles, was Politik irgendwie gemacht hat. (Ausführlicher unten bei Punkt 3)
“Wir haben sehr stark steigende Fallzahlen und deswegen ist es richtig, zu prüfen, was helfen kann, diesen Anstieg der Fallzahlen zu dämpfen und möglichst zu stoppen”, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. “sehr stark” wäre ebenfalls zu belegen und dann einzuordnen (was ist die nächste Steigerung?)
Die Bahn wollte sich zu den Plänen nicht äußern. Natürlich kommentiert die Bahn nicht die Politik ihres einzigen Aktionärs. Deshalb müsste schon benannt werden, was die Tagesschau (oder wer auch immer) wen bei der DB gefragt hat. Tatsächlich einfach “Was halten Sie davon?”? Oder vielleicht: “Wurden Sie vorab um Stellungnahme gebeten, waren Bahnvertreter in die Überlegungen eingebunden, wenn ja mit welcher Expertise  und mit welchen Empfehlungen, Zielen, Wünschen…?”
Seibert verwies auf den starken Anstieg der Corona-Fallzahlen vor allem in der jungen Altersgruppe, die sich noch nicht impfen lassen könne. Wo bleibt die Einordnung? Genau diese Fallzahlen sind für das Gesundheitssystem wie die Betroffenen  selbst unproblematisch. Ebenso fehlt die Einordnung, wie weit Messung und Messergebnis miteinander zusammenhängen, auch wenn das an früherer Stelle schon thematisiert wurde.
“Das heißt all diejenigen, die sich impfen lassen können, haben eine Verantwortung gegenüber denen, die sich nicht per Impfung schützen lassen können”, sagte Seibert. Wo bleibt die Einordnung? Das Argument ist weit verbreitet, sollte aber seit März 2020 als Geschwurbel aussortiert sein. (Ausführlicher unten Punkt 1 und 2)
Engmaschiges Testen bringe zusätzlichen Schutz, weshalb die Bundesregierung nun auch die Einführung der sogenannten 3G-Regel – Zugang nur für Geimpfte, Genesene und Getestete – prüfe. Den Angaben zufolge ist das Bundesverkehrsministerium derzeit mit der Prüfung befasst. Da es hier offenbar weiterhin um Züge (und Flugzeuge) gehen soll: Wenn dort neue Regeln messbar gegen die Pandemie wirken könnten, wären ja die bisherigen Regeln fahrlässig gewesen. Wenn in Zügen in nennenswertem Umfang Corona verbreitet würde und dies nicht hinnehmbar wäre, dann müsste dies zum einen hier belegt werden, zum anderen müsste damit das Bekenntnis verbunden sein, in der Vergangenheit fahrlässig gehandelt zu haben. Warum? Waren die Gerüchte vom zeitweisen Stilllegen des öffentlichen Verkehrs vielleicht keine “Fake News”, sondern realistische Überlegungen in der  Bundesregierung (die wie so vieles mal als Testballon in die Welt entlassen wurden)?
Fragen der Kontrolle
Als Vorbild für einen solchen Schritt nannte Seibert Frankreich, wo die Nachweispflicht bereits im Fernverkehr gelte.
In Deutschland gibt es die 3G-Regel bislang nur bei Auslandsflügen und einigen Bereichen des öffentlichen Lebens – etwa dem Restaurantbesuch in Innenräumen. Vor allem eine mögliche Ausweitung auf Fernzüge wirft Fragen zur Kontrolle auf. Kristian Loroch, Vorstandsmitglied der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), mahnte an, dass Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung auch “umsetzbar und praktikabel” sein müssten. Die Einführung der 3G-Regelung im Fernverkehr dürfe nicht auf dem Rücken der Mitarbeiter erfolgen, warnte Loroch. Wo das Problem der Kontrolle sein soll, wird nicht erläutert, auch hier fehlt ggf. die Nachfrage. Denn mit einem Fahrschein auch den Impfpass o.ä. zu kontrollieren, klingt nach gar keinem Problem.
Zunehmend Übergriffe auf Bahn-Mitarbeiter
Die Bahn wolle das Personal in Zügen reduzieren, “was ohnehin schon zu einer erhöhten Belastung für die Beschäftigten führen wird”. Zudem habe die Zahl der Übergriffe auf Beschäftigte “massiv” zugenommen, sagte Loroch weiter.
Faktencheck?  Wo ist der  Beleg für diese weitreichende Behauptung eines Lobbyisten? (Wozu nicht nur Zahlen gehören, sondern natürlich auch Angaben zur Erhebungsmethode etc.) Aus eigener, natürlich nicht-repräsentativen Sicht täglicher Fahrten mit verschiedenen Nah- und Fernbahnen gibt es für die Behauptung keinerlei Anhaltspunkt.
“Eine 3G-Kontrolle würde diese Situation weiter verschärfen und ist deshalb für uns nicht tragbar.” Die EVG hatte bereits bei der Einführung der Maskenpflicht in Zügen darauf hingewiesen, dass die Einhaltung der Regeln schwer kontrollierbar sei. Einordnung? Die Kontrolle erwies sich letztlich als unproblematisch. Schaffner wurden um den Bahn-Sicherheitsdienst und patrouillierende Bundespolizei verstärkt, wie man es davor zuletzt nach 9/11 erlebt hatte. Schon kurz nach Einführung der Maskenpflicht sah man so gut wie keine Reisenden mehr ohne. Hier wären sonst aktuelle Zahlen notwendig, um die damalige Befürchtung der Gewerkschaft als gerechtfertigt zu belegen. Tatsächlich aber ist das Gegenteil der Fall.
Und das wars? Kein Wort zu wissenschaftlichen  Evidenz (und wenn es mal wieder heißen müsste, dass die Regierung nichts weiß, weil sie auf entsprechende Forschung verzichtet hat). Keine Juristen, Verfassungsrechtler vor allem? Kein Wort zum Impfzwang durch die Hintertür? Keine Einordnung mit dem Stichwort “Wahlkampf”?
Stattdessen das übliche Procedere: Regierung kündigt an, Medien verlautbaren dies, Regierung setzt um, Medien verlautbaren auch das. Diskussion des Souveräns? Weder möglich (aufgrund journalistischer Leistungsverweigerung) noch erwünscht.
[Eingebauter Querverweis]
Interview 01.09.2020
Maskenpflicht in der Bahn
“Den Zugbegleitern fehlen die Druckmittel”
In den Zügen der Deutschen Bahn soll die Einhaltung der Maskenpflicht jetzt schärfer kontrolliert werden.
Das Thema ist zwar längst durch, die gerade auch im Journalismus erhobene Forderung nach strengen Kontrollen und Sanktionen wurde umgesetzt, aber doch wird diese olle Kamelle hier nochmal hervorgeholt und suggeriert eine nicht bestehende  Gefahr.

Zur Argumentation könnte und müsste man einen eigenen Beitrag machen – und es steht die Frage im Raum, warum das nicht vor allem der öffentlich-rechtliche Rundfunk längst gemacht hat. Denn seit anderthalb Jahren gibt es da keine neuen Erkenntnisse, aber die Fragen werden in Salamitaktik präsentiert und Antworten darauf gegeben, wie es gerade in den Kram passt.
Das gesamte Narrativ der Berichterstattung lebt davon, dass Corona als ein Virus-Sonderfall betrachtet wird. Corona darf mit nichts verglichen und schon gar nicht mit irgendetwas gleichgesetzt werden. Das ist als erste Hypothese zulässig, müsste sich dann aber empirisch bewähren. Diese Diskussion soll jetzt hier aber nicht aufgemacht werden; es bleiben auch so viele Argumentationsprobleme.

1. Auch ohne jeden Vergleich o.ä. gelten alle Argumente, die heute für die Corona-Bekämpfung angeführt werden, ebenso für die bekannte Grippe. So müsste sich jeder öffentlich entschuldigen, der sich früher nicht jährlich gegen Grippe hat impfen lassen, nun aber die Corona-Impfung für selbstverständlich und ethisch geboten hält. Alle Vorwürfe an die heutigen “Impfverweigerer” treffen auf den Grippe-“Impfmuffel” genauso – oder sie treffen eben auf beide nicht zu.

2. Da sich inzwischen jeder impfen lassen kann, der mag, ist (spätestens seitdem) wieder jeder für sich selbst verantwortlich. Dass es einzelne gibt, die sich wegen individueller medizinischer Problem nicht impfen lassen können, ist kein Gegenargument. Wenn der einzelne von der Allgemeinheit etwas zu seinen Gunsten will, muss er das mit dieser Allgemeinheit aushandeln. Deshalb sind unzweifelhaft lebensentscheidende Organ-, Blut- oder Knochenmarkspenden freiwillig, obwohl der Spende-Verweigerer den Tod eines Mitmenschen in Kauf nimmt. (Schließlich müssen wir nur einmal über unseren Tellerrand blicken um zu sehen, wie selbstverständlich unser Egoismus auch sonst ist; andernfalls sollten und müssten wir alle in relativer Armut leben und unseren Reichtum denen spenden, bei denen es tatsächlich ums Überleben geht. Auch davon ist aber niemals die Rede, stattdessen werden alle möglichen Programme für Benachteiligte hierzulande gefordert, ungeachtet des viel größeren Leids in anderen Teilen der Welt. Aber davor verschließen die meisten in Ethik-Debatten schon immer die Augen.) Für den Schutz von Kindern greift das Impfargument ohnehin nicht, weil sie nicht gefährdet sind (was im Übrigen schon zu Beginn der Pandemie recht klar war, was aber einzelne Lobbyisten nicht daran gehindert hat, permanent ein Lebensrisiko von Kindern zu beschwören, was sich entsprechend auch völlig evidenzfrei in den Köpfen viele Eltern festgesetzt hat, obwohl die weit größere Gefahr für die Kinder wohl von der Zwangs”hygiene” durch Kontaktverbote ausgeht, was sich aber erst als Langzeitfolge zeigen kann).

3. Zu den vielen unterlassenen Fragen des Journalismus gehört die nach dem Ziel. Was genau will die Politik erreichen, was werden dann die Kosten für welchen erreichten Nutzen sein, wie läuft das Controlling und unter welchen Gegebenheiten wird das Projekt als gescheitert betrachtet? Aber ob Atomenergie oder Afghanistan-Krieg: die Politik hat keinen Exit-Plan, wenn sie mit etwas loslegt. Und so wurden im Laufe der Pandemie permanent kurzfristige Ziele benannt und nach Belieben gegen andere ausgetauscht.
Ohne ein Ziel der Politik mit klarem Plan, mit Liste der Nebenwirkungen etc. lässt sich natürlich auch kein demokratischer Dialog darüber führen, ob der Souverän das überhaupt so will.

Beruhigender Daueralarm

Es gibt viele Erklärungsmöglichkeiten für die permanente Wiederholung alter Nachrichten in den Medien – von Hinrnwäsche der Kunden (Verschwörungs-Ansatz) bis Selbstvergewisserung der Journalisten selbst (Religions-Hypothese), von Amnesie bis Apathie. So oder so, wenn es nicht so ein fürchterliches Thema wäre, könnte man es drollig finden, was uns die Medien  permanent als “news”  präsentieren.

Heute auf allen Kanälen: Christian Drosten warnt mal wieder, düstere Prognose, klare Ansage, beim “Redaktionsnetzwerk Deutschland” (RND) sieht das dann so aus: Wer sich nicht impfen lässt, wird sich infiizieren. Sagt Obervirologe Drosten.

Allerneuste Erkenntnis von Professor Drosten wird das allerdings nicht sein, denn schon vor drei Monaten warnte uns der Chef-Virologe bei RND: Wer sich gegen Impfung entscheidet, der wird sich unweigerlich infizieren.

Beide Male wurde die Aussage Drostens in zahlreichen Medien verbreitet.

Der Tagesspiegel und sein Corona-Weltbild

Nach anderthalb Jahren Medienanalyse und -kritik zum Corona-Journalismus frage ich mich ganz grundsätzlich: hat Medienkritik irgendeinen Sinn? Bringt sie irgendeine Verständigung über Aufgaben und Qualitäten des Journalismus voran? Ich sehe das nicht. Und zwar nicht, weil ich mit speziellen Positionen nicht durchdringe – sondern weil dem Betrieb jegliche Kritik an seiner Arbeit vollkommen wurscht ist. Das ist leider auch keine neue Erkenntnis, sie begleitet mich seit bald drei Jahrzehnten, allerdings in unterschiedlicher Intensität. Allein dieser Blog “Spiegelkritik” ist über die 15 Jahre seines Bestehens immer weiter gefüllt worden mit Hinweisen auf eklatante, unbestreitbare Qualitätsmängel in der Berichterstattung, allem voran falsche Tatsachenbehauptungen, – die weder eine Entschuldigung, nicht einmal eine Korrektur nach sich zogen. Weiterlesen

Einäugige Medienkritik

Aus den vielen, vielen Ungleichbehandlungen im Corona-Journalismus (siehe  laufende Serie bei Telepolis) hier ein Beispiel: Die Süddeutsche Zeitung schneidet eine statistische Darstellung so, dass der echte Maßstab nicht mehr optisch zu erkennen  ist, sondern abgelesen und ‘vor dem geistigen Auge’ angepasst werden muss, Twitter-Post:

Soweit, so normal-desorientierend. Wir warten jetzt aber darauf, dass die professionelle Medienkritik dies ebenso anprangert wie in Fällen, da ihr das Ergebnis der Manipulation mutmaßlich weniger gefällt, wie etwa BILD-Blog.


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Das nicht aseptische Interview

Eine verantwortungslose Journalistin hat die Medien-Kolumne “Altpapier” bei der Zeitung “Nordkurier” entdeckt. Deren Textchefin Simone Schamann hatte den Rechtsanwalt Rolf Karpenstein interviewt, Überschrift: “Könnte EU-Recht den Corona-Lockdown sprengen?”. Das ausführliche Gespräch bleibt dicht an diesem Thema, das man wohl kaum als irrelevant abtun kann. Ob Karpenstein mit seiner Rechtsauffassung richtig liegt oder komplett auf dem Holzweg ist, bleibt natürlich offen, und trotz der Länge hätte es genau dazu sicher noch ein paar relevante Fragen gegeben, u.a. was laufende und vor allem ggf. von Karpenstein vertretene Verfahren betrifft. Das “Altpapier” weist allerdings nicht auf das Interview selbst hin (etwa mit einer Einordnung, welche juristischen Fragen schon journalistisch dokumentiert sind oder was noch zu recherchieren wäre), sondern auf einen Beitrag dazu bei “Übermedien“. Dort ist am Vortag eine Kritik von Hendrik Wieduwilt erschienen, Titel: “Corona-Recht ohne Mundschutz: Der ‘Nordkurier’ lässt einen Anwalt querdenken”.

Der geschätzte “Altpapier”-Kollege René Martens kommentiert zu diesem Kommentar:

Falls es Zeitgenossen gibt, die nach dem elften Bier über das Geschäftsmodell Telegram-Zeitung nachgedacht haben: Das Interview im Nordkurier liefert ihnen Anschauungsmaterial.

Da ich seit März 2020 auf der Suche nach substantieller Medienkritik zur Corona-Berichterstattung bin, wundert mich wie an diesem Beispiel, WAS der Journalismusjournalismus thematisiert. Die Skandalisierung des Interviews aus dem Nordkurier (der einige Jahre zu meiner beruflichen Tageslektüre gehörte) erscheint mir beispielhaft für eine Schieflage: Es wird nicht journalistische Arbeit kritisiert, sondern die gesellschaftliche Debatte – im Gewand des Medienjournalismus.

Die folgende Anmerkung habe ich unter dem Übermedien-Artikel geschrieben. Weil das dortige WordPress die Formatierungsversuche zunichte gemacht hat, erscheint er hier nochmal, etwas übersichtlicher. Weiterlesen

Medienkritik zum Corona-Journalismus (Sammlung)

Die journalistische Berichterstattung zur Corona-Pandemie und deren politischer Handhabung wird die Medienforschung (hoffentlich) noch lange Zeit beschäftigen. Die nachfolgende Sammlung mit Literatur, Links und Ergänzungen zur Diskussion wird derzeit kontinuierlich fortgeführt und kann sich daher jederzeit ändern, ohne dass dies explizit kenntlichgemacht wird (keine wie sonst üblichen Update-Hinweise am Ende). Für die bessere Orientierung und ggf. Bezugnahme in Kommentaren unter dem Beitrag werden die Einträge bzw. Abschnitte nummeriert. Hinweise auf weitere Veröffentlichungen sind willkommen, die redaktionelle Auswahl bleibt aber vorbehalten. [Letztes Update: 13.06.2021] . Weiterlesen

Desinfektionsjournalismus

“Aber nein, wir geben uns doch nicht mehr die Hand. Jetzt ist ‘Elbow-Bump’ angesagt.” Einige Male wörtlich so und in zig Variationen ähnlich habe ich es bei der letzten Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) am 11. März 2020 in München vernommen. War ich schon seit der Heimholung Deutscher aus Wuhan am 1. Februar auf Hab-Acht-Stellung, wurde mir spätestens in München klar: Der Journalismus erlebt gerade keine Sternstunde. Ob er nicht besser konnte oder nicht anders wollte, war damals noch nicht ausgemacht, die Journalistik wird sich damit noch lange beschäftigen. Elbow-Bumb gegen das Virus, vor dem wir (damals noch) alte und kranke Menschen schützen sollten. Nicht die Hand geben. Und in jedem Fall die Hände oft und ausreichend lang waschen. Das intellektuelle Level der Pandemiebekämpfung be- und vertont nichts sympathischer als Ursula von der Leyen, die uns als Stoppuhr für die neue Bürgerhygiene die europäische Freudenhymne singt.
Schon kurze Zeit nach dem ersten von mir wahrgenommenen Elbow-Bump wurde die ganz Münchner Versammlung der Kommunikationsforschung aufgelöst. Weil es die Umstände und die Universitätsleitung forderten, weil die studentischen Hilfskräfte paternalistisch geschützt werden mussten und Krise gerade so groß wie selten geschrieben wurde. Weiterlesen

Zerrspiegel 2: Sturm auf die Entrüstung

Die Berichterstattung ist nicht besser geworden. Das Narrativ von der letzten Großdemo in Berlin gegen die Corona-Politik von Bund und Ländern wurde beibehalten, wie schon die Vorberichte zeigten: Es kommen da “Coronaleugner” zusammen, die latent rechtsradikal sind, sich zumindest davon nicht abgrenzen, sie werden keinen Abstand halten und so zu einem “Superspreader-Event”. Ein paar passende Bilder werden sich zu dieser Erzählung jederzeit finden, und fertig ist das Erregungskontinuum. Reporter berichten gefärbt, wie sie die Welt sehen, und in einer Art Stille-Post-Spiel landen diese Selektionen, vielfach nachbearbeitet, in den Kommentaren der Regionalzeitungen, die man allesamt auch schon Wochen vorher hätte schreiben können, so erkenntnisbringend sind sie. (Uwe Westdörp von der Neuen Osnabrücker Zeitung etwa begründet die notwendige Entrüstung, “weil etwas ins Rutschen gerät, wenn so viele Demonstranten eine gefährliche Einstellung offenbaren: Sie verachten das frei gewählte Parlament.“) Weiterlesen

Corona-Journalismus: Zerrspiegel einer Demo

Eine aktuelle Qualitätsstudie zum “Corona-Journalismus” in der Schweiz kommt zu einer mittelprächtigen Bewertung, eine frühere (methodisch fragwürdige) deutsche Studie, als Pre-Print veröffentlicht, sieht die deutsche Corona-Berichterstattung positiv (zu beiden Studien ein anderes Mal mehr). Wir schauen hier lieber, wie schon seit 14 Jahren, auf Einzelfälle, weil es journalistischer Medienkritik nicht um eine Gesamtbeurteilung geht (niemand nutzt ja die “Gesamtmedien”), sondern um Missstände im Detail.
Die regelmäßig kritischen Punkte haben wir schon oft benannt (ein ausführlicher Debattenbeitrag anlässlich der Pandemie erscheint in Kürze in der Fachzeitschrift “journalistik” 2/2020):
—Durch Voreingenommenheit, Mangel an Recherche und das Verwechseln von Meinen und Wissen, Ansichten und Tatsachen, kommt es im Journalismus permanent zu Verzerrungen.
—Es werden für die Orientierung wichtige Informationen ausgeblendet, andere über ihr repräsentatives Maß hinaus hervorgehoben und simple Faktenwiedergaben durch Interpreation oder Umformulierung zu Falschbehauptungen.

Wir werden hier in loser Folge an Einzelbeispielen Defizite der Corona-Berichterstattung aufzeigen. Dabei geht es wie üblich nicht um die Bewertung von Veranstaltungen oder Ereignissen, sondern ausschließlich um ihre journalistische Darstellung. Es wird hier keine Diskussion geführt um “Corona-Politik” o.ä. Maßstab für die Medienkritik ist ausschließlich die Orientierungsleistung, die der untersuchte Journalismus bietet. Dazu schauen wir heute auf die Spiegel-Berichterstattung über die Demonstration und Kundgebung “Das Ende der Pandemie – Der Tag der Freiheit” am 1. August 2020 in Berlin. Weiterlesen

Mehr Reflexion und Forschung zur Corona-Berichterstattung

War die zurückhaltende, kritiklose Berichterstattung über die politischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie journalismusethisch gerechtfertigt? Welche Nebenwirkungen hat die starke Fokussierung auf das eine Thema in allen Medien? Wie gut macht die journalistische Medienkritik derzeit ihren Job? Ein Gespräch mit dem Medienethiker Prof. Dr. Christian Schicha:
“Kritik ist immer erlaubt und wichtig”