Allegorie

Daniel Haas hat lange genug ein Foto betrachtet, dass den italienischen Ex-Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi während eines Schwächeanfalls zeigt – bis er auf den Gedanken kam, dass hinter dem von der Presseagentur AFP verbreiteten Schnappschuss ein tieferer Sinn verborgen liegt. Haas hat in seinem Text für das Kultur-Ressort von Spiegel Online diese Meta-Ebene für uns entschlüsselt:

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Das Pressefoto des erschöpften Berlusconi hat die Qualität des Déjà Vu, es zitiert die Leiden Don Corleones herbei und erinnert darüber hinaus daran, dass sich der Ex-Regierungschef wie die Bosse aus Francis Ford Coppolas Mafiaepen gegen den Vorwurf der Richterbestechung, des Meineids, der Geldwäsche und Bilanzfälschung wehren musste. Seit gestern steht er wegen Steuerbetrug vor Gericht – das Verbrechen, für das einst Al Capone hinter Gitter ging.

Das Bild seines Schwächeanfalls ist auch ein Emblem der Stärke. In seiner Kompaktheit dokumentiert es den Zusammenhalt einer Interessengruppe, in der der Unternehmer buchstäblich aufgehoben ist. So einer wird nicht zu Fall gebracht, wenn er herabsinkt – es vertieft nur seine Wirkung als gesellschaftliches und kulturelles Zeichen.

Man kann die drei Männer, die ihn halten, in diesem Zusammenhang als Allegorien lesen: Die Tatkraft, die Linke auf Berlusconis Herz gelegt; die Sorge, seine erhobene mahnende Hand greifend, und die Gelassenheit, ruhigen Blicks ihn musternd – sie umgeben ihn wie ein Harnisch in schwerer Zeit.

Über derlei Hineindeutungen müssen wir zum Glück nichts mehr sagen – das hat schon der große Robert Gernhardt übernommen in einem Gedicht, das 1981 in seinem Buch “Wörtersee” erschienen ist:

Deutung eines allegorischen Gemäldes

Fünf Männer seh ich
inhaltsschwer –
wer sind die fünf?
Wofür steht wer?

Des ersten Wams strahlt
blutigrot –
das ist der Tod
das ist der Tod

Der zweite hält die
Geißel fest –
das ist die Pest
das ist die Pest

Der dritte sitzt in
grauem Kleid –
das ist das Leid
das ist das Leid

Des vierten Schild trieft
giftignaß –
das ist der Haß
das ist der Haß

Der fünfte bringt stumm
Wein herein –
das wird der
Weinreinbringer sein.

5 Antworten zu “Allegorie”

  1. Aha, da ist dieses Meisterwerk der Interpretationskunst also nicht nur mir aufgefallen. Gruß von mir mit Goethe: “Im Auslegen seid frisch und munter! Legt ihrs nicht aus, so legt was unter.”

  2. Wenn’s hier nicht um den Spiegel ginge, man könnte glauben: “unglaublich, dies’ Gewäsch geschrieben auf Papier $Medium wäre unmöglich.
    Aber der Spiegel schafft das Unmögliche; wenn man glaubt es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein “Spiegel” her.

  3. gute feuilletonisten – und daniel haas ist meiner meinung nach einer der besten online-feuilletonisten und redakteure – provozieren nun einmal bisweilen. die leute, über die sie schreiben sowie die leser. haas’ wortgewalt ist brilliant, aber manchen leuten sind eben auch schon sms-nachrichten zu komplex.

    ps: warum sind die kommentare beim anderen haar-bashing geschlossen? die stilkritik an henrico f’s outfit war überwältigend und wirklich amüsant. übrigens gab es eine ähnliche im streiflicht der süddeutschen. aber dort schreiben natürlich auch nur schwafler.

  4. Daniel Haas scheint unter Quotendruck zu schreiben. Hauptsache es klingt belesen und ironisch und man legt sich auf nichts fest. Denn eine Kolumne, die sich nicht festlegt, ist unangreifbar. Sie ist aber auch wertlos.

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