Ein neues Tief für Online- Journalismus: Spiegel Online schlägt zu

Recherche und Interviews waren gestern: wir haben Internetforen!
Ein Gastbeitrag von Christian Ihle

SpiegelOnline kann so schöne Seiten haben: es ist immer recht aktuell, man kann den einen oder anderen vernünftig recherchierten Artikel vorab im Internet lesen, die Themenauswahl weist eine deutlich breitere Aufstellung auf als die Printausgabe es zu leisten vermag, Jan Wigger schreibt seine Platten-Kritiken…

…aber für alles Gute und Schöne muss man auch viel Unsinn ertragen, der in Teilen so weit reicht, dass die Online-Ausgabe des Spiegel beginnt, die Reputation der Printausgabe zu beschädigen.

Muss man wirklich einem SpiegelOnline-Redakteur zuschauen, wie er in Second Life unterwegs ist und dort verzweifelt-belustigt Cyber-Sex sucht? Braucht man die chauvinistischen Oberlehrerkommentare aus Bastian Sicks Zwiebelfisch tatsächlich? Ist die breitere Themenauswahl wirklich ein Segen?

Das Spiegel Online Panorama

Denn, ehrlich: was SpiegelOnline im “Panorama”-Teil abfrühstückt, sind die üblichen Luftblasen, die PR-Agenturen von Schauspielern und Sängern produzieren. Willfährig abgeschrieben, ohne Recherche oder Hinterfragen macht sich Spiegel Online zum Handlanger und Multiplikator von Nichtmeldungen. Noch schlimmer: der einmal in der Woche behandelte und dann gerne als “Junkie-Rocker” (könnte die Bildzeitung nicht besser!) betitelte Pete Doherty findet sich mit Berichten wieder, die unabhängig von Wahrheitsgehalt oder Glaubwürdigkeit 1:1 aus den britischen Revolverblättern Daily Mirror oder Sun abgeschrieben sind. Über die ubiquitäre Paris-Hilton-Berichterstattung wird sich an einer Stelle mokiert, ohne aber – wie von Stefan Niggemeier in der FAS schön aufgezählt – sich zu scheuen, 28 Artikel allein im Monat Juni über die Dame zu veröffentlichen.

Recherche und Interviews waren gestern: wir haben Internetforen!

An derartige Heucheleien und Faulheiten in der Eigenrecherche hatte man sich ja bereits mehr oder minder gewöhnt, doch nun geht SpiegelOnline tatsächlich auch noch dazu über, wild und wahllos aus Internetforen abzuschreiben statt selbst Interviews zu führen oder gar sauber recherchierte Hintergrundberichte zu verfassen.

So geschehen heute, zum Thema “möglicher van der Vaart – Wechsel vom Hamburger SV zum FC Valencia“: wird ein Interview mit dem betroffenen Spieler geführt? Erkundigt man sich beim Trainer wie er seinen Topstar zu ersetzen gedenke? Wird der Manager gefragt, ob er aus den Spielerverkäufen der letzten Saison mit folgendem Abstiegskampf gelernt hat? Wird vielleicht gar in Spanien mit dem angeblich interessierten Topklub gesprochen?

Ach, woher! Wir haben ja Internetforen! So erfahren wir, dass der User “Tübinger” im HSV-Forum van der Vaart mit Neil Armstrong und den HSV dann wohl offensichtlich mit dem Mond vergleicht. Oder so. Ungefähr.
Auch schön zu wissen, dass “Flyboykiel” van der Vaart für unzurechnungsfähig erklärt und ein anderer Fan absurde interne Umbesetzungen für die freie Stelle des Mittelfeldregisseurs andenkt (Stürmer Zidan ins Mittelfeld, weil dieser dribbelstark wäre. Ehm ja) oder User “Düwel” den Gedanken weiterspinnt, und Abwehrspieler van Buyten aus München zurückholen möchte, diesen in den Sturm einsetzt, um Stürmer Zidan ins Mittelfeld zu schieben. “Humor ist, wenn man trotzdem lacht” schreibt Spiegel Online den Forumsnutzern tadelnd ins Gebetbuch.

Journalismus ist, wenn man alles schreibt?

Christian Ihle
(zuerst veröffentlicht in seinem taz-Pop-Blog “Monarchie und Alltag” )

4 Antworten zu “Ein neues Tief für Online- Journalismus: Spiegel Online schlägt zu”

  1. Der Abstieg des Panorama Ressorts zum Boulevard begann mit der Einstellung von Patricia Dreyer. Seitdem finden sich sowohl bei SpOn als auch bei Bild.de immer häufiger Artikel zu den gleichen Themen.
    Persönlich hat SpOn bei mir seinen Tiefpunkt mit dieser Meldung erreicht: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,497075,00.html
    In einem solchen Fall sich auf BamS als einzige Quelle zu berufen halte ich für fahrlässig und entspricht nicht mehr den Ansprüchen des Spiegels.
    Mit Rücksicht auf die Angehörigen hätte SpOn auf die paar Klicks ruhig verzichten können.
    Gerade weil sich die Meldung auch noch als falsch herausstellte…

  2. Dazu muss man sich klar machen, dass Aust sich auch als Chef von Spiegel-Online sieht, irgendwie: “”Für alles, wo “Spiegel” draufsteht, muss eine Person, nämlich der Print-Chefredakteur, der zuletzt Verantwortliche sein.” (Horizont)
    Nachfragen dazu hatte uns seinerzeit aber weder Müller von Blumencron noch Aust bzw. die entsprechenden Büros beantwortet.

  3. Ich muss Hendric wiedersprechen.
    Der Abstieg des Panorama Ressorts begann schon lange vor
    der Einstellung Patricia Dreyers. Der Einstieg der Dame hat den Abstieg nur
    massiv beschleunigt.

    Das komplette OnlineMagazin befindet sich was journalistische
    Standarts und Sprachwahl angeht seit langem im freien Fall.

    Hat sich mal jeman den Spaß gemacht zu zählen wie oft im Monat Juli das Wort “Gaga” in der Überschrift oder Artikeltext vorgekommen ist? Reinstes Bildzeitungniveau. Ich habe inzwischen aufgehört SPON zu lesen, weil mich inzwischen beim Lesen der Artikel aufgrund der Sprachwahl und des Inhaltes fast die gleiche Fremdscham erfüllt, die man verspürt wenn beim Bezahlen an der Tankstelle der Blick auf eine Überschrift der dort ausgelegten Bildzeitung fällt.

    Gruß

    Fröd

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