Kategoriearchiv: kurz kommentiert

Genauigkeit bei der wissenschaftlichen Darstellung journalistischer Qualität

In einem aktuellen Kapitel zu „Journalismus und Qualität“ wird auf Seite 398 des Nomos-Handbuchs „Journalismusforschung“* ein Befund der auch von mir mehrfach zitierte Studie „Einseitig, unkritisch, regierungsnah?“ wie folgt wiedergegeben:

>In der Corona-Berichterstattung war Kritik an der Regierung und den Infektionsschutzmaßnahmen durchgehend vorhanden, die Bewertung der Maßnahmen als zu weitgehend nahm immer rund ein Drittel der Gesamtberichterstattung ein (vgl. Maurer et al. 2021b)<<

Daran ist so ziemlich alles falsch: das „Drittel“, die „Gesamtberichterstattung“ und „immer“. Wie im Journalismus selbst sind ungenaue Quellenangaben (hier: keine Seitenangaben) immer ein Indiz für „Unkorrektheiten“, für Kolportagen aus der Erinnerung. Weiterlesen

Erregung über Erregung (und hier dann auch noch)

„Es wandert niemand in unsere Sozialsysteme ein.“ Dieser Satz von Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas im Bundestag hatte es – vor allem mit Reaktionen darauf – in die Tagesthemen vom 7. Mai 2026 geschafft (Video, ab 4:57).

Bei Übermedien kritisiert daran Johanna Bernklau am 13. Mai, dass im ARD-Beitrag auch ein 5-Sekunden-Ausschnitt einer Sendung von Nius gezeigt wurde. Weiterlesen

Beim Zweiten schläft man fester

Beim Versuch, das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) telefonisch zu erreichen, gab es heute 40 Minuten lang die immer wiederkehrenden Hinweise auf das aktuelle Angebot dieses Senders. Nach Werbung für ZDF, ZDF Neo und Mediathek heißt es in der aktuellen Ansage, die von der akustischen Qualität an Schülerstreiche vor 40 Jahren erinnert:

Jederzeit gut informiert mit heute.de oder interaktiv über Facebook und Twitter. Mit dem Zweiten sieht man besser – ZDF, please hold the line.

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Rote 14 mehr als schwarze 16 (Korinthe 94)

Aus der CDU (wie auch vereinzelt aus den Bündnis-Grünen) wird derzeit ein Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren gefordert. Die SPD hat nun laut Medienberichten ein Verbot für Unter-14-Jährige vorgeschlagen. Was die „Bild“ zu folgender Einordnung führt:

>Das Thema Social-Media-Verbot ist nicht neu: Anfang Februar hatte die CDU mit einem Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren ernstgemacht und einen entsprechenden Antrag vorgelegt. Der soll auf dem CDU-Parteitag am 20. und 21. Februar diskutiert werden. Jetzt legt die SPD noch zwei Verbotsjahre drauf.< (Bild, 16.02.2026, 9:20 Uhr)

Mathematisch korrekt kann man den SPD-Vorschlag natürlich als Addition („aufschlagen“) ausdrücken – allerdings mit „16 + (–2)“.

Denn wenn die SPD ein Total-Verbot bis 13, die CDU ein Total-Verbot bis 15 fordert, dann liegen bei wem „noch zwei Verbotsjahre drauf“?


PS: Für mangelnde redaktionelle Checks sprechen auch kleine Formfehler wie dieser:

>In Australien sind Plattformen wie TikTok, X, Instagram, YouTube oder Twitch seit Dezember untersagt, Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren Konten zu gestatten.<

 

Nebelkerze Richtigkeit?

Es sind oft die kleinen Ungenauigkeiten, die auf Qualitätsmängel im Journalismus hindeuten. So wie diese Zusammenfassung im Newsletter der Süddeutschen Zeitung (SZ) von heute Morgen:

„Zuvor hatte das Berliner Verwaltungsgericht die von ihm angeordneten Zurückweisungen Asylsuchender an den deutschen Grenzen als rechtswidrig eingestuft.“

Im zugehörigen Ticker steht es zwar korrekt: Weiterlesen

Text des Tages

In der Rubrik „Bild des Tages“ präsentiert der Schleswig-Holsteinische-Zeitungsverlag (sh:z) am 14. Oktober 2024 das hier Abgebildete. Der Text („BU“) dazu lautet:

>Minya, Ägypten. Menschen stehen neben den Trümmern, nachdem eine Lokomotive in das Heck eines nach Kairo fahrenden Personenzugs etwa 168 Meilen südlich von Kairo gekracht ist. Foto: AP/dpa<

Eine reine Bildbeschreibung als Schrifttext wird Blinden nicht viel helfen. Und auch Sehende sollten vielleicht erfahren, was sie auf dem „Bild des Tages“ nicht sehen können. „Forbes“ berichtete unter Berufung auf die staatliche Zeitung Al-Ahram von mindestens zwei Toten und 20 (Leicht-)Verletzten, „Daily News Egypt“ spricht von einem Toten. Weiterlesen

„Große Koalition“ beerdigen

„Söder präferiert nach Bundestagswahl große Koalition mit SPD“ titelt der Tagesspiegel. Angesichts der letzten realen und der prognostisch künftigen Wahlergebnisse sollte der Begriff „Große Koalition“ endlich beerdigt werden. Die Zeiten eines Drei-Parteien-Parlaments, in dem es eben zwei große und einen kleinen Player gab, sind längst vorbei.

Derzeit kommt die SPD im Bund auf 16%, ebenso wie die AfD, die Grünen stehen bei 15%. Für eine „Große Koalition“ findet die Union (derzeit: 32,5%) schlicht keinen Partner. „Groß“ wäre dann allenfalls noch eine Koalition aus besonders vielen Parteien zu nennen – bzw. eine, die deutlich (und mehr als nötig) über einer 50% Parlamentsmehrheit liegt.

Was wer wissen muss (Korinthe 93)

Schon in nachrichtlichen Texten gehört zur Vollständigkeit jeder News eine ihre Relevanz begründende Einordnung – auch wenn dies regelmäßig unterbleibt. Aber schon die tägliche Polizeimeldung in der Lokalzeitung vom Verkehrsunfall braucht diesen Kontext: War der vermeldete der einzige Unfall am Vortag oder einer von vielen? War der Unfall ein statistisches Unikat oder ein erwartbares, nur nicht genau zu terminierendes Ereignis?

In Kommentaren gehört zur Einordnung die eigene faktische Position, von der aus Vorgänge bewertet werden.

In der Spiegel-Kolumne „Die Lage am Morgen“ fragt Philipp Wittrock am 12. April 2024, wer dem AfD-Politiker Björn Höcke abnehmen wolle, „dass er, der Geschichtslehrer, nicht gewusst haben will, dass »Alles für Deutschland« eine SA-Parole ist?“ Weiterlesen