Absurde Verdrehungen in der heute-Show

“So viele absurde Sonderrechte haben christliche Kirchen in Deutschland” betitelt die ZDF heute-Show ihren ersten Filmbeitrag von Comedian Till Reiners in der Sommerreihe “Till to Go“. Das journalistische Problem daran: Keines der von Reiners und seinem Co-Autor Stefan Stuckmann enthüllten “absurden Sonderrechte” ist ein Sonderrecht der christlichen Kirchen. Und eigentlich sollte das auch alles längst bekannt sein, es ist zumindest sehr leicht herauszufinden.

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Affenpocken-Simsalabim

Der Berliner Tagesspiegel verlängert seine tägliche Todesangst professionell von Corona zu den  Affenpocken, die zweieinhalb Jahre erprobten Echauffageroutinen können 1:1 übernommen werden. In der kleinen Meldung aus dem heutigen Newsletter “Checkpoint” steckt schon viel Verheißungsvolles.

1. Die Guten sind schon ausgemacht. Aus denen, die nach einer Affenpocken-Impfung fragen, die also aus welch rationalen oder irrationalen Gründen Angst um ihre Gesundheit haben, werden vorausschauend die “Impfwilligen“, die ihre solidarische “Bereitschaft” zur Spritze erklären. Nicht sie wollen etwas von der Allgemeinheit, sondern sie tun etwas für diese (die den Arsch noch nicht hoch kriegt, sondern ihn offenbar besonders fest auf irgendwelche Unterlagen drückt). Die Pockenleugner schlummern zwar noch im Redaktionssystem, aber sie sind tastaturklar. Weiterlesen

Wozu Recherche, wenn man von Verschwörung schwurbeln kann?

Nein, “die Medien” machen in der Berichterstattung über Fynn Kliemann und den “Masken-Skandal” nichts falsch. Wie sie auch sonst stets akkurat arbeiten (von der Bild abgesehen), weshalb man nichts so schwer in den Medien findet wie Medienkritik. Als Attest für die journalistische Akkuratesse darf u.a. gelten, dass die Kollegen von Übermedien nichts an den Medien, aber viel an Fynn Kliemann zu beanstanden haben. So wie auch unser Lieblingsmedium Spiegel, das gerade nochmal für seinen Podcast “Stimmenfang” recherchiert hat:

“Das Ehrlichste, was sich Fynn Kliemann eingestehen müsste, ist, dass er selbst sein größter Feind ist, nicht die Medien, nicht die woke linke Szene, nicht irgendwelche wild gewordenen Reporter. Es ist Fynn Kliemann selbst, der sich immer wieder in irgendwelche Schwierigkeiten bringt, weil er eine fast schon verzerrte Wahrnehmung von sich selbst und dem, das er da tut, hat.”

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Helikopterjournalisten

“Skandaläs oder bloß ungeschickt?” fragen die Blätter des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags (shz) heute für eine ausführliche “Analyse” der Nachricht, dass Verteidigungsministerin Christine Lambrecht auf einem dienstlichen Hubschrauberflug ihren erwachsenen Sohn mitgenommen hatte. Illegal war daran offenbar nichts, gegen Kostenerstattung können Familienmitglieder mitreisen. (So wie übrigens auch Journalisten bei Politikern mitfahren und -fliegen dürfen, und da wird es wesentlich heikler! Eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums teilt uns auf Anfrage mit: “Die Nutzung von Luftfahrzeugen der Bundeswehr erfolgt im Sinne Ihrer Fragestellung grundsätzlich entgeltlich. Die Höhe des zu entrichtenden Betrages für einen Mitflug hängt maßgeblich davon ab, ob die Begleitung im Bundesinteresse erfolgt.” Was nichts anderes bedeutet, als dass bei “Bundesinteresse” eine geringere Kostenbeteiligung verlangt wird, als wenn dieses vom Ministerium vertretene Interesse nicht vorliegt. Damit erfolgt so oder so eine Einflussnahme auf die Berichterstattung, entweder durch Entgelte, die über den tatsächlichen Kosten liegen – was der Ausgrenzung für nicht hilfreich erarchteter Journalisten dient -, oder durch eine Kostenunterdeckung, womit die Politik bestimmte Berichterstattung subventionieren würde. Ein altes Thema, an dessen Klärung der Journalismus offenbar weniger Interesse hat als an der Skandalisierung einer einzelnen Politikerin.)

Auf die selbst gestellte Frage “Warum tobt dann nun der Proteststurm?” antwortet Autor Tobias Schmidt: “Lambrecht wird wegen ihrer Amtsführung immer wieder kritisiert. Zu viel Ellebogen,  zu wenig Ahnung, und zu zögerlich bei Waffenlieferungen an die Ukraine. […]” Dann folgt das ganze bekannte Skandalisierungszeug (Kritik aus der Opposition, Twitter-Erregungen, Moralweisheiten von Journalisten-Kollegen).

Die einzig richtige Antwort auf die Frage lautet jedoch: Weil Skandalisierungen das Geschäft der Medien sind. Berichterstattung bläst Belanglosigkeiten zu Ereignissen auf. Orientierungsleistung? Null.

Dieses Skandalisierungsprogramm offenbart der Beitrag auch sehr ehrlich in der Überschrift: “Skandalös oder bloß ungeschickt?”. Ein ganz offene Recherche, in deren Verlauf es mehr oder weniger zu holen gibt, die aber auf gar keinen Fall zum Ergebnis kommen kann: Bullshit, lassen wir den Klamauk und  behelligen nicht ein ganzes Land (und darüber hinaus) mit so einer Billigproduktion.

PS: Eine sehr schöne Polemik zum Thema hat Hendrik Wieduwilt bei Übermedien geschrieben: “Lambrecht, ihr Sohn und der scheißlegale Hubschrauberflug

Qualitätskriterium Richtigkeit

Richtigkeit” haben wir bei Spiegelkritik lange Zeit für ein Basiskriterium des Journalismus gehalten, das nur ab und an mal gerissen wird. Fehler passieren eben überall (natürlich auch hier im Blog). Aber je mehr Auge und Verstand geschult sind, umso größer wird das Problem. Zwei wesentliche Erkenntnisse haben sich über die Jahre dabei herausgebildet:

  1. Die meisten Fehler entstehen durch freihändige Behauptungen. Sie wären allesamt vermeidbar, wenn es eine penible Belegpflicht gäbe (was der Spiegel ja stets mit seiner “Dokumentation” zu haben behauptet). Diese Belegpflicht sollte zumindest redaktionsintern erfüllt werden, ist aber mit dem Internet auch für alle Print- und Rundfunkbeiträge möglich (denn in der Tat würde es innerhalb der Berichte oft stören). Aber so werden Meinungen zu Tatsachen, Glaube zu Wissen, und Fakten nach Belieben zu neuen komponiert. Mit ein paar Logik-Checks finden sich praktisch auf jeder Zeitungsseite Fehler, ohne dass man dazu allwissender Faktenchecker sein müsste (da dürfte dann oft noch weit mehr im Argen liegen).
  2. Hinweise auf Fehler interessieren Redaktionen und Autoren meist nicht die Bohne. In den Sozialen Medien kann das jeder nachverfolgen, und wir haben zahlreiche besonders krasse Fälle hier im Blog notiert; sie sind stets als Beispiele zu lesen.

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Autorennamen sind auch bei Presseschauen zu nennen

Bei vielen Presseschauen* werden  die Autorennamen der zitierten Kommentare unterschlagen. Beispielhaft sei auf den Deutschlandfunk verwiesen, der täglich zahlreiche solcher Übersichten sendet (z.B.”Aus deutschen Zeitungen“, “Internationale Presseschau“, “Wirtschaftspresseschau“).

Dies ist aus zwei Gründen zu kritisieren: Weiterlesen

Aktenzeichen Covid-19 ungelöst: Wann ist das Gesundheitssystem am Limit?

Mehr als zwei Jahre nach Beginn der Corona-Pandemie schreibt die Süddeutsche Zeitung über eine Konferenz der Landesgesundheitsminister mit dem Bundesgesundheitsminister:

“Dass gerade jetzt, wo viele Bundesländer Rekord-Inzidenzwerte verzeichnen, wo wieder mehr Corona-Patienten auf den Intensivstationen liegen, alle Beschränkungen wegfallen sollen, stößt bei vielen Landesregierungen auf Unverständnis. Auch die Hotspot-Regelung, die jedes Bundesland selbstständig umsetzen soll, halten einige Ministerpräsidenten für nicht durchdacht. Denn viele Fragen blieben bisher offen: Wann wird ein Ort zum Hotspot? Wann ist das Gesundheitssystem am Limit? Und kann ein ganzes Bundesland zum Hotspot erklärt werden oder nur einzelne Regionen?”

Es mag sein, dass Minister als Leiter sehr großer Behörden diese drei Fragen gestellt haben. Aber ist es zu viel verlangt, dass eine Berichterstattung das einordnet? Die erste und zweite Frage beantworten sich aus dem Text des Infektionsschutzgesetzes. Was da nicht steht, existiert auch nicht (auch wenn es etwas später im Text heißt, Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach habe vier Kriterien benannt, die “den Landesregierungen demnach dabei helfen, einen Hotspot zu bestimmen”). Die journalistische Unverschämtheit ist aber die zweite Frage: Wann ist das Gesundheitssystem am Limit? Weiterlesen

Paul Ehrlich Institut erfasst keine Abrechnungsdaten zu Impfnebenwirkungen

Nicht erst “Fake-News” sind ein Problem in der öffentlichen Kommunikation – vorsätzliche Falschbehauptungen gibt es wenige und sie sind meist schnell entlarvt. Bedeutsamer dürften die vielen kleinen Fehler in der Berichterstattung sein, um die wir uns daher immer  mal wieder in diesem Blog kümmern. Brigitte Fehrle von der “Relotius-Kommission” des Spiegel sagte damals: “Die am weitesten verbreitete Manipulation ist im Übrigen nicht das Hinzuerfinden, sondern das Weglassen.”

Nachdem ich über einen kleinen Fehler in einem Bericht des Tagesspiegel gestolpert bin, hat ein genauerer Blick noch ein paar weitere Schwachstellen gezeigt. Daher erfolgt mal wieder eine Textautopsie: “Chef der Krankenkasse „BKK ProVita“ bezweifelt Impfdaten – und muss jetzt gehen” vom 2. März 2022; ähnliche Formulierungen wie die hier diskutierten finden sich in zahlreichen Beiträgen. Aus urheberrechtlichen Gründen sind wie immer Passagen ohne Anmerkungen ausgespart. Weiterlesen