Archiv des Autors: Helgoländer Vorbote

Affenpocken-Simsalabim

Der Berliner Tagesspiegel verlängert seine tägliche Todesangst professionell von Corona zu den  Affenpocken, die zweieinhalb Jahre erprobten Echauffageroutinen können 1:1 übernommen werden. In der kleinen Meldung aus dem heutigen Newsletter “Checkpoint” steckt schon viel Verheißungsvolles.

1. Die Guten sind schon ausgemacht. Aus denen, die nach einer Affenpocken-Impfung fragen, die also aus welch rationalen oder irrationalen Gründen Angst um ihre Gesundheit haben, werden vorausschauend die “Impfwilligen“, die ihre solidarische “Bereitschaft” zur Spritze erklären. Nicht sie wollen etwas von der Allgemeinheit, sondern sie tun etwas für diese (die den Arsch noch nicht hoch kriegt, sondern ihn offenbar besonders fest auf irgendwelche Unterlagen drückt). Die Pockenleugner schlummern zwar noch im Redaktionssystem, aber sie sind tastaturklar. Weiterlesen

Presse will sich nicht verkaufen

Das  tägliche Schicksal bei kostenpflichtigen Journalismus-Angeboten im Netz:

Soweit, so gut. Doch ein Angebot, diesen einen Artikel zu kaufen, gibt es nicht:

Ich möchte derzeit genau einen Artikel aus dem Archiv lesen. Da wäre das passende Angebot mit 60 Euro dabei – bisschen viel. Die günstigste Variante gibt es offenbar nur als App fürs Smartphone, zudem muss man dieses angeblich Kurzzeit- und Probeabo doch kündigen, sonst wird es ein Dauerabonnement. Aber selbst, wenn ich mich darauf einlassen will, hat das  Neue Deutschland noch eine Hürde für mich:

 

Es verlangt meine Daten. Das ist absurd und ein 100%iges Ausschlusskriterium. Denn ich möchte nur auf eine Datei zugreifen und ich muss vorab bezahlen – da gibt es keinen Grund, aus dem anonymen Kioskkäufer einen Kunden mit Stammdaten zu machen.

 

Die regelmäßig bei Rückfragen zu vernehmende Behauptung, es sei (steuertechnisch) vorgeschrieben, diese  Daten zu erheben, ist falsch – wie eben  jeder Besuch in einem Buchladen o.ä. zeigt.
1. Es besteht keine allgemeine Pflicht, gegenüber Privatpersonen Rechungen auszustellen (Ausname siehe §13 UStG)
2. Eine Rechnung bis 250 EUR muss keine Adresse des Empfängers enthalten (§33 Umsatzsteuer-Durchführungsverordnung (UStDV)).

Update:
Das hier ausgewählte Beispiel vom “neuen deutschland”  war älteren Datums und ist nicht mehr gültig, aber das Prinzip greift weiterhin auf vielen Seiten:  Der anonyme Kauf einzelner Artikel oder  Magazine ist nicht möglich.

Lang lebe die Bedienungsanweisung

Das Internet ist voll mit veralteten (oder nie zutreffend gewesenen) Anleitungen. Beim Spiegel hat den letzten, unverständlicherweise gefeierten Relaunch zwar die Anleitung überlebt, wie man Seiten mit der Funktion “drucken”  drucken kann – allein die Funktion selbst ist ausgelauncht worden, die Standard-Druckfunktion des Browsers schneidet Textteile ab.
Aber was wäre auch ein Relaunch oder Update, ohne dass Basisfunktionen verschwänden? Praktischerweise erscheinen beim Spiegel solche Texte auch ganz ohne Publikationsdatum – damit sind sie besser gewappnet für die Ewigkeit.

Alexander der große Verbrecher

Eine Stunde “was mit History” bei Deutschlandfunk Nova – und es war wie einst im Schulunterricht, wo die Heldentaten der großen Herrscher mit Jahreszahlen verbunden wurden. Die Sendung vom 11. Oktober feierte Alexander den Großen als großen “Feldherrn”. Man muss sicherlich nicht jeden Deppen bei jeder Erwähnung einen Deppen nennen, den Rechtsextremen nicht immer Nazi – aber wenigsten ein paar nüchterne Zahlen hätten doch geholfen, im großen Feldherren wenigstens auch den grandiosen Verbrecher zu sehen: Wie viele Menschen haben er und seine Soldaten ermordet, verstümmelt, traumatisiert, vergewaltigt, geplündert? Wie viele Soldaten sind für seinen Größenwahn gestorben, verletzt oder traumatisiert worden? War das alles – aus heutiger Sicht – mit irgendwas zu rechtfertigen, oder gehört es nicht einfach in die Reihe, die wir eben im Geschichtsunterricht rauf und runter  gelernt haben: Herrscher, die ihre Ballerspiele analog und im First Life genossen? Weiterlesen

Kluger Kopf komm’n’ziert nicht gern (Korinthe 92)

Während Spiegel-Online auf einen Fehler unterhalb der Eklat-Schwelle, immens beschäftigt mit der Qualitätssicherung am Beginn der Post-Relotius-Ära, erst gar nicht reagiert, nehmen Kollegen der FAZ doch schon am Folgetag das Gelächter über einen Bockschuss des Hauses zur Kenntnis. Was zum Social-Media-Sendungskonzept aber auch dort nicht gehört: irgendwie mit der Community zu kommunizieren, die man sich dort an die Hacken gebunden hat.

Auf 20:42 Uhr am Samstag (3. August 2019) ist ein FAZ-Plus-Artikel datiert, der Alexander Dobrindt als Verkehrsminister ausgibt.

Weiterlesen

Korinthe (91): Gevatter Kroetz

Wozu den Lesern einst unmittelbare Kommentarmöglichkeiten gegeben wurden, weiß der Henker, vermutlich einfach nur, weil da plötzlich jene Technik war. Mit Kommunikation hat diese  “Interaktivität”  jedenfalls nichts zu schaffen, Redakteure bleiben von allen Communitydebatten ungerüht.
Wozu Online-Medien überhaupt Dinge schreiben, fragt man sich weitergehend stets, wenn einen der Verdacht beschleicht, selbst die Mitarbeiter der eigenen Firma interessierten sich nicht die Bohne dafür. Tagelang, wochenlang, für Jahre und Ewigkeiten steht irgendein Nonsens als Netzjournalismus rum, ohne dass es irgendwen kümmert (Beispiel unten). Weiterlesen

Medienbereinigung: Seehofer raus aus den News

Journalismus soll seinen Kunden durch Informationsangebote bei der Orientierung helfen – eine Binsenweisheit. Dass dies unterschiedlich gut gelingt, ist auch selbstverständlich.

Leider gibt es immer wieder auch flächendeckendes Versagen beim journalistischen Auftrag – und die Medienkritik hat u.a. auf solches über den Einzelfall hinausgehende Misslingen zu fokussieren.Nicht selten kann man die Desinformationsgeschwader schon lange Zeit ihres Anflugs vernehmen, weit bevor sie ihre Nebelbomben werfen. Vielleicht sollte die Medienkritik stärker vorwarnend tätig werden – und wenn sie den Medienkurs nicht beeinflussen kann wenigstens die Rezipienten in die Bunker schicken.

Eine solche Vorwarnung muss man in Punkto Bundesinnenminister Horst Seehofer spätestens heute aussprechen. Was immer in den nächsten Wochen und Monaten, die er noch Chef einer riesigen und sehr bedeutsamen Behörde ist, an Forderungen erhebt, an Vorschlägen verlautbart, eben Politik-PR veranstaltet: es ist es nicht wert, darüber auch nur ein Wort zu verlieren. Jede Meldung, jeder Kommentar zu Äußerungen Horst Seehofers sind eine intellektuelle Beleidigung, eine zeitraubende Desinformation.

Denn ein Bundespolitiker, der 100 schiffbrüchige Flüchtlinge zu einem europäischen Problem erhebt, für das es eine “europäisch-solidarische Lösung” brauche, der dieses Kaspertheater nicht exklusiv für den erlauchten Kreis seiner Berufsgenossen aufführt, sondern damit in die Medienöffentlichkeit drängt, wer also nicht in der Lage ist, eine Banalität zu regeln, von dem kann, soll und darf man keine öffentliche Debatten sinnvoll bereichernde Geistesblitze erwarten. Es entspricht dem journalistischen Auftrag der Orientierung, künftig nur noch relevante Tätigkeiten des Bundesinnenministeriums zu vermelden, dessen austauschbaren Chef jedoch komplett zu ignorieren.

Man muss nicht in den Chor der sich moralisch überlegen gebenden “Refugees welcome”-Sänger einsteigen, um Seehofers Verhalten gegenüber den Menschen auf zwei kleinen Rettungsschiffen im Mittelmeer erbärmlich zu finden. Es ist katastrophal genug, dass die EU überhaupt vor einem “Problem” stehen kann, wenn 100 Schiffbrüchige irgendwo aufgenommen werden müssen. In jedem Fall aber ist es die Aufgabe von Politikern bzw. Beamten und Angestellten der Exekutive, solche “Probleme” schnell und souverän zu lösen, ohne damit den Souverän zu behelligen. Wenn diese gigantische Ministerialbürokratie schon überfordert ist, weil 100 Migranten nicht planmäßig entweder von Küstenwachen zurückgeholt worden oder im Mittelmeer abgesoffen sind, um nicht an den Außengrenzen der EU zum Problem zu werden, dann möchte man als Bürger den ganzen Popanz auflösen, in die Wüste schicken oder auf den Mond schießen. Als Journalist jedenfalls hat man zu erkennen, dass Horst Seehofer nicht ernsthaft eine Person sein kann, deren politische Ideen dem Rest der Bevölkerung mitzuteilen sind. Jede weitere Meldung, was Seehofer will oder nicht will, fordert, oder anbietet, ist eine gewaltige Despektierlichkeit gegenüber den Rezipienten.

Wenn Seehofer sich dennoch weiter mitteilen möchte, gibt es dafür reichlich Wege. Journalistische Medien dürfen dafür nicht mehr zur Verfügung stehen.

Fliegenschissjournalismus

Der Drang vieler Journalisten und fast aller ihrer Medienbetriebe zur Skandalisierung ist wirklich in gesundheitsgefährdendem Ausmaß eklig. Obwohl es ja zur Routine von uns Medienkonsumenten gehören müsste, diese billigen Inszenierungen rein um des eigenen publizistischen Vorteils willen zu ignorieren, treibt mir jede dieser Schwachsinnsaktionen den Puls in die Höhe. Weil es so billig  ist. Weil es so unjournalistisch ist. Weil es desinformiert anstatt aufzuklären. Und weil ich mich mit den Menschen, die Medienskandale vorantreiben, nicht gemein machen möchte.

Nun wäre mir das Ignorieren heute fast gelungen, ich hatte nach dem ersten Kontakt mit dem Stichwort “sieben Plagen” alle Spam-Filter gesetzt, – aber  dann penetrierte mich ausgerechnete Deutschlandfunk Kultur mit dieser Aufmachung:

Ein eigener Beitrag. Mit einem Zitat der CDU-Vorsitzenden. Aber nicht, um das Gesagte zu vermitteln, nämlich dass Annegret Kramp-Karrenbauer die Union für Dinge verantwortlich gemacht sieht, die sie sich nicht zurechnen lassen möchte. Sondern um aus dem Klugscheißermodus heraus einen “Sturm der Entrüstung” im Netz zu erzeugen, über den man dann als “Shitstorm” berichten kann.  Weiterlesen

Korinthe (89): Europa wählt nicht

“Europa wählt”, bekommen wir derzeit allenthalben zu hören und zu lesen. Dabei wäre der Totum-pro-parte-Spaß doch größer, käme er der Realität näher: “Europa wählt nicht” muss es eigentlich heißen. Weil nicht nur etwa ein Fünftel der Einwohner gar nicht wählen dürfen, sondern von den Wahlberechtigten in der Vergangenheit weniger als die Hälfte etwas aus dem Angebot genommen haben.

Wer allerdings mit konkreten Zahlen kommt, hat die Wahl zwischen wählen und nicht-wählen nicht mehr. Bei “Ze.tt” steht:

Dass 500 Millionen Menschen wählen werden, ist nicht nur unwahrscheinlich, sondern ausgeschlossen – andernfalls hätte sich der Artikel, unter dem diese Info steht, überraschend erledig. Denn sein Thema ist ja gerade der Wahlrechtsausschluss Unter-18-Jähriger.