Schlagwort-Archive: Corona-Journalismus

Affenpocken-Simsalabim

Der Berliner Tagesspiegel verlängert seine tägliche Todesangst professionell von Corona zu den  Affenpocken, die zweieinhalb Jahre erprobten Echauffageroutinen können 1:1 übernommen werden. In der kleinen Meldung aus dem heutigen Newsletter “Checkpoint” steckt schon viel Verheißungsvolles.

1. Die Guten sind schon ausgemacht. Aus denen, die nach einer Affenpocken-Impfung fragen, die also aus welch rationalen oder irrationalen Gründen Angst um ihre Gesundheit haben, werden vorausschauend die “Impfwilligen“, die ihre solidarische “Bereitschaft” zur Spritze erklären. Nicht sie wollen etwas von der Allgemeinheit, sondern sie tun etwas für diese (die den Arsch noch nicht hoch kriegt, sondern ihn offenbar besonders fest auf irgendwelche Unterlagen drückt). Die Pockenleugner schlummern zwar noch im Redaktionssystem, aber sie sind tastaturklar. Weiterlesen

Aktenzeichen Covid-19 ungelöst: Wann ist das Gesundheitssystem am Limit?

Mehr als zwei Jahre nach Beginn der Corona-Pandemie schreibt die Süddeutsche Zeitung über eine Konferenz der Landesgesundheitsminister mit dem Bundesgesundheitsminister:

“Dass gerade jetzt, wo viele Bundesländer Rekord-Inzidenzwerte verzeichnen, wo wieder mehr Corona-Patienten auf den Intensivstationen liegen, alle Beschränkungen wegfallen sollen, stößt bei vielen Landesregierungen auf Unverständnis. Auch die Hotspot-Regelung, die jedes Bundesland selbstständig umsetzen soll, halten einige Ministerpräsidenten für nicht durchdacht. Denn viele Fragen blieben bisher offen: Wann wird ein Ort zum Hotspot? Wann ist das Gesundheitssystem am Limit? Und kann ein ganzes Bundesland zum Hotspot erklärt werden oder nur einzelne Regionen?”

Es mag sein, dass Minister als Leiter sehr großer Behörden diese drei Fragen gestellt haben. Aber ist es zu viel verlangt, dass eine Berichterstattung das einordnet? Die erste und zweite Frage beantworten sich aus dem Text des Infektionsschutzgesetzes. Was da nicht steht, existiert auch nicht (auch wenn es etwas später im Text heißt, Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach habe vier Kriterien benannt, die “den Landesregierungen demnach dabei helfen, einen Hotspot zu bestimmen”). Die journalistische Unverschämtheit ist aber die zweite Frage: Wann ist das Gesundheitssystem am Limit? Weiterlesen

“Wir wollen die Regierung unterstützen durch unsere mediale Berichterstattung”

Zahlreiche Medien haben bewusst den Corona-Kurs der jeweiligen Landesregierung unterstützt. Das hat der Geschäftsführer des Schweizer Medienunternehmens Ringier in kleiner Runde für alle Blätter seines Verlags als Strategie erklärt. Wörtlich sagte CEO Marc Walder bereits am 3. Februar 2021 beim «Inspirational Talk», wie erst jetzt vom Nebelspalter publik wurde: Weiterlesen

Pandemische Aufklärung

Norddeutsche Rundschau, 16. November 2021:

Norddeutsche Rundschau, 17. November 2021:

Hintergrund: Christian Drosten sagte im Interview mit der ZEIT

Es gibt im Moment ein Narrativ, das ich für vollkommen falsch halte: die Pandemie der Ungeimpften. Wir haben keine Pandemie der Ungeimpften, wir haben eine Pandemie. Und wir haben Menschen, die noch sehr gefährdet sind, die älteren Ungeimpften. Bei den über 60-Jährigen haben wir nur eine Impfquote von 86 Prozent vollständig Geimpfter, das ist irrsinnig, das ist wirklich gefährlich.

Wenn Anti-Corona-Eifer auf Satire trifft und Journalismus sein will

Journalisten sollten die Leser ihrer Artikeln endlich mit Twitter verschonen. Ja, Journalisten lieben das Medium, weil man sich auf Augenhöhe mit den politisch Mächtigen fühlen kann, weil es Trends generiert, – vor allem aber, weil Twitter so schön kurz ist und sich damit perfekt zum Zitieren eignet. Nie waren schneller und einfacher Statements in Artikel gekloppt.

Gegen die Nutzung von Twitter als Statement-Quelle spricht u.a., dass es für nichts repräsentativ ist, dass der Erfolg eines Tweets maßgeblich von der Software abhängt – und dass Journalisten immer wieder auf Fakes reinfallen. Oder schlichte Zusammenhänge übersehen. So wie gerade Mirko Schmid in und mit der Frankfurter Rundschau. Weiterlesen

Alles auf den Tisch? Um Gottes Willen, nicht doch!

Eine Gruppe Kulturschaffender möchte über das Pandemiemanagement sprechen. Quasi als Auftakt hat die Gruppe 55 Gespräche veröffentlicht. Um was geht es darin, welche Positionen werden vertreten, über was wird gestritten? Wir schauen uns eine dpa Meldung dazu an. Weiterlesen

“3G-Pläne für Bahn- und Flugverkehr” und der Kolportagejournalismus

Eine vielleicht auf den ersten Blick völlig unspektakuläre Meldung der Tagesschau eignet sich gut, um die anhaltenden Qualitätsdefizite im Corona-Journalismus aufzuzeigen. Abgesehen von Gegenreden zu einzelnen Punkten wird es einen generellen Einwand geben: Die hier geforderten journalistischen Recherchen ließen sich nicht für eine simple Meldung rechtfertigen.
Doch. Denn unvollständige Informationen sind in vielen Fällen Desinformation, und das lässt sich im vorliegenden Fall gut zeigen. Hätte die Tagesschau solide recherchiert (bzw. einfach die ihr ohnehin vorliegenden Informationen verarbeitet), wäre etwas ganz anderes dabei herausgekommen als eine Verlautbarung von Regierungs- und Gewerkschaftsstatements. Dies Leser bekämen ein völlig anderes Bild, wenn ihnen all das angeboten würde, was zur Beurteilung der politischen Idee notwendig ist.

Unter der Überschrift “3G-Pläne für Bahn- und Flugverkehr” schreibt die Tagesschau am 27. August 2021 (linke Spalte; rechts die Anmerkungen): Weiterlesen

Beruhigender Daueralarm

Es gibt viele Erklärungsmöglichkeiten für die permanente Wiederholung alter Nachrichten in den Medien – von Hinrnwäsche der Kunden (Verschwörungs-Ansatz) bis Selbstvergewisserung der Journalisten selbst (Religions-Hypothese), von Amnesie bis Apathie. So oder so, wenn es nicht so ein fürchterliches Thema wäre, könnte man es drollig finden, was uns die Medien  permanent als “news”  präsentieren.

Heute auf allen Kanälen: Christian Drosten warnt mal wieder, düstere Prognose, klare Ansage, beim “Redaktionsnetzwerk Deutschland” (RND) sieht das dann so aus: Wer sich nicht impfen lässt, wird sich infiizieren. Sagt Obervirologe Drosten.

Allerneuste Erkenntnis von Professor Drosten wird das allerdings nicht sein, denn schon vor drei Monaten warnte uns der Chef-Virologe bei RND: Wer sich gegen Impfung entscheidet, der wird sich unweigerlich infizieren.

Beide Male wurde die Aussage Drostens in zahlreichen Medien verbreitet.

Der Tagesspiegel und sein Corona-Weltbild

Nach anderthalb Jahren Medienanalyse und -kritik zum Corona-Journalismus frage ich mich ganz grundsätzlich: hat Medienkritik irgendeinen Sinn? Bringt sie irgendeine Verständigung über Aufgaben und Qualitäten des Journalismus voran? Ich sehe das nicht. Und zwar nicht, weil ich mit speziellen Positionen nicht durchdringe – sondern weil dem Betrieb jegliche Kritik an seiner Arbeit vollkommen wurscht ist. Das ist leider auch keine neue Erkenntnis, sie begleitet mich seit bald drei Jahrzehnten, allerdings in unterschiedlicher Intensität. Allein dieser Blog “Spiegelkritik” ist über die 15 Jahre seines Bestehens immer weiter gefüllt worden mit Hinweisen auf eklatante, unbestreitbare Qualitätsmängel in der Berichterstattung, allem voran falsche Tatsachenbehauptungen, – die weder eine Entschuldigung, nicht einmal eine Korrektur nach sich zogen. Weiterlesen

Einäugige Medienkritik

Aus den vielen, vielen Ungleichbehandlungen im Corona-Journalismus (siehe  laufende Serie bei Telepolis) hier ein Beispiel: Die Süddeutsche Zeitung schneidet eine statistische Darstellung so, dass der echte Maßstab nicht mehr optisch zu erkennen  ist, sondern abgelesen und ‘vor dem geistigen Auge’ angepasst werden muss, Twitter-Post:

Soweit, so normal-desorientierend. Wir warten jetzt aber darauf, dass die professionelle Medienkritik dies ebenso anprangert wie in Fällen, da ihr das Ergebnis der Manipulation mutmaßlich weniger gefällt, wie etwa BILD-Blog.


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