Hut ab zum Gebet

Diesmal berichtet Alexander Smoltczyk in seiner launigen Spiegel-Online-Kolumne Uups! et Orbi über den Dramatiker Rolf Hochhuth und einen Papst. Hier wird die Frage aufgeworfen und beantwortet, ob dieser Papst – Pius XII. – böse war und dieser Hochhut gut oder umgekehrt oder wie?

Eine der beiden Fragen wurde amtlich beantwortet, wie wir gleich zu Beginn erfahren. Die dafür zuständige Behörde des Vatikan die Congregatio de Causis Sanctorum, gab nun, 49 Jahre nach seinem Ableben, bekannt, Eugenio Pacelli – so sein bürgerliche Name – sei “venerabile” also von “heroischem Tugendgrad”. Smoltczyk lässt uns wissen, warum ausgerechnet dieser bemitleidenswerte Mann, der eigentlich kein Mensch, sondern immerhin der Stellvertreter Christi auf Erden und außerdem unfehlbar war, so unverschämt lange darauf warten mußte, bis ihm diese Ehre zu Teil wurde:

Weil Pacelli doppelt Pech gehabt hat in seinem Leben. Er wurde Papst, als auf Erden die Hölle los war, Hitler über den Kontinent herrschte, Stalin wütete, und der Kirchenstaat einem megalomanischen Hitler-Vasallen ausgeliefert war, der sich Duce nennen ließ. Da war es schwer, Papst zu sein.

Ja wirklich, das war eine schreckliche Zeit. Ganz besonders Päpste hatten es nicht einfach damals:

Für die einen ist Pacelli “Hitlers Papst” (John Cornwell, Daniel Goldhagen), für die anderen ist er ein Held und “Defensor Civilitatis”.

Es scheint sich also hier um eine schwierige historische Frage zu handeln, die Smoltczyk aber mit einer verblüffenden Argumentation klären kann:

Dann – zweites Pech – kam 1963 in der Berliner Schaubühne ein Sieben-Stunden-Stück zur Uraufführung. Es hieß “Der Stellvertreter” und war geschrieben von […] Rolf Hochhuth. […] Er ist bis heute das einzige Theaterstück, das auch im Himmel Wirkung hatte. Sozusagen. Denn das Bild eines kaltherzigen, diplomatisch lavierenden Papstes, dem das Überleben seines Hofstaats wichtiger war als das Leiden der Juden ist seit dem “Stellvertreter” nicht mehr aus den Köpfen herauszubekommen.

Dieser böse, böse Hochhuth ist also schuld am schlechten Ansehen dieses Papstes. Sollte man untersuchen müssen, inwieweit das unselige Wirken anderer Dramatiker Einfluss auf das Image anderer Päpste nahm? Sind etwa das Pontifikat Sergius III. als Beginn der so genannten Pornokratie der Kurie oder z.B. die zeitgenössische Berichte über Johannes XII. (Mord, Verstümmelungen, Ehebruch, Inzest, Simonie, Jagd- und Spielleidenschaft, Meineid und Gotteslästerungen gingen auf sein Konto) ebenfalls nur geschichtsfälschende Unterstellungen irgendwelcher Schriftsteller?

Aber zurück zur „Stellvertreter-Kriegs“-Berichterstattung des Spiegel:

“Der Stellvertreter” ist immer noch ein packendes Stück Theater, mit Passagen über die Deportation, die einem den Atem abschnüren. Ein großes Drama. Aber kein Geschichtsbuch.

Hochhuths Version ist keine Geschichtsschreibung, ergo ist Hochhuth Version falsch, weswegen die vatikanische Version die richtige sein muss; der Papst ist also geläutert und von allen Vorwürfen freizusprechen, was durch die Seligsprechung bestätigt wurde q.e.d..

Der verwunderte Leser reibt sich noch die Augen bei dieser kunstvollen Eristik, aber es geht gleich weiter. Hochhuth – dieser unverschämte Häretiker – legt, so erklärt uns Smoltczyk, Pius XII. ein Zitat in den Mund. Vom „halsstarrigen Volk der Juden und Gottesmörder“ habe er angeblich gesprochen, behauptet Hochhuth. Tatsächlich hat Pius etwas ganz anderes gesagt, behauptet wiederum Smoltczyk, nämlich:

Die dem Apostel würdige Klage, die Klage, über die sich der Diener des Evangeliums nicht zu schämen braucht, erklingt aus jener Trauer, die auf dem Herz des Erlösers lastete und ihn Tränen vergießen ließ beim Anblick Jerusalems, das seiner Einladung und seiner Gnade mit starrer Verblendung und hartnäckiger Verleugnung entgegentrat, die es auf dem Weg der Schuld bis hin zum Gottesmord geführt hat.

Der Spiegel-Autor beeilt sich dem Leser die Interpretation dieser päpstlichen Worte gleich mitzuliefern und (v)erklärt:

Kein Wort von Juden. Im Gegenteil, es ist ein Schrei gegen die Gottvergessenheit der Kriegsherren und Völkermörder der Gegenwart. Und genauso wurde die Ansprache damals verstanden.

Diese Meisterleistung exegetischer Interpretationskunst ignoriert völlig, dass diese wenigen Zeilen in bester antijudaistischer Tradition des Christentums stehen. Die beiden Grundpfeiler christlicher Theologie werden hier erwähnt: Die Ignoranz eines Volkes, welches der Einladung seines Herrn nicht folgen will und den genau deshalb durch dieses Volk begangenen Gottesmord. Dieses Dogma der christlichen Lehre – auch Substitutionstheologie genannt- besagt, dass der Bund Gottes mit seinem erwählten Volk von den Israeliten auf die Christen überging. Genauso ist Pius Ansprache zu verstehen und genauso so ist sie auch verstanden worden, jedenfalls von Hochhuth.

Und ganz zum Schluss, um den letzten Zweifel auszuräumen, erklärt uns Smoltczyk, wie böse dieser Hochhuth wirklich ist. Er ist nicht nur kein Historiker, der nicht wörtlich sondern nur dem Sinn nach. Oh Gott, Nein, lass Gnade walten – zu allem Überfluss verbreitet er auch noch antiamerikanische Mythen:

Zum Abschied sagte Hochhuth uns, er arbeite gerade an einem Stück über die Ermordung des Bankiers Alfred Herrhausen. Seine These: Es war gar nicht die RAF. Die Amerikaner hätten dahintergesteckt.

Amen.

3 Antworten zu “Hut ab zum Gebet”

  1. Als die Zweifel an der “offiziellen” Version des 11. Septembers lauter wurden, da versuchten “Spiegel”, “Kulturzeit” und andere Medien, die Zweifler eines mehr oder weniger unterschwelligen Antisemitismus zu bezichtigen. Lese ich nun Herrn Smoltczyks sehr eigene Interpretation des Hochhuth-Stückes “Der Stellvertreter”, so wundert es mich, daß “Spiegel”, “Kulturzeit” und andere Medien nicht längst herbeigesprungen sind, Herrn Smoltczyk für seine unterschwellige Verharmlosung des Holocausts zu verurteilen.

    Denn wie sehr die Kirchen mit den Nazis einen gemeinsamen Weg gingen und sie sogar noch nach dem Untergang des Dritten Reiches geradezu penetrant unterstützten, sollte doch ausreichend dokumentiert sein. Und wer es noch immer nicht glauben mag, der lese beispielsweise die Bücher eines Ernst Klees, etwa “Die SA Jesu Christi” oder “Persilscheine und falsche Pässe”.

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