Corona-Journalismus: Zerrspiegel einer Demo

Eine aktuelle Qualitätsstudie zum “Corona-Journalismus” in der Schweiz kommt zu einer mittelprächtigen Bewertung, eine frühere (methodisch fragwürdige) deutsche Studie, als Pre-Print veröffentlicht, sieht die deutsche Corona-Berichterstattung positiv (zu beiden Studien ein anderes Mal mehr). Wir schauen hier lieber, wie schon seit 14 Jahren, auf Einzelfälle, weil es journalistischer Medienkritik nicht um eine Gesamtbeurteilung geht (niemand nutzt ja die “Gesamtmedien”), sondern um Missstände im Detail.
Die regelmäßig kritischen Punkte haben wir schon oft benannt (ein ausführlicher Debattenbeitrag anlässlich der Pandemie erscheint in Kürze in der Fachzeitschrift “journalistik” 2/2020):
—Durch Voreingenommenheit, Mangel an Recherche und das Verwechseln von Meinen und Wissen, Ansichten und Tatsachen, kommt es im Journalismus permanent zu Verzerrungen.
—Es werden für die Orientierung wichtige Informationen ausgeblendet, andere über ihr repräsentatives Maß hinaus hervorgehoben und simple Faktenwiedergaben durch Interpreation oder Umformulierung zu Falschbehauptungen.

Wir werden hier in loser Folge an Einzelbeispielen Defizite der Corona-Berichterstattung aufzeigen. Dabei geht es wie üblich nicht um die Bewertung von Veranstaltungen oder Ereignissen, sondern ausschließlich um ihre journalistische Darstellung. Es wird hier keine Diskussion geführt um “Corona-Politik” o.ä. Maßstab für die Medienkritik ist ausschließlich die Orientierungsleistung, die der untersuchte Journalismus bietet. Dazu schauen wir heute auf die Spiegel-Berichterstattung über die Demonstration und Kundgebung “Das Ende der Pandemie – Der Tag der Freiheit” am 1. August 2020 in Berlin.
Zunächst: Was sollte das Thema der Berichterstattung sei? Das Anliegen der Demonstranten natürlich. Daneben kann alles andere im Rahmen des Bemühens um wahrheitsgemäße Darstellung auch eine Rolle spielen.
Doch was machen zahlreiche Berichte, keineswegs nur vom Spiegel? Sie vermitteln als erstes Wertungen des Geschehens (ob nun rein auf der Basis des Berichterstatters selbst oder unter Berufung auf Dritte) und fokussieren auf Beanstandenswertes (was grundsätzlich natürlich Aufgabe des Journalismus ist), wobei allerdings – Hund beißt Mensch – nur vermeldet wird, was erwartbar war. Schauen wir uns das auf Spiegel.de im Detail an.

Schon vor dem ersten Bericht zur Demo kolportierte der Spiegel wie viele andere Medien (später): “Altmaier fordert härtere Strafen bei Verstößen gegen Corona-Regeln“. Mit dem Hinweis, dass dies grundsätzlich keine Nachricht ist, werde ich sicherlich keinen Erfolg bei den Kollegen haben, aber für kritische Rezipienten: Zum einen sind Gesetze nunmal Sache des Parlaments, das deshalb auch “Legislative” heißt, und nicht der Regierung, die vielmehr die Gesetze umzusetzen hat (“Exekutive”). (Dass Peter Altmaier seit 26 Jahren im Bundestag sitzt, ändert daran nichts, denn er wird in seiner Funktion als Wirtschaftsminister befragt.) Zum anderen aber (und hier weit wichtiger) sind Bußgelder bei Verstößen gegen die Coronaverordnungen Ländersache. Und soweit Altmaier von “bestrafen” spricht, ist die Justiz zuständig, die dritte Säule des Staates, mit der Jurist Altmaier nun gerade gar nichts zu tun hat. Von einem neuen Straftatbestand steht in der Meldung nichts (auch doof, dass dpa dazu nicht konkreter nachgefragt hat oder die entsprechende Passage aus der Meldung gestrichen wurde).
Ein unstrittiger Verstoß gegen Qualitätskriterien ist allerdings, dass der Spiegel seinen Beitrag ohne Hinweis später geändert hat. Laut eigenem Logbuch ging er um 11:59 Uhr online, trägt aber die Zeitmarke 15:09. Im Text findet sich ein Bezug zur Demo, obwohl Altmaier dazu gar nichts sagt und zum Zeitpunkt des Gesprächs auch noch gar nichts sagen konnte:

“Gegen diese und andere Einschränkungen in der Coronakrise haben sich am Samstag mehrere Tausend Menschen in Berlin versammelt. Auf dem Boulevard Unter den Linden standen die Demonstranten laut Nachrichtenagentur dpa dicht gedrängt, auf Abstandsregeln wurde dabei weitgehend nicht geachtet. Die Polizei muss eigentlich darauf achten, dass die Corona-Auflagen eingehalten werden. Altmaier machte deutlich…”

(Zum Vergleich siehe tagesschau.de um 11:45 Uhr)

Der erste Bericht von der Demonstration datiert auf 13:39 Uhr: “Mehr als 10.000 Menschen demonstrieren in Berlin gegen Corona-Regeln“. Der Teaser zeigt, ebenso wie die URL (“Corona-Leugner demonstrieren in Berlin”), wohin die Reise geht:

“Ohne Abstand, ohne Masken: Zahlreiche Menschen sind in Berlin-Mitte dicht gedrängt gegen Corona-Auflagen auf die Straße gegangen – rechte Symbolik inklusive.”

Im Bericht, der offenbar ohne Reporter entstanden ist und sich auf Agenturmaterial stützt, gibt es nicht einen Satz zum Anliegen der Demonstranten. Nur wenige Schlagworte werden referiert – wie weit sie repräsentativ sind, wird nicht eingeordnet.

Der Artikel im Detail (Autopsie):

Spiegel.de-Text Fragen / Anmerkungen
[Dachzeile]
Umstrittene Kundgebung
Wieso “umstrittene Kundgebung”? Jede Demonstration ist doch wohl irgendwie “umstritten”, warum sonst sollten sich Menschen dazu versammeln?
Und ist tatsächlich die Kundgebung an sich umstritten, also das Demonstrationsrecht? Dazu steht im Text nichts (und es wäre ein ganz anderes Thema, das nichts mehr mit Pandemie-Politik zu tun hat)
[Überschrift]
Mehr als 10.000 Menschen demonstrieren in Berlin gegen Corona-Regeln
Mit der Zahlenangabe ist Spiegel.de auf der sicheren Seite, aber ist das die zentrale Information? Es erinnert an Witze der taz, nur dass hier die “Fallhöhe” fehlt. Wie viele Teilnehmer waren von wem erwartet worden? Ansonsten wird regelmäßig angegeben, was die Polizei schätzt und was die Veranstalter schätzen (immer deutlich mehr Teilnehmer). Wie viele Demonstranten in Berlin waren, wird bis zum Ende des Artikels (und auch in den folgenden Beiträgen) nicht klar.
[Teaser]
Ohne Abstand, ohne Masken: Zahlreiche Menschen sind in Berlin-Mitte dicht gedrängt gegen Corona-Auflagen auf die Straße gegangen – rechte Symbolik inklusive.
[Publikationsdatum]
01.08.2020, 13.39 Uhr
Es fehlt der Hinweis auf spätere Aktualisierung(en).
[Foto mit Bildunterschrift:]
“Demonstranten in Berlin: 1100 Polizisten im Einsatz Markus Schreiber/ AP”
Was sagt uns die Zahl der eingesetzten Polizisten (die auf dem Foto nicht zu sehen sind)? Zudem bezieht sich die Zahl auf alle an diesem  Tag bei verschiedenen Demos eingesetzte Polizisten (s.u.).
Seit Samstagvormittag demonstrieren trotz steigender Infektionszahlen Wieso “trotz steigender Infektionszahlen”? Der Zusammenhang wird nicht erläutert.
in Berlin viele Menschen gegen die Corona-Politik der Bundesregierung. Belege? Zitate? Konkrete Kritik oder Parolen?
Die “Corona-Politik” ist bisher in weiten Teilen Ländersache. Läuft die Demo-Kritik ins Leere? Wird sie unrichtig widergegeben?
Ein Polizeisprecher sagte, bereits zum Auftakt des Protestmarschs seien etwa 10.000 Teilnehmer gezählt worden. Diese Zahl war eigentlich erst für die Abschlusskundgebung am Nachmittag angemeldet worden. Im Lauf der Kundgebung berichtete ein Polizeisprecher nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa von rund 15.000 Teilnehmern, die “Berliner Zeitung” schrieb von 11.000 Demonstranten. Kamen also mehr Menschen als erwartet? Oder haben die Veranstalter (absichtlich?) weniger Teilnehmer angemeldet, als zu erwarten waren? Warum gibt es keine journalistische Einschätzung der Teilnehmerzahl?
Die Protestierenden trugen weder Mundschutz, noch hielten sie Abstandsregeln ein. Zumindest so allgemein stimmt das ausweislich vieler Bilder und Filme vom Geschehen nicht. Waren es “viele” oder “die meisten”, die keinen “Mundschutz” trugen? Welche “Abstandsregeln” waren für die Demo vorgegeben? Welche Auflagen gab es sonst? Haben die Veranstalter sie akzeptiert, gab es Gerichtsverfahren oder laufen noch welche?
Vermutlich (aber das steht nicht im Beitrag) richteten sich die Proteste ja u.a. gegen genau solche behördlichen Auflagen.
Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hatte zuletzt härtere Strafen bei Verstößen gegen Corona-Regeln gefordert und verlangte ein entschiedenes Vorgehen bei “unverantwortlichem Fehlverhalten”. Altmaier konnte sich noch nicht auf die konkrete Demo bezogen haben (oder es wird nicht deutlich).
Das Motto der Demonstration lautete “Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit”. Den Titel “Tag der Freiheit” trägt auch ein Propagandafilm der Nazi-Filmemacherin Leni Riefenstahl über den Parteitag der NSDAP 1935. Haben die Veranstalter den sehr allgemeinen Titel “Tag der Freiheit” bewusst in Anlehnung an Riefenstahl gewählt? Wer sagt was dazu? Warum wird ansonsten dieses Wikipedia-Wissen hier referiert? Liefen da “viele” Nazi-Leni-Riefenstahl-Anhänger*innen durch Berlin?
[Bildunterschrift]
Ohne Abstand, ohne Masken – und mit viel Wut. Demonstranten mit Anti-Gates-Bannern in Berlin Foto: Christian Mang/ REUTERS
[Zwischenüberschrift]
Parolen wie “Die größte Verschwörungstheorie ist die Corona-Pandemie”
Ist dieser Slogan repräsentativ für die Demo? Wurde diese Parole in Reden oder sonst wie von der Gesamtdemonstration adaptiert, unterstützt? Es geht ja immerhin um den zentralen Vorwurf, Fakten zu leugnen (hier also: eine objektiv feststellbare Pandemie nicht Pandemie nennen zu wollen). Oder ging es um die Bewertung der Pandemie (und verschiedene Meinungen dazu will ja sicherlich jeder Journalist zulassen)?
Zur Demonstration aufgerufen hatte unter anderem die Initiative “Querdenken 711”, die bereits seit Wochen in Stuttgart demonstriert. Wer oder was ist diese Initiative? Für oder gegen was hat sie bisher in Stuttgart (wie und mit welchem Zuspruch) agiert? Für was steht “711”?
Nach Angaben von Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) riefen auch verschiedene Neonazi-Organisationen zur Teilnahme auf. Welche, ja wohl verbotenen, “Neonazi-Organisationen” haben zur Teilnahme aufgerufen? Was sagen die Veranstalter dazu? (In seiner Eröffnungsrede hat sich der Anmelder von jedem Extremismus distanziert.) Wie ist das sonst bei Demos?
Eine ebenfalls für Samstag angemeldete Veranstaltung des Verschwörungstheoretikers Attila Hildmann war im Vorfeld unter anderem wegen des Vorwurfs der Volksverhetzung untersagt worden. Es war das zweite Verbot einer Hildmann-Kundgebung in Folge. Bezug zur Demo des Artikels?
Auf der Demonstration waren Ortsschilder und Fahnen verschiedener Bundesländer sowie Deutschlandfahnen zu sehen. Ihren Unmut über die Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus machten die Menschen mit Trillerpfeifen und Rufen nach “Freiheit” oder “Widerstand” Luft. Auch Parolen wie “Die größte Verschwörungstheorie ist die Corona-Pandemie” waren laut Nachrichtenagentur dpa zu hören.
[Eingeblendete Umfrage zum Mitmachen:]
Sollten Großdemonstrationen eingeschränkt werden?
Der Artikel bietet keinerlei Anknüpfungspunkte für diese Frage, die ja die Einschränkung eines Grundrechts betrifft.
[Zwischenüberschrift]
Laut Polizei “ziemlich voll”
Über den Kurzbotschaftendienst Twitter schrieb die Polizei, es sei bei der Versammlung auf der Straße Unter den Linden “ziemlich voll geworden”. Die Beamten sind mit 1100 Kräften im Einsatz. Die Teilnehmer seien nachdrücklich auf ausreichende Abstände und das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung hingewiesen worden. [Tweet der Polizei eingeblendet]
Im Lauf des Tages sollen mehrere Gegendemonstrationen stattfinden, unter anderem wurde eine Veranstaltung “Kein Fußbreit den Verschwörungstheoretikern” mit 500 Menschen angemeldet. Stand der Dinge? Gibt es zu diesem Zeitpunkt schon Gegendemonstrationen, in welchem Umfang?
Insgesamt werden am Wochenende in Berlin mehr als 20.000 Demonstranten erwartet. Mehr als 10.000 Demonstranten “gegen Corona”, mehr als 20.000 Demonstranten insgesamt – pari pari?
Unverständnis für die Demo gab es von politischer Seite.
Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken schrieb: “Tausende #Covidioten feiern sich in #Berlin als “die zweite Welle”, ohne Abstand, ohne Maske. Sie gefährden damit nicht nur unsere Gesundheit, sie gefährden unsere Erfolge gegen die Pandemie und für die Belebung von Wirtschaft, Bildung und Gesellschaft. Unverantwortlich!” Einordnung? Am nächsten Tag widerspricht ein Spiegel-Redakteur dieser pauschalen Kritik. Warum ist es kein “Hatespeech”, wenn eine Politikerin Bürger pauschal als Idioten bezeichnet? Wenn diese Meinungsbekundung hier in Ordnung ist, muss sie dies in anderen Fällen auch sein.
Brandenburgs CDU-Landtagsfraktionschef Jan Redmann teilte mit: “Wieder 1000 Neuinfektionen/Tag und in Berlin wird gegen Corona-Auflagen demonstriert? Diesen gefährlichen Blödsinn können wir uns nicht mehr leisten.” Bedeutet was? Demonstrationsverbote? Wurde auf der Demo möglicherweise gesagt, dass diese Neuinfektionen gerade “trotz” der behördlichen Auflagen zu vermelden sind?
[Quelle/ Autoren]
apr/dpa/AFP

Was bleibt nach diesem ersten Artikel? Weder erfahren wir, wer demonstriert hat, wie viele es waren (eine Frage, die in den Folgetagen die Medien stark beschäftigt), noch was ihr Anliegen war. Was beim Einzelnen hängen bleibt, soll hier nicht gemutmaßt werden. Die Basis für irgendeine Diskussion (über die Großdemonstration selbst) bietet der Beitrag jedenfalls nicht. Falsch ist an dem Beitrag fast nichts (nur die benannte Verallgemeinerung). Und doch lenkt er sehr stark in eine Richtung, die inhaltlich gar nicht fundiert ist. Eine nachrichtliche Darstellung des Geschehens ist der Artikel jedenfalls nicht.

Ein zweiter Artikel von 15:05 Uhr bzw. 18:39 Uhr (Aktualisierung ist wieder nicht angegeben) meldet: “Corona-Proteste in Berlin: Polizei löst nach Demo auch Kundgebung auf“.
Über diese Neuigkeit hinaus besteht der Beitrag überwiegend aus Recycling des vorherigen. Genau genommen ist die Überschrift falsch, denn die Demo wurde vom Veranstalter selbst beendet. Die Teilnehmerzahl 17.000 wird nun ohne Quelle und abweichenden Beobachtungen als Faktum behandelt, zum Inhalt der Proteste wird weiterhin nichts berichtet, stattdessen bleibt es bei Zuschreibungen aus der Schreibstube. So lautet die Bildunterschrift direkt zum Einstieg “Polizisten und Corona-Leugner bei einer Demo in Berlin“, ohne dass dieses “Corona-Leugner” irgendwie belegt würde, weder pauschal für die Demonstration noch konkret für die auf dem Foto Abgebildeten. Bei der neuerlichen Wiedergabe des Esken-Tweets wird nun der entscheidende erste Satz weggelassen: “Tausende #Covidioten feiern sich in #Berlin als ‘die zweite Welle’, ohne Abstand, ohne Maske.”

Ein dritter Beitrag von 19:05 Uhr wird an einem Tweet von Gesundheitsminister Spahn aufgehängt, ansonsten gibt es nichts Neues.

Danach ging ein Kommentar von Lydia Rosenfelder online. Darin schreibt sie:

“In der Coronakrise kann man beobachten, wie Populisten das Potenzial einer neuen Pegida-Bewegung wittern. Man muss aber zwischen Ideologen und Frustrierten unterscheiden. Die Frustrierten kommen nach ihrer Wahrnehmung im politischen Geschehen nicht richtig vor.”

Für die bisherige Spiegel-Berichterstattung trifft das Nichtvorkommen wie gezeigt bestens zu. Es gibt eine gesellschaftliche Trennung: Politiker (außer AfD), Journalisten und alle, die Einfluss haben und behalten wollen auf der richtigen und guten Seite – und dann die anderen, “ein Sammelbecken für Vollidioten“, wie Rosenfelder einen Passanten zitiert.

Zu journalistischer Hochform lief Spiegel.de am Sonntagmorgen auf. Den nunmehr fünften Textbeitrag zur Berliner Großdemonstration betitelte die digitale Illustriert: “Demo gegen Corona-Auflagen: Mehrere Polizisten bei Auflösung von Berliner Kundgebung verletzt“.  Unter Bezugnahme auf einen Tweet der Berliner Polizei behauptet der Beitrag (der ansonsten wiederum nur recycelt, was schon viermal zu lesen war):

“Bei der Auflösung der Kundgebung von Gegnern staatlicher Corona-Auflagen in Berlin sind am Samstag mehrere Polizeibeamte verletzt worden. Drei Polizisten mussten im Krankenhaus behandelt werden. Das teilte die Polizei am Morgen über Twitter mit: [Eingeblendeter Tweet].”

Dabei ist, was der Spiegel behauptet (und was leider auch dpa verbreitet hat), eine Falschmeldung, entstanden aus dem Unvermögen, zwei Sätze einer Quelle korrekt als Nachricht wiederzugeben, garniert mit dem bekannten Verzicht auf Recherche, insbesondere wenn es um Polizeimitteilungen geht:

a) Die Polizei hat nicht behauptet, dass “bei der Auflösung der Kundgebung von Gegnern staatlicher Corona-Auflagen” drei Polizisten verletzt worden sind und ins Krankenhaus mussten. Sie behauptet nicht einmal, dass dies überhaupt irgendwie im Zusammenhang mit der Großdemonstration steht. Die Polizei twitterte: “Ca. 1100 Kolleg. waren an diesem herausfordernden #b0108 im Einsatz. Stand jetzt wurden 18 von ihnen verletzt, 3 werden im Krankenhaus behandelt.” Den Hashtag “#b0108” verwendete die Polizei dabei für alle Demonstrationen an diesem Tag, also z.B. auch die Gegendemonstrationen. Wenn Journalisten schon Nachrichten aus Tweets basteln, sollten sie diese wenigstens verstehen.

b) Die Angabe der Polizei ist per definitionem die Aussage einer Partei, die sie bei jeder Auseinandersetzung nun mal darstellt. Ihre Angaben sind in solchen Zusammenhängen stets subjektiv (ob absichtlich oder unabsichtlich spielt keine Rolle), und die journalistische Sorgfaltspflicht verlangt daher nicht nur eine zweite, unabhängige Quelle, sondern auch Gehör für die “Gegenseite”. Schon der Versuch, diese “Gegenseite” (mutmaßlich: Gewalttäter) bei den “Corona-Demonstranten” zu verorten hätte einen peinlichen Fehler verhindern können (wobei auch das vollständige Lesen des polizeilichen Twitter-Kanals genügt hätte). Denn:

c) Die drei Verletzten gab es bei einer linken Demonstration in Berlin Neukölln (Stichwort: Syndikat). Dass Spiegel.de die Falschmeldung auch heute, drei Tage nach Veröffentlichung  und trotz Leserhinweisen noch nicht korrigiert hat, ist ein besonderes Zeugnis von Qualitätsmanagement.

Stattdessen gibt es folgenden Hinweis ohne Zeitangabe:

“In einer früheren Version des Artikels hieß es, 18 Polizisten seien bei der Auflösung der Demo verletzt worden. Die Nachrichtenagentur dpa und die Polizei haben die Zahl inzwischen korrigiert: Es seien in Berlin bei diversen Demonstrationen sogar 45 Beamte verletzt worden. Doch die genaue Zuordnung, bei welcher Demo sich die Polizisten ihre Blessuren zuzogen, sei derzeit noch nicht möglich.”

Die polizeiliche Aussage, dass die drei vom Spiegel vermeldeten Verletzten nichts mit der Corona-Demo zu tun haben, wurde am 2. August um 15:05 Uhr getwittert.

Der sechste Beitrag von 9:52 Uhr/ 12:40 Uhr: “Dunja Hayali bricht Dreh ab – wegen Sicherheitsbedenken

Am Montagmorgen widerspricht dann Dirk Kurbjuweit in der “Lage am Morgen
Eskens Bezeichnung der Demonstranten als “Covidioten”:

“Möglichkeit zwei: Paranoid sind derzeit der Staat und manche Politiker. Sie reagieren zu heftig auf alles, was die Corona-Politik grundsätzlich infrage stellt. Ich stelle sie nicht infrage, aber ich würde die Demonstranten auch nicht pauschal ‘Covidioten’ nennen, wie die SPD-Vorsitzende Saskia Esken. Es ist noch weniger als sonst die Zeit, in der man etwas genau wissen kann. Und deshalb ist derjenige, der eine andere Meinung hat, nicht ein Idiot, sondern einer, der einer anderen Erzählung folgt.”

Der erste Beitrag des Tages und damit siebte zur Demo widmet sich aber wieder dem Protest am Protest: “Nach Corona-Demo in Berlin: Politik diskutiert über Einschränkung der Versammlungsfreiheit“. Darin kommen neun Politiker mit ihrer Kritik an der “Corona-Demonstration” zu Wort und zwei mit Verständnis. Aus der Zivilgesellschaft ist niemand an diesem “Politik diskutiert” beteiligt.

Fazit: Spiegel.de hat alles andere als objektiv über die Demonstration berichtet. Die analysierten sieben Artikel informieren nicht über das Geschehen, sondern nur über dessen Kommentierung. Dass diese einigermaßen repräsentativ ist, wird nicht belegt. Die Zivilgesellschaft kommt in den Artikeln so gut wie nicht vor. Hauptthema ist die Missachtung der “Hygienevorschriften” – ausgerechnet bei einer Demo, die sich (mutmaßlich, berichtet wird ja nichts) genau gegen diese wendete, was hingegen bei Demonstrationen mit ganz anderem Thema allenfalls eine Randbemerkung und keinesfalls ein Eklat war, etwa bei den “Black Lives Matter”-Demos im Juni, bei denen Spiegel.de übrigens ausschließlich die Teilnehmerzahlen der Veranstalter vermeldete (“20.000 in Köln”, während die Polizei nur “mehrere tausend Menschen” zählte) .

Eine solch einseitige, durchweg kommentierende und zudem noch an zwei markanten Punkten fehlerhafte Berichterstattung wird dem Orientierungsauftrag, der die Pressefreiheit begründet, schlicht nicht gerecht.

Tangierte Qualitätskriterien:
#Richtigkeit
#Repräsentativität
#Vollständigkeit
#Transparenz (Updates/ Veränderungen in Beiträgen nicht gekennzeichnet)

PS / Nachträge: 
Als positives Beispiel kann man die Berichterstattung von ZEIT-online benennen. Auch wenn es im Detail wie bei jedem Artikel noch einiges zu diskutieren gäbe, ist sie doch ein deutlicher Kontrast zur Spiegel-Leistung: Erster nachrichtlicher Bericht und Report vom späten Abend.  [06.08.2020, 14:05]
Tweets Strobel, Mubert eingefügt [06.08.2020, 17:18]
Spiegel-Updates am Ende

Beispiel: Florian Schroeder auf Demo in Stuttgart

Eine Woche nach der Berliner Demo hat es “Querdenken” in Stuttgart wieder in die  Medien geschafft – allerdings nur als Bühne für den Kabarettisten Florian Schroeder. Der sprach dort am 8. August auf Einladung über Meinungsfreiheit, Botschaft: Ihr Demonstranten müsst, wenn ihr für Meinungsfreiheit seid, meine andere Meinung aushalten. Die 11-Minuten-Rede hat Schroeder veröffentlicht.  Die Berichterstattung dazu folgt dem bekannten Narrativ: Wir Guten (nach Schroeder wohl “Vernünftigen”) gegen die Bösen, Dummen. Dass Redaktionen in dem Schroeder-Auftritt Informationspotential sehen, ist ihnen nicht anzukreiden, allerdings fehlt hier wieder jede kritische Distanz, jede Recherche, jede Einordnung. Beispielhaft ein n-tv-Filmchen von knapp zwei Minuten Länge:
Es beginnt mit einer Querdenken-Demonstration in Dortmund, der Inhalt wird mit einem Transparent und drei Stimmen von Demonstranten wiedergegeben. Dann Schnitt nach Stuttgart, wo Florian Schroeder die Meinungsfreiheit ausprobiert habe. Mini-Ausschnitt von Schroeders Rede. Dann Statement von Schroeder an n-tv zu seinem Auftritt, anschließend ein vier-Sekunden-Ausschnitt von “Gesellschaftsforscher” Daniel Dettling (“ein kreativer Vordenker“) über die Demonstranten, dann ein Satz von Ex-Profifußballer Thomas Berthold auf der Stuttgarter Demo (“Jeder von euch kann selbst entscheiden, ob er eine Maske aufsetzt oder die Maske zuhause lässt”). Abschluss mit der Info, Ende August solle es in Berlin die nächste Demo der Querdenker geben.

Was sollen einem solche zwei Minuten an Orientierung bieten? Sie können nur bestätigen, was man schon vorher gedacht hat. Es ist kein Platz für Argumente, es gibt keinerlei Austausch.

An Schroeders Auftritt ist vor allem bemerkenswert, dass er zwar testen wollte, wie weit die Meinungsäußerungsfreiheit reicht und wie sehr er ausgebuht wird, weil er auf der falschen Veranstaltung gesprochen hat, tatsächlich aber nur gezeigt hat, dass er selbst gar kein Interesse an anderen Meinungen hat. Anstatt sich irgendwie mit Argumenten, Parolen, Forderungen der Demonstranten zu beschäftigen, servierte er ihnen seine Sichtweise (“ich bin der  Auffassung,  Corona ist eine hochgefährliche Krankheit”), verkündete seine Meinung — oder machte einfach nur seinen Job (“Florian Schroeder ist ein gefragter Meinungsbildner der jungen Generation und gern gesehener Gast in Talkshows. Auch als Vortragsredner und Moderator von Business-Events begeistert er sein Publikum.”)
Auch diejenigen, die sich (via Social-Media) begeistert über Schroeders mutigen Auftritt zeigen, lassen (nach kursorischer Prüfung) nicht erkennen, für die Meinungsäußerungsfreiheit der Demonstranten einstehen zu wollen.
[10.08.2020, 19:45]

Update Spiegel 1 [14.08.2020, 14:30]: Nach drei Tagen Bearbeitungszeit teilt der Spiegel (Guido Schmitz, Projektleiter Kommunikation und Marketing) auf Anfrage mit:

“Wir möchten Ihnen versichern, dass die SPIEGEL-Redaktion auch in diesem Fall sorgfältig recherchiert hat. An unserer Berichterstattung halten wir fest; sie fußt auf mehreren, offiziellen Quellen.”

Was soll man dazu noch sagen? Die Behauptung des Spiegel

“Bei der Auflösung der Kundgebung von Gegnern staatlicher Corona-Auflagen in Berlin sind am Samstag mehrere Polizeibeamte verletzt worden. Drei Polizisten mussten im Krankenhaus behandelt werden.”

ist schlicht falsch, und es verwundert daher nicht, dass Herr Schmitz darauf verzichtet, die “offiziellen Quellen” zu referenzieren – es gibt sie nicht.  Nach der Relotius-Affäre hatte der  Spiegel einiges an Selbstkritik geübt und neue Qualitätsstandards formuliert. In diesen heißt es unter “Fehlerkultur”:

“Wer nach außen und nach innen glaubhaft auftreten will, kann es sich nicht leisten, über eigene Fehler hinwegzugehen, sie zu ignorieren und sie nicht zu korrigieren. Gerade der SPIEGEL, dessen Aufgabe es ist, auf Fehlverhalten von Politikern, Unternehmen und anderen Institutionen hinzuweisen und es aufzudecken, muss strenge Maßstäbe an sich selbst anlegen.
Dafür braucht der SPIEGEL eine Fehlerkultur, in der es möglich ist,
offen über Fehler zu sprechen.”

Zumindest in besonderen Fällen (nämlich bei schweren Fehlern und bei zahlenden Kunden) sollen Leserhinweise beantwortet werden:

“Wir nehmen unsere Leserinnen und Leser ernst und sind für ihre Hinweise dankbar. Deshalb sollen Zuschriften beantwortet werden,wenn sie auf einen schwerwiegenden Fehler hinweisen. Briefe, die sich auf Texte im Heft und bei SPIEGEL Plus beziehen und die sich ernsthaft mit dem Inhalt des Texts auseinandersetzen, sollen ebenfalls beantwortet werden.”

Warum hat dann niemand vom Spiegel auf die Fehlerhinweise etwa bei Twitter reagiert, so wie überhaupt keine öffentlichen Reaktionen erfolgen? Schmitz:

“Den Umgang mit Fehlerhinweisen und Leserreaktionen haben wir in den SPIEGEL-Standards dargelegt. Die betrauten Kolleginnen und Kollegen setzen unsere Standards gerade auch im täglichen Austausch mit unseren Leserinnen und Lesern im öffentlichen und direkten Dialog konsequent um.”

Update Spiegel 2 [16.08.2020; 13:00 h] : Da die Presse- und Marketingabteilung bekundet hatte, an der Falschberichterstattung festhalten zu wollen, habe ich probehalber die neu eingerichtete Ombudsstelle kontaktiert. Diese hat sich zwar noch nicht gemeldet, doch plötzlich fehlt die Behauptung, drei bei “der Auflösung der Kundgebung von Gegnern staatlicher Corona-Auflagen in Berlin” verletzte Polizisten hätten  im Krankenhaus behandelt werden müssen. Die Quellenangabe hingegen ist unverändert ein Tweet der Polizei. Und der Korrekturhinweis am Ende des Artikels ist, ohne Datum, ohne Bezug auf die hiesige Spiegelkritik, um genau diese Behauptung erweitert worden:

“In einer früheren Version des Artikels hieß es, 18 Polizisten seien bei der Auflösung der Demo verletzt und drei im Krankenhaus behandelt worden.”

Wie oben dargelegt, gab es für die Darstellung des Spiegel von Anfang an keinen Beleg. Und wenn man eine solche Sache schon zum Aufhänger für eine neuerliche Meldung machen will, dann muss sauber gearbeitet werden. Es ist weder eine Lappalie noch ein einmaliges Versehen, was sich der Spiegel hier wieder geleistet hat, sondern wie der Umgang mit den Fehlerhinweisen zeigt: Hamburger Standard.

Update Spiegel 3 [17.08.2020, 15:30 h] : “Die Ombudsstelle” (tatsächlich, also ohne menschlichen Namen) hat geantwortet:

vielen Dank für Ihre Mail an die Ombudsstelle und Ihren Hinweis. Wir haben den betreffenden Satz in der Meldung geändert.

Die Korrektur unter der Meldung geht darauf zurück, dass die dpa die Zahl der an diesem Tag bei Demonstrationen in Berlin verletzten Beamten auf 45 korrigiert hatte. In der Tat wurde später durch den Tweet bzw. die Pressemitteilung der Polizei Berlin außerdem klar, dass sich die drei Kollegen, die im Krankenhaus behandelt wurden, ihre Verletzungen in Neukölln zugezogen hatten.

Update Spiegel 4 [22.08.2020]: Da wir schon lange keine Lesetipps mehr als eigene Beiträge veröffentlichen, weisen wir an  dieser Stelle zum Thema Wahrheitsliebe beim Spiegel auf einen Beitrag bei Übermedien hin:

„Spiegel TV“ schmückt sich mit fremden Mord­drohungen – und lässt den Bedrohten im Stich

„Spiegel TV“ schmückt sich mit fremden Mord­drohungen – und lässt den Bedrohten im Stich

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